Astgedanken

\Beitext{Nurek}

“Jedes Mal.”, fluchte Nurek. “Ich kann mich noch so sehr versuchen, auf ein Treffen mit einer anderen Person vorzubereiten. Ich bin dabei einfach überfordert und fühle mich hinterher jedes Mal scheiße!”

Linoschka nickte. Dazu musste Nurek genau hinsehen, weil Linoschka gleichzeitig damit beschäftigt war, eine Reihe an Klimmzügen an einer dafür montierten Stange auf der überdachten Terrasse zu machen. Es war ihr erstaunlich wenig anzumerken, dass es sie anstrengte. Sie wirkte auf beruhigende Art gelassen dabei. Diese Gelassenheit war, was Nurek brauchte.

“Entweder, seine Virtualität passt automatisch Größen an, oder er ist ein ziemlich kleiner Elb. Er ist ungefähr so groß, wie ich.”, fügte Nurek hinzu.

Linoschka ließ sich auf die nackten Füße fallen, landete dynamisch und ließ sich in eine Liegestützposition herab. Nurek hatte Schwierigkeiten mit dem Zählen, aber glaubte, dass so ungefähr 30 davon nun dran wären, wenn Linoschka der täglichen Routine folgte. “Vielleicht ist er Waldelb. Waldelben sind durchschnittlich so groß wie Lobbuds.”, informierte Linoschka, bevor sie anfing.

“Ich weiß. Ich bin ein Lobbud.”, sagte Nurek.

“‘Tschuldige. Das war wohl unsensibel.”, sagte Linoschka. “Ich habe erst kürzlich mehr über verschiedene Elbenvölker gelernt. Mir war das vor einer Woche noch nicht bewusst. Da habe ich Eigenschaften noch einfach hingenommen und keine Zusammenhänge verstanden.” Sie senkte den Körper ab, um mit den Liegestützen zu beginnen. Hielt aber dann noch einmal inne. “Ich bin nicht sicher, ob ich die Änderung in meinem Kopf mag, oder ob keine Zusammenhänge kennen nicht eigentlich vorteilhafter wäre.”

“Ich fand dich nicht unsensibel.”, sagte Nurek. “Ich hatte eher Angst, unsensibel zu Marim gewesen zu sein, weil ich einen Wortwitz mit Waldkontext gemacht habe: Studiengestrüpp.”

Während Linoschkas Routine würde sie nicht sprechen, das wusste Nurek. Sie selbst hätte es nie geschafft, den Körper zu bewegen, einfach nur um ihn zu bewegen. Es brauchte für sie immer einen Zweck, etwa Landschaft ansehen oder Quallen.

“Wahrscheinlich mache ich mir zu viele Gedanken.”, sagte Nurek. “Wahrscheinlich wüsste ich einfach über die Dinge, die absolut sicher unsensibel wären, nicht, dass sie es sind, weil ich nun mal keinen Subtext verstehe, und mache mir deshalb zu jedem einzelnen Satz Gedanken.”

Linoschka nickte und lächelte sogar ein bisschen.

“Du meinst, das ist eine perfekte Selbsteinschätzung?”, fragte Nurek.

Linoschka nickte noch einmal. Dann schwiegen sie. Mitten in dieses Schweigen hinein trat Ivaness, Nureks Geschwister, leise in den Türrahmen zur Terrasse und lehnte sich mit verschränkten Armen daran an.

“Mein allerliebstes Schwesterherz!”, begrüßte as Nurek.

“Mein bestestes Geschwisterherz!”, grüßte Nurek leidenschaftlich zurück.

“Und gemochtestes Linoschkaherz!” Ivaness runzelte die Stirn. “Der Superlativ von gemocht verwirrt überraschend.”, murmelte as und fragte dann wieder in normaler Lautstärke: “Wenn du fertig bist, hast du Lust Terrorium zu zocken?”

Linoschka nickte.

“Ich würde gern auf andere Gedanken kommen. Darf ich mitmachen?”, fragte Nurek.

“Hui.”, machte Ivaness, und sagte dann erst einmal ein paar Momente nichts. As blickte Linoschka fragend an. Linoschka nickte wieder. “Wir sind ziemlich am Ende der Welt.”, gab Ivaness zu bedenken. “Weit weg vom Spawn. Da müsstest du erst einmal hinkommen.”

“Es ist okay, wenn du ‘nein’ sagst.”, versicherte Nurek. “Wenn das zu stressig ist, treffe ich mich online mit anderen. Oder befasse mich mit regenerativen EM-Anzügen.”

“Regenerativen EM-Anzügen?”, fragte Ivaness, betonte alles davon und wirkte belustigt. “Kurz REM-Anzüge, Anzüge, in denen eins besonders entspannt schlafen kann?”

Nurek schnaubte. “Das wäre schön. Ich habe nicht so gut geschlafen. Aber die Eigenschaft regenerativ bezieht sich auf den Anzug und nicht auf die Person darin.”

“Wir haben zu viele Äste.”, sagte Ivaness.

Nurek nickte. Sie spürte das auch. Ein Ast war die unausgesprochene Frage, was regenerative EM-Anzüge waren, und einer die Frage, ob es doch okay wäre, wenn Nurek mitspielte, oder eben nicht. Außerdem wollte Ivaness bestimmt wissen, wie es gelaufen war. As war gerade erst aufgestanden und lehnte in einem flauschigen, pinken Bademantel da.

“Es sind EM-Anzüge in der Entwicklung, noch nicht einmal im Studien-Status, die gefüttert werden, und sich dann selbst ausbessern.”, erklärte Nurek. “Das heißt, wenn sie gerade nicht getragen werden, dann werden sie sozusagen auf Nährboden gelegt, ganz normalen, der auch für Minzpflanzen gut wäre,” – warum musste sie schon wieder die Minz-Referenz bringen? – “und daraus ziehen sie dann Nährstoffe, um sich selbst zu reparieren, wie Haut das zum Beispiel tut. Das hieße, dass sie nicht mehr zum Recycling geschickt werden müssten. Und sie sind dann noch mehr Bio als vorher.”

“EM-Anzüge, die Erde fressen?”, fragte Ivaness leicht ironisch.

Ein Grinsen schoss über Linoschkas Gesicht, mitten in der Bewegung.

Nurek betrachtete kurz den Schweißfilm, der sich auf Linoschkas Haut bildete und richtete die Aufmerksamkeit dann wieder auf ihr Geschwister. “Sozusagen. Und Genaueres weiß ich auch noch nicht.”, schloss Nurek die Erklärungen ab. “Wie gesagt, ich will mehr dazu lesen.” Sie grinste ebenfalls. Sie wusste, dass ihr Geschwister die Witze machte, weil Linoschka und sie, und auch der Rest der WG, sie alle witzig fanden, und nicht, weil as nicht daran glaubte, dass aus den Fortschrittsideen die Zukunft entstehen könnte. Es ging iem nicht darum, sich über die Entwicklungen oder über Nurek lustig zu machen.

“Du kannst in Terrorium mitspielen.”, versicherte as, als nächstes diesen Ast abarbeitend. “Es wird halt nur mindestens eine halbe Stunde brauchen, bis du bei uns bist, und wir müssen dich gut lotsen. Das macht mir Spaß, und Linoschka hat da nichts gegen. Ich weiß nicht, ob es dich stresst, in Terrorium erst einmal auf dich gestellt zu sein.”

“Magst du ein bisschen erzählen, was auf mich zukommt?”, fragte Nurek. “Ich habe mal ein Let’s Play und ein Tutorial dazu angesehen, immerhin stand ich bei beidem direkt in der Handlung und es war nicht von außen zugesehen.”


Terrorium war ein graphisch wunderschönes Spiel, fand Nurek. Und ein grauenvoll gefährliches. Nah am Spawn standen viele selbst zusammengebaute Häuser, alle leer. Linoschka und Ivaness leiteten Nurek aus der Ferne zu einem sehr versteckten, das sie am Anfang zusammengebaut und darin viel Ausrüstung platziert hatten, mit der sich Nurek nun ausstatten konnte. Es war kein Spiel, das darauf Wert legte, möglichst realistisch physikalischen Gesetzen zu folgen, wie, dass Dinge ein Gewicht hatten, und trotzdem versuchte, ansatzweise den Anschein zu erwecken. Nureks Inventar war in Taschen eines langen, dunkel-blaugrünen Mantels verstaut, der sehr viele davon hatte. Taschen mit einer Art Verkleinerungszauber: Wenn sie das Langschwert in eine davon steckte, dann wurde es dabei klein und leicht wie ein Streichholz. Linoschka riet ihr allerdings, es in die Scheide am Gürtel zu stecken, die Nurek anfangs gar nicht bemerkt hatte, weil sie so klein war. Linoschka riet dazu, weil das Schwert sonst womöglich Löcher in die Manteltaschen stechen könnte.

“Du hast quasi null Erfahrung in Schwertkampf, richtig?”, fragte Ivaness.

“Auf was für einer Skala?”, fragte Nurek.

“Auf einer von -1 bis 9?”, schlug Ivaness vor, “Wobei negative Zahlen auf Ungeschick hindeuten.”

“Ja, null kommt hin.”, sagte Nurek. “Ich schwanke tagesformabhängig zwischen -0.3 und 0.3 würde ich sagen. Mit Bögen kann ich besser umgehen, aber eigentlich verstecke ich mich lieber.”

“Verstecken geht auch, aber dann bekommst du keine Monsterdrops. Das macht Vorankommen langsamer.”, erklärte Linoschka.

“Außer, du gehst zufällig einen Weg, den vorher schonmal Leute gegangen sind, die dir eine Spur wertvoller Gegenstände in Hütten zurückgelassen haben.”, meinte Ivaness. “Und mit Leute, meine ich Linoschka und mich. Wobei ich nicht mehr weiß, was in den ersten Hütten so liegt. Bogenmaterial kommt definitiv erst später. Aber das kriegen wir alles hin. Beeil dich nur mal, es wird Nacht.”

“Ist es nachts nicht gefährlicher?”, fragte Nurek irritiert.

“Im Single-Player, auf Servern mit Anti-Grinding-Regeln oder weiter weg vom Spawn schon.”, erklärte Ivaness. “Vielleicht ist dir aufgefallen wie sehr unser Haus versteckt war, und wie gezielt mit Pausen und so wir dich von dort, wo du gespawnt bist, dahingelotst haben. Auf diesem Server gehört am Anfang dazu, dass andere Spielende dich ausrauben – das nennt sich auch grinden –, und das passiert öfter tags, weil es tagsüber ja ungefährlicher ist. Vor allem ohne Ausstattung. Aber du hast ja Ausstattung.”

Nurek sagte nichts weiter dazu und ließ sich noch ein bisschen in die Ausstattung einweisen. Das Schwert war verziert. Die magischen Heiltränke wirkten, als wären sie Glitzer oder Wolken in Flaschen abgefüllt. Das Fernglas hatte einen Steampunk-Look. Unter ihrem Mantel trug Nurek ein sehr fein gewebtes Kettenhemd aus schwarz-glitzerndem Material mit eingewebten silbrigen Spiralen. Binnen kurzer Zeit war sie eine fabulös schöne Tötungsmaschine, wenn auch eine schlecht ausgebildete, die bevorzugte, lieber nicht zu töten.

“Später kommen Zauber in Flaschen dazu, die dich für je ein paar Milli- bis hin zu Zentistunden unsichtbar machen, oder die Monster verwirren, oder du kannst damit fliegen.”, zählte Ivaness auf.

“Ich mag die Netze.”, sagte Linoschka.

“Nee, damit machst du mich immer noch nicht glücklich.”, erwiderte Ivaness, und erklärte Nurek: “Es gibt Klebemasse, die sich, wenn sie richtig geworfen wird, zu sehr feinen, ekligen Spinnweben auffächert und verklebt. Es löst sich nach einer Weile auf. Damit kannst du Monster auch vorübergehend fixieren.”

Die letzten Sonnenstrahlen vergingen, und Ivaness leitete Nurek vorsichtig aus der Höhle, in der das Haus stand, hinaus, den Hang hinab. Nurek übertrug dabei, was sie sah, an die beiden anderen. Linoschka war aufmerksam. Ihr entging nicht, als ein Elb weit entfernt hinter einem Baum hervorlugte, während er Nurek unauffällig zu folgen versuchte. Ivaness riet dazu, wegzulaufen und führte Nurek geschickt einen Pfad zwischen pechschwarzen Bäumen mit hellblau leuchtender Maserung und blauen Blättern hindurch in ein Tal, in das von anderen Seiten orange Lavabäche flossen. Es handelte sich um einen Sumpf mit Kröten, die halb so groß waren wie Nurek. Der Weg war ein Labyrinth, das Ivaness in- und auswendig kannte, wahrscheinlich weil as es am Anfang sehr oft gegangen war. Der Elb tauchte erst nach einer Weile wieder auf. Hier im Sumpftal war weite Sicht möglich. Er versuchte Nurek wieder einzuholen, aber versank im Moor, bevor er sich wesentlich genähert hatte, und despawnte.

“Nurek, das ist deine Wahl: Willst du zurückgehen und das gedroppte Inventar einsammeln, oder lieber schneller bei uns sein?”, fragte Ivaness.

“Ich würde vermuten: Auf der einen Seite, je weiter ich bei euch bin, desto unwahrscheinlicher sehe ich eine Spielperson ihr Inventar verlieren.” – sie mied das Wort ‘sterben’ und wusste nicht so genau, warum – “Auf der anderen Seite wirkt die Spielperson nicht, als hätte sie in diesem Spiel schon viel gesehen, weshalb ich vermute, dass das Inventar nicht so interessant ist?”

“Außer, die Person hat vorher andere Schätze geplündert.”, überlegte Ivaness.

“Wie lange brauche ich?”, fragte Nurek.

“Wenn du zügig bist, eine Achtelstunde.”


Nurek brauchte am Ende etwas länger als eine halbe Stunde bis zu Linoschka und Ivaness. Sie kam durch viele kreative Wälder, durch eine Gebirgslandschaft mit Steinriesen, die Geröll rollten, und Schnergen – Tieren ähnlich riesiger Schnecken mit Häusern aus Stein, die es auch im Outernet gab. Sie durchquerte eine Steppe, die voll mit Blumen und Schmetterlingen war, obwohl die virtuelle Sonne darauf niederbrannte und blendete. Und überall wich sie gezielt wunderschönen, riesigen Monstern aus, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, sie zu fressen.

Es war, wie sie schon gewusst hatte, ein optisch wunderschönes und nervlich extrem stressiges Spiel. Als sie bei Linoschka und Ivaness angekommen war, war sie erschöpft. Sie war tatsächlich auf andere Gedanken gekommen. Sie hörte auch noch nicht direkt auf zu spielen, weil Ivaness und Linoschka ja extra auf sie gewartet hatten. Aber länger als eine weitere halbe Stunde hielt sie es nicht aus.

“Wie schlimm ist es für dich, wenn wir weiterspielen?”, fragte Ivaness, als sie sich verabschieden musste. “Du hast gemerkt, wir kommen viel langsamer voran, als du am Anfang, weil wir alles kennenlernen müssen. Wenn du wiedereinstiegst, dann ginge das Aufholen schneller, es sei denn, du steigst erst in zwei Wochen wieder ein.”

“Es ist überhaupt nicht schlimm.”, versicherte Nurek. “Ich hoffe nur, ich habe euch nicht genervt, weil ihr am Anfang warten musstet, und nun kann ich schon nicht mehr.”

“Nein, das war ja halt auch vorher klar.”, widersprach Ivaness. “Es ist immer noch nicht das erste Mal, dass du mit uns spielst. Ich weiß doch vorher, dass du nicht lange durchhältst, und das ist auch okay. Daher habe ich mir eher Gedanken gemacht, ob es für dich mies ist, wenn die Hälfte deiner Spieldauer fürs Hinterherkommen draufgeht. Die Frage nun aber ist, brauchst du mich jetzt?”

All die Worte traten in Nurek einen Haufen Gefühle los. Astgefühle. Astgedanken, weil sie in viele Richtungen gleichzeitig verzweigten und Nurek keine Reihenfolge wusste, in der sie sie hätte abarbeiten können oder wollen. Da war die Wut darauf, nicht länger zu können. Sie mochte die Beschränkung nicht. Da war die Angst, die sie gehabt hatte, dass sie Linoschka und Ivaness Spaß rauben könnte, die völlig unbegründet gewesen war. Warum hatte sie die überhaupt? Das ergab keinen Sinn. Und dann die Frage, ob sie Ivaness gerade brauchte.

“Ich glaube schon.”, murmelte Nurek zurückhaltend. “Nicht genau jetzt, aber im Laufe des Tages. Mir geht es mies.”

“Du kannst mich auch genau jetzt haben. Einfach falls du Angst hast, dass du mir was wegnimmst. Terrorium läuft nicht weg.”, versicherte Ivaness.

Linoschka nickte einfach.

“Ich würde gern duschen und ein bisschen allein draußen die Vögel angucken. Vielleicht eine Runde schwimmen.”, beschloss Nurek. “Aber am frühen Abend wäre ich froh über Mental Support.” Sie merkte, wie sie fast weinte.

Ivaness merkte es auch und nahm sie in der Virtualität fest in den Arm. “Ich bin dann da.”

“Ich auch, wenn du magst.”, sagte Linoschka.

“Mag ich. Auch der Rest der WG, wenn gewünscht.”


Nurek setzte die frisch gewaschenen Füße auf den Stein der Schären. Es war nicht unbedingt dreckiger Stein, aber am Ende wären ihre Füße sicher wieder dunkelgrau von unten. Natur eben.

Nurek mochte es sehr, Lobbudfüße zu haben. Große Füße mit dicker Haut darunter, die jegliches Wetter abkonnte, Schuhe hinfällig machte und zugleich sensibel fühlte.

Die WG, – eine kleine Hack-Kommune derzeit bestehend aus fünf Personen –, bewohnte eines von acht Häusern in Röbersjard, eine Viertelstunde mit dem Rad von der Kleinstadt Fjärsholm entfernt. In Fjärsholm gab es einen Bahnanschluss, Fährverbindungen zur Insel Klit oder rüber nach Geesthaven, der Sportstadt auf der anderen Seite der großen Bucht, einen kleinen Sporthafen, Cafés und Restaurants, ein gewisses Angebot an Kursen oder kleineren Konzerten. Nicht viel, aber absolut ausreichend.

Röbersjard war ruhig und lag mitten zwischen Bäumen und Schären nah am Wasser. Nurek mochte die Stille. Wobei es vielleicht seltsam war, den Geräuschpegel, den die Möwen, Amseln, Krähen und Insekten von sich gaben, als Stille zu bezeichnen. Nurek kletterte über den weichgespülten Stein über ein paar Hügel im Wasser zu einer guten Badestelle. Etwas weiter draußen von hier sichtbar stand der alte, schwarz-weiß geringelte Leuchtturm im Wasser, dessen Ballustrade voll von Körmöränen war. Am Fuß des Leuchtturms lag ein Motter und schlief. Die Wolkenbänder warfen wandernden Schatten über die Schären. Nurek wartete ab, bis die nächste scharfe Schattenlinie an ihr vorübergezogen war und sie für eine Weile Sonne haben würde, bis sie sich langsam ins kalte Wasser hinabließ.

Sie schmeckte Salz auf den Lippen, und liebte es. Sie zog die Schnorchelmaske an, die sie am Ufer bereitgelegt hatte und schwamm knapp unter der Wasseroberfläche nah am Stein entlang. In den Ritzen hausten schwarze Seeigel. Ansonsten waren nur Seesterne langsam genug, dass Nurek sie selbst mit dieser für sie angepassten Schnorchelmaske klar erkennen konnte. Alles andere war eigentlich zu schnell. Allerdings war Nurek gewohnt, etwas eingeschränkt zu sehen und genoss das, was sie sah, trotzdem. Manchmal fragte sie sich, ob es wie ein Widerspruch wirkte, dass zu ihren größten Interessen gehörte, Natur und Lebewesen zu beobachten. Aber Interessen mussten eben nichts sein, worin Leute gut waren, sondern was sie begeisterte.

Heute allerdings sah sie lediglich ein paar Seenadeln, einen Schleimfisch, der an einem Fels nuckelte, und einen kleinen Tausendflössling, - eine Art Wurm mit sehr vielen Flossen an beiden Seiten entlang des Körpers, mithilfe derer er in jeglichen Krümmungen stationär schwimmen konnte. Es war ein wunderschönes Wesen.


Als Nurek zum Haus zurückkehrte, hatten die anderen Mitbewohnenden den Tisch im Garten gedeckt. Linoschka stellte gerade einen großen Kardamalkuchen in die Mitte, als Nurek eintraf.

“Du hast Kuchen gedruckt!”, rief Nurek ihr zu.

“Ja!”, rief Linoschka über den Tisch hinweg zurück.

“Was machen wir dagegen?”, fragte Nurek.

“Essen?”, fragte Linoschka.

“Meinst du wirklich, dass das eine sinnvolle Methode ist, mit der Situation umzugehen?”, fragte Nurek.

“Ja!”, antwortete Linoschka überzeugt.

Sie hatten häufiger solche nicht viel sagenden Konversationen. Irgendwie gehörte es zu Nureks Mustern. Muster beruhigten. Sie war immer noch nervös.

Mø und Tjaren hatten statt Stühle eine Liege an die eine Seite des Tischs positioniert. Tjaren hatte sich auf Møs dicken Bauch gekuschelt, den sie vor allem dazu sehr gern hatte. Sie streichelte Tjarens faltiges Gesicht und Tjaren entspannte. Tjaren hatte oft Schmerzen, was es zu einem noch entspannenderen Anblick machte, dass das wohl gerade nicht der Fall war.

Nurek half dabei, Becher herauszutragen, pflückte weitere Zweige der Minze für den Minzaufguss und setzte sich zuletzt dazu.

“Diese Forschperson will dich nie wiedersehen!”, riet Ivaness scherzhaft dramatisch.

“Marim hat sich heute morgen gemeldet, dass er Kopfschmerzen hätte, es wirklich nicht an mir läge, aber er frühestens heute Abend wieder in der Lage sein wird, mit mir zu reden. Und dass ihm das wirklich leid tut.”, berichtete Nurek und fragte sich, ob sie etwas Wesentliches vergessen hatte.

“Hast du Angst, dass es irgendwie doch an dir liegen könnte?”, fragte Ivaness.

As war durchaus oft gut darin, zu raten, was für Sorgen Nurek sich machte, aber dieses Mal lag as nur so halb richtig.

“Kurze Antwort: Nein.”, sagte Nurek. “Lange Antwort: Ich kenne von mir, dass ich in bestimmten Zeiten nur sehr bestimmte Leute um mich haben mag.”

“Wir haben dich auch sehr gern!”, warf Mø warm lächelnd ein.

“Das ist wunderschön! Aber es geht nicht nur um gern haben.”, sagte Nurek. “Es geht auch um Berechenbarkeit.” Und das war exakt so eine Situation: Wenn sie in fremden Runden gesagt hätte, dass sie sich gestresst fühlte, weil sie die anderen in der Runde nicht vorhersehen konnte, weil sie nicht berechenbar genug wären, dann fühlten sie sich beleidigt und sagten sonst etwas. Ob das nicht langweilig wäre, dass sie keine Versuchsobjekte wären, oder sie fühlten sich irgendwie reduziert. In dieser Hack-Kommune war das anders. Sie wussten, was damit gemeint war, und fanden es verständlich und okay. “Jedenfalls, würden Marim und ich uns besser kennen, und wäre ich zufällig eine Person, die so zu ihm passt, wie ihr zu mir, dann wäre es vielleicht anders. In dem Sinne kann es durchaus an mir liegen, oder Voraussetzungen im Zusammenhang mit mir. Aber es ist okay.”, führte sie die Argumentation zu Ende. “Ich muss nicht aktuell perfekt für Marim sein, und es ist auch okay, wenn ich es nie bin. Ich will doch auch gar nicht mit allen Wesen der Welt hier zusammenwohnen. Also, rein faktisch könnte es sein, dass es an mir liegt. Deshalb fühle ich mich aber nicht schlecht oder falsch, und glaube nicht, dass ich unbedingt was falsch gemacht habe.”

“Was ist dann das Problem?”, fragte Ivaness. “Was stresst dich?”

“Zum einen, das Übliche.”, antwortete Nurek. “Hätte ich diesen oder jenen Witz nicht machen sollen? War ich zu aufgeregt? War ich zu albern?” Nurek überlegte, dass dies doch Gedanken waren, ob sie etwas falsch gemacht haben könnte, und konnte deshalb nicht zum ‘zum anderen’ kommen, das ohnehin viel komplizierter war. Ein komplexerer Ast im Astdenken. Und als sie nicht fortfuhr, tat es Ivaness stattdessen.

“Du machst dir ja doch Gedanken, ob du was falsch gemacht haben könntest.”, sagte as. “Das ist internalisierter Ableismus. Du hast – wie immer – alles durchdacht, was du in der Zeit durchdenken konntest. Du hörst zu. Du argumentierst, dass andere nicht auf dich zukommen würden, um dir zu sagen, was du falsch gemacht hast, und du deshalb selber suchen müsstest, wenn du es rausfinden willst. Aber das ist nicht deine Aufgabe. Warum schießt du die Leute nicht ab, die diesen Job nicht übernehmen, klar mit dir zu kommunizieren? Sprich, wenn da was ist, und Marim sagt das nicht, dann ist das sein Problem. Wenn du sowas im Nachhinein rausfindest, streich den Kontakt. Du hast genügend coole Kontakte.”

Ivaness war schon immer recht radikal gewesen. Nurek mochte das so an sich, aber gerade stresste es. “Marim ist auch neuroatpyisch.”

“Ja und?”, fragte Ivaness. “Es ist ein Spektrum. Auch unter neuroatypischen Leuten gibt es welche, die nicht klar kommunizieren, oder wo Kommunikation eben eine Hürde ist, bei der die Verantwortung, mit ihr umzugehen, nicht nur deine ist. Wirklich.”

“Ich weiß.”, seufzte Nurek. “Ich habe mich einfach schon seit Monaten vorbereitet, dieses Treffen zu haben.”

“Du hast schon ein bisschen gefanhypet.”, meinte Linoschka leise.

“Ja!”, grummelte Nurek. “Ich hype diese Person, und dafür fühle ich mich auch beschissen. Der Forschungsstil ist so cool wirr! Es ist alles so Jetzt, so konsequent. Nach dem Motto: Oh, wir haben hier eine Information gefunden, die nicht zu unseren bisherigen Methoden passt. Ich mache ab jetzt sofort nicht so weiter wie bisher. Es ist so flexibel.” Nurek merkte, wie der Hype sie wieder erwischte, diese innere Begeisterung, dieses Brennen. “Und dann das Forschungsziel selbst! Eskapismus hat schon immer Leuten geholfen. Es wird mit der steten Verbesserung der Lage und dem weiteren Dekonstruieren toxischer Kapitalismus-Strukturen, die immer noch in den Köpfen verankert sind, zunehmend weniger notwendig, dass Leute Eskapismus brauchen. Aber er geht halt daran und sagt: Wer zum Slik sagt, dass wir gute Dinge nur als Ausgleich haben dürfen? Wieso sollten wir diese Dinge, die uns durch schlechte Zeiten gebracht haben, nicht erforschen, ob eine gewisse Dosis nicht einfach per se völlig gesund und gut ist?”

“Hey, langsam!”, unterbrach Mø ihren Redefluss. “Ich habe mich auch etwas mit dieser Forschperson und den Thesen auseinandergesetzt. Diese letzten Sätze sind von dir, nicht von ihm!”

“Stimmt.”, sagte Nurek. “Ich denke eben auch schon lange darüber nach und fange an, zu vermischen, was ich gelesen habe, und was ich mir selbst dazu weitergedacht habe.”

“Warum fühlst du dich beschissen für den Hype?”, fragte Linoschka.

Nurek atmete bewusst aus. Die Begeisterung ließ etwas nach, und das Schamgefühl kehrte zurück. “Weil ich noch nie einen Hype auf eine bestimmte Person gehabt habe. Ich fühle mich dadurch aufdringlich.”, erklärte sie.

“Weil du das Bild von lauter Jugendlichen im Kopf hast, die ein Gesangsidol feiern und alle dieses Gesangsidol daten wollen, aber das Gesangsidol kann unmöglich alle Fans daten?”, fragte Ivaness ungewohnt ernst. “Und entsprechend ist die Hoffnung jedes einzelnen Fans, die Person sein zu können, die das Idol am Ende tatsächlich datet, unrealistisch, woraus sich so ein wirres Dilemma ergibt, dass der Traum für die meisten zum Scheitern verurteilt ist? Sodass sich die Personen abgrenzen wollen, aber nicht können und sich hinterher dafür schämen, weil sie den Eindruck haben, dass sie was dafür könnten. So etwa?”

Nurek nahm sich ein Stück Kuchen, und weil sie damit anfing, folgten Linoschka und Ivaness ihrem Beispiel. Sie wusste, dass das Wartenlassen auf eine Antwort dazu führte, dass Ivaness glaubte, dass as nicht so sehr falsch lag. Was überraschenderweise auch ein wenig stimmte. “So etwa.”, gab Nurek also schließlich zu. “Außer, dass ich eigentlich nicht glaube, dass so viele Leute Marim Präsenz hypen, wie das bei Gesangsidolen der Fall wäre. Ich meine, es geht um sehr spezielle Forschung und der Account ist nicht einmal sehr groß, obwohl das Projekt selbst immerhin eine gewisse Bekanntheit bekommen hat. Und außerdem hat mein Hype nicht so sehr Verliebtheitsnatur. Zumindest nicht im romantischen Sinne. Es ist eher diese krasse Begeisterung für das Thema. Aber schon irgendwie auch für die Person dahinter.”

“Ich verstehe, glaube ich.”, sagte Ivaness. “Es ist was völlig anderes, aber es hat genügend Parallelen zu der Gesangsidol-Situation, dass sich dieses Schamgefühl daraus überträgt.”

“Ja, ich glaube schon.”, sagte Nurek. Sie steckte sich ein Stück Kuchen in den Mund und kaute ausgiebig darauf herum. Er schmeckte nach pfeffrigen Gewürzen, war weich und nussig. Sie lächelte Linoschka für dieses fantastische Werk an und Linoschka verstand. “Nun ja, und es ist eben ein seltsames Gefühl, eine Person zu treffen, von der ich mir über lauter Kurznachrichten, Replies, Threads, Blogartikeln und sowas auf und über Shortspread ein klares Bild machen konnte, die aber mich noch überhaupt nicht kennt. Das ist einfach surreal.”

“Das verstehe ich, glaube ich.”, sagte Tjaren. “So ging es mir, als ich euch über das Internet kennengelernt habe, bevor ich euch auf der Drei Hackselnüsse in Fjärsholm kennengelernt habe. Das erste Mal mit euch war ich sehr nervös, aber das hat sich schnell gelegt. Ich bin so froh, dass ich bei euch sein darf.”

“Das klingt so, als wärest du ein Anhängsel, aber du bist vollständig Teil von uns.”, versicherte Mø und strich dabei liebevoll durch Tjarens kurzes, graues Haar.

“Das ist auch irgendwie surreal.”, murmelte Tjaren. “Und schön!”

Tjaren war in jeweils verschiedenen Wortsinnen jüngstes und zugleich ältestes Mitglied der WG. Tjaren war mit 69 etwa doppelt so alt wie das nächst älteste Mitglied Mø, und Tjaren wohnte erst seit zwei Jahren hier. Es fühlte sich länger an, als wäre Tjaren schon immer da gewesen.

“Du bist geliebt.”, erinnerte auch Nurek und der Rest stimmte leise zu.

Tjaren sagte nichts dazu. Nicht mit Worten. Tjarens Arme schlangen sich um Mø stellvertretend für den Rest der WG und Mø erwiderte die Umarmung. Dieses Paar zu betrachten machte Nurek immer wieder glücklich.


Als es dunkel wurde, räumten sie den Tisch wieder ab. Hunger auf Abendessen hatten sie nach dem Kuchen noch nicht. Sie aßen auch nicht immer zusammen, oft war es mehr gestaffelt.

Nurek versuchte sich zunächst mit dem Lesen über REM-Anzüge zu beschäftigen, aber es wollte nicht so recht klappen. Es war ja nun Abend. Sie erwartete, dass sich Marim wieder melden könnte. Und allein, dass diese Möglichkeit bestand, führte dazu, dass sie sich nicht konzentrieren konnte, wie das bei allen Terminen oder Plänen der Fall war, die weniger als einen Tag in der Zukunft lagen, und noch einmal mehr, wenn die Startzeit nicht genau bestimmt war. Sie ging rüber in Linoschkas Zimmer. Die Regel war, wenn die Tür offen stand, dann durfte Nurek jederzeit hineinkommen. Sie legte sich quer über Linoschkas Bett auf den Bauch.

“Darf ich auf deinem Bett liegen und leise wimmern?”, fragte sie.

“Ja.”, sagte Linoschka mit dieser einladenden Gelassenheit.

Nurek stimmte leise damit ein, “oh je” wiederholt vor sich hinzumurmeln. Nach einer Weile setzte sich Linoschka neben sie aufs Bett und schaukelte Nurek im Lendenwirbelbereich. Dann klopfte sie ihr über den Rücken. Beides war sehr gut und half, solange es anhielt. Nurek kämpfte dagegen an, sich für so viel Zuwendung schlecht zu fühlen. Aber Linoschka hatte schon sehr oft erzählt, dass sie das gern machte und schon wieder zurück an ihre Projekte gehen würde, wenn sie keine Lust mehr hatte. Dann hörte Nurek endlich das unaufdringliche Ping über die Hörimplantate. Sie freute sich, dass sie sich nun voll an diese Hördevices gewöhnt hatte. Bis vor ein paar Monaten hatte sie Hinterohrhörer benutzt, eine Erfindung, die sie vor langem getestet hatte, als Methoden in der Herstellung gesucht worden waren dafür, dass sie massentauglicher hergestellt werden könnten und nicht mehr nur für Personen, die besonderen Bedarf dafür hatten. Jene übertrugen Ton über Knochenschall und Überlagerung hinter dem Ohr, sodass die Ohren frei blieben. Implantate gingen da noch ein Stück weiter: Sie waren überhaupt nicht spürbar und speisten sich über Körper- und Bewegungsenergie, aber es war trotzdem anfangs ungewohnt gewesen, kein Hördevice abzulegen. Das Geräusch jedenfalls kündigte eine Nachricht von Marim an. Sie wartete noch einen Moment ab, bis Linoschka eine Pause machte, und stand auf.


Sie schrieb auf dem Weg in ihr Zimmer eine Nachricht und fragte, ob er sie in einer ihrer Virtualitäten treffen wollen würde. Sie hatte sich das länger überlegt. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie ihm mehr Führung überlassen hätte. Oder sie reinen Textaustausch angeboten hätte. Aber es fühlte sich einfach den ganzen Tag untergründig doch richtig an, diese Frage zu stellen und die Antwort einfach abzuwarten.

Marim Präsenz: Gerne! Ich bin ein bisschen matschig, ich hoffe das stört nicht.

EnDe: Ich auch.

Sie startete die Virtualität. Sie hatte sie selbst gebaut, einst, lange bevor sie Marims Studie überhaupt kennen gelernt hatte. Sie war hier oft. Sie musste ständig an sie denken, wenn sie über Marims Studie las.

Sie befand sich im Inneren eines verlassenen, hohen Steinbaus mit Säulen und Spitzbögen. Die Atmosphäre war angenehm kühl und feucht und die hallende Akustik beruhigte. Es fiel nur fahles Spätabendlicht durch die hohen, schmalen Fenster, wahlweise auch Frühmorgenlicht, je nach Fantasie. Der Boden stand bis zu ihren Knöcheln unter Wasser. Irgendwo schwamm vielleicht der leise Fischschwarm kleiner Fische, den sie kreiert hatte, aber sie hatte ihm Freiheit gegeben. Er konnte auch aus dem Gebäude herausschwimmen, nicht weit allerdings, weil die Virtualität dort aufhörte. Beziehungsweise, es war starker Nebel außen, und wenn sie durch das Wasser waten würde, bis die Mauern außer Sicht wären, würden sie auf der anderen Seite wieder auftauchen. Es war eine periodische Virtualität, wie eine Kugel, auf deren Oberfläche sie im Kreis gehen könnte, nur dass die Krümmung nicht spürbar war, obwohl die Kugel sehr klein war. Technische Details. Sie wollte ohnehin nicht aus dem Gebäude heraus.

Marim tauchte ein paar Meter vor ihr auf und blickte sich um. “Wow!”, sagte er. “Das passt sehr.”

Nurek grinste. Sie wusste nicht genau, was er meinte, aber die Reaktion erst einmal war positiv. Das freute sie. Sie wollte nicht sofort fragen.

“Ist die Virtualität neu?”, fragte er. Dadurch, dass er sprach, war der Hall noch mehr wahrnehmbar. Seine Stimme klang schön darin.

“Nein.”, entgegnete Nurek. “Ich komme hier seit bestimmt fünfzehn Jahren immer wieder her, perfektioniere dann oft eine Kleinigkeit, aber im Wesentlichen höre ich hier Musik und entspanne. Meditiere vielleicht, ich bin nicht ganz sicher, ob der Begriff passt.” Sie selbst sprach eher selten hier. Sie sang öfter. Auch wenn nicht unbedingt gut, aber das machte ja nichts.

“Sie ist schon sehr detailliert.”, stellte Marim fest. “Ich hätte mir vielleicht denken können, dass sie alt ist. Aber dann wieder wäre dir gut zuzutrauen, dass du so etwas schnell hinbekommst.”

Nurek lächelte geschmeichelt. Sie sah zu, wie Marim das Wasser beobachtete, als er langsam zu einer Wand schritt. Sie beobachtete seine Finger, wie sie über die Steine strichen. Über die Ritzen, über die Wölbungen und an den Kanten entlang. “Wow.”, wiederholte er. “Die Feuchtigkeit auf den Steinen ist perfekt. Und der zarte Geruch!”

“Was meintest du mit ‘Das passt sehr’?”, fragte Nurek endlich. “Dass es gut zu mir passt, oder dass es zu deiner Studie passt, oder noch was anderes?”

“Dass es zur Studie passt.”, antwortete Marim lächelnd. “Es passt vielleicht auch zu dir, aber ich kenne dich noch nicht gut genug. Ich meinte gerade vor allem, dass ich in die Virtualität kam, und sofort voll präsent, voll im Hier war.” Er ließ die Wand los und kehrte zu ihr in die Mitte der Virtualität zurück, blieb vielleicht zwei Meter vor ihr stehen. “Sie überfordert nicht mit Reizen. Aber sie hat genügend davon, in die ich mich hineinfühlen kann. Ich fliehe also nicht in einen Headspace, weil es nicht genug gäbe, woran meine Aufmerksamkeit sich verhaken könnte, und auch nicht, weil es so viel wäre, dass ich nicht filtern könnte. Es ist genau die richtige Menge. Verstehst du, was ich meine?”

Nurek nickte. “Das Spannende ist, dass es nach fünfzehn Jahren immer noch so ist.”, fügte sie hinzu, korrigierte sich dann aber noch einmal: “Wobei, vielleicht nicht ganz. Ich habe eben über all die Jahre immer noch ein bisschen perfektioniert.”

“Woran zuletzt?”, fragte Marim.

“Am Wasser!”, sagte Nurek lächelnd. Sie setzte sich in einen Schneidersitz. “Setz dich auch, wenn du magst. Das Wasser ist hier nicht so nass.”

Marim grinste einen Moment sehr breit mit halb geschlossenen Augen. “Das habe ich schon gemerkt.”, sagte er und nahm ihr gegenüber Platz. Ebenfalls ein Schneidersitz, mit etwas weniger Abstand als sie gerade noch zueinander gestanden hatten.

Natürlich hatte er es schon bemerkt. Er trug keine hohen Schuhe oder so etwas. Er hatte wieder bunte Ringelstrümpfe an, die sich eben nicht voll Wasser gesogen hatten, wie es bei nasserem Wasser der Fall gewesen wäre. Sie endeten in der Mitte der Oberschenkel. Zwischen Strumpf und Hose war ein Abschnitt graubrauner Haut mit dunkelbrauner dünner Behaarung zu sehen, sowie Strumpfbänder, die unter der kurzen, grauen Hose verschwanden. Die Hose war aus stabilem Stoff und am Hosenbein einmal umgekrempelt, aus Modegründen, nicht zu irgendeinem anderen Zweck. Marim trug eine ärmellose, hellblaue Bluse mit einem Muster aus rosa und lila Quallen und tiefem Ausschnitt. Nun, als er saß, strich er sein langes, dunkelblondes, weiches Haar über die linke Schulter nach vorn. Die Spitzen schwammen im Wasser. Er saß sehr gerade da und beobachtete es. Er war schön, fand sie. Sie verknüpfte keine Sympathie mit optischer Schönheit. Es war einfach gerade mehr oder weniger Zufall, dass sie eine Person schön fand, die sie sympathisch fand. Sie fand auch sehr unsympathische Personen schön und sehr sympathische Personen, nun, nicht hässlich. Sie fand eigentlich niemanden hässlich. Neutral wohl dann.

“Es tut mir so leid, wie das gestern gelaufen ist.”, sagte Marim schließlich.

“Muss es nicht.”, widersprach Nurek. “Overloads passieren. Es war für mich merkwürdig, dass du dich erst über Bewunderung und Begeisterung gefreut hast, und dann war es plötzlich zu viel. Aber so etwas passiert halt.”

“Darf ich eine persönliche Frage stellen?”, fragte Marim.

Nurek nickte. “Wenn mir Fragen zu persönlich sind, sage ich das, wenn du sie bereits gestellt hast. Oder ich antworte eben oberflächlich darauf. Ich kann meine Grenzen selber stecken.” Sie überlegte einen Moment, ob das arrogant aufgefasst werden könnte. “Also, ohne, dass ich Leute dafür angreifen oder shamen möchte, die das nicht können. Ich kann es eben. Und ich mag, wenn mir das überlassen wird.”

“Wir können das für mich auch so halten.”, sagte Marim, statt direkt die persönliche Frage zu stellen. “Ich kann es nicht immer. Aber ich würde es trotzdem gern selbst lernen und übernehmen.”

“Sind für dich Fragen in der Richtung okay? Sowas wie ‘Es wirkt, als wäre diese Grenze eine, die du gebrauchen könntest. Möchtest du?’”, fragte Nurek.

“Damit kann ich gut leben.”, stimmte Marim zu.

Sie lächelten sich einen Moment an, aber Marim wich ihrem Blick aus und sah stattdessen ins Wasser vor sich, in dem er mit der Hand sehr vorsichtig Wellen schlug. Er nahm sie aus dem Wasser, und sie tropfte nicht, war sofort trocken. Nurek versuchte, ebenso gerade zu sitzen wie er. Sie erinnerte sich daran, dass er auch in dieser Virtualität ungefähr so groß war, wie sie. Vielleicht sollte sie mutig fragen, ob er Waldelb war. Aber vielleicht war er auch aus ganz anderen Gründen klein.

“Hast du dir den ganzen Tag Gedanken gemacht, ob du etwas falsch gemacht haben könntest?”, fragte er.

Das war wirklich eine persönliche Frage, fand sie. Was nicht hieß, dass sie ihm böse wäre. Sie hatte es erlaubt. Sie mochte es sogar. Sie fände angenehm, wenn ihr Austausch rasch dahin ginge, dass sie so etwas klären könnten. Das war allerdings genau, was andere an ihr oft gruselig fanden, und wovon sie sich hätte vorstellen können, dass das das Hauptproblem gewesen wäre. “Schon irgendwie, ja.”, sagte sie. “Ich habe mich versucht, abzulenken. Und es liegt nicht an dir. Ich habe einfach diese Ängste, dauernd. Neue Personen kennenlernen ist einfach der Shit. Es ist so nervenaufreibend. Uffz, wie fühlt sich das für dich an, was ich sage.”

“Vertraut.”, sagte Marim. “Klassische Anxiety neuroatypischer Personen.” Er machte eine kurze Pause, in der er anfing, leicht mit dem Oberkörper zu schaukeln, ganz sachte. “Und deshalb tut mir das leid, wie das gelaufen ist. Ich musste weg, da ließ sich nichts machen. Ich dachte mir aber, wenn du auch nur ein bisschen bist, wie ich, dann hattest du einen sehr anstrengenden Tag. Wie kommst du mit Verabredungen zurecht, die nicht genau planbar aber in naher Zukunft liegen?”

Nurek schnaubte. “Nun ja. Ich habe mich kaum auf das fokussieren können, worauf ich mich eigentlich habe fokussieren wollen.”, gab sie zu. “Aber auf der anderen Seite war das eingeplant. Ich habe damit gerechnet, dass, wenn ich an der Studie teilnehme, die nächsten Tage für mich erstmal gelaufen und nicht sinnvoll für irgendwas projektartiges anderes verwendbar sind.”

“Kann ich es irgendwie besser für dich machen?”, fragte Marim.

“Uffz, ich weiß es nicht.”, sagte Nurek. “Ich hatte nicht eingeplant, dass du das rausfindest. Oder dass du dich auf was anderes Großes einlassen würdest, als deine Studie.” Sie atmete einmal tief ein und aus und schüttelte ihre Hände aus, weil es sich richtig anfühlte. “Ich hatte es nicht eingeplant. Aber ja, ich hätte gern mehr mit dir zu tun, weil du coole Sachen machst, und ich mehr davon mitbekommen möchte. Und es fühlt sich seltsam an, weil ich daherlaufe und dich gefühlt schon ein Stück kenne, also so oberflächlich, wie das über Blog-Artikel und kurze Mitteilungen und so geht, und du mich aber gar nicht.”

“Das ließe sich wohl ändern, nicht?”, fragte Marim.

Nurek beobachtete, wie sich sein Körper anspannte. “Hast du auch Angst?”, fragte sie.

“Ja, ziemlich.”, bestätigte Marim. “Ich kann das, was du beschreibst, gut nachempfinden. Neue Personen und so. Die Angst, unangenehm zu sein. Diese Frage, warum mir deine Begeisterung im einen Augenblick gefiel, ich mich so gefreut habe, wirklich! Und im nächsten Augenblick war sie mir gruselig. Die Frage, ob dich das nicht vollkommen verunsichern muss, habe ich mir auch den ganzen Tag gestellt. Und ich wollte dir irgendwie Sicherheit geben, aber mit den Kopfschmerzen hätte es keinen Sinn ergeben.”

“Mist-Kopfschmerzen.”, sagte Nurek. “Die können allgemein weg. Ist das bei dir ein typisches Overload-Symptom?”

“Ja.”, sagte Marim. “Ich hasse das. Ich habe dabei dann auch solche Gedankenzustände, in denen ich Realität und Traum vermische, Ängste ganz schlimm werden, und einfache Aufgaben, wie Lebensmitteldrucker bedienen, nicht mehr gehen, wenn denn Aufstehen überhaupt eine Option ist. Das ist alles gar nicht mal so gut.”

Nurek schüttelte den Kopf. “Das tut mir leid.”, sagte sie. Sie fühlte mit den Händen ins kühle Wasser. “Ich habe dir übrigens einfach geglaubt.”, fügte sie hinzu. “Also, dass du Kopfschmerzen hast, und es einfach nicht geht. Aber ich wusste nicht, dass du alles erklären und einordnen würdest und bin gerade dankbar darum.”

“Noch eine persönliche Frage, und ich möchte dazu sagen, dass ich mich bei einem ‘nein’, auch ohne Begründung, absolut nicht schlecht oder vor den Kopf gestoßen oder so etwas fühle:”, leitete Marim ein. “Ich habe bei dem Versuch festgestellt, dass wir ständig zu anderen Themen abgedriftet sind, weil sie spannend waren. Die ganzen Äste fand ich interessant und spürte den Drang dazu, mich mit dir viel mehr auszutauschen. Möchtest du das?”

“Ja.” Nurek überlegte gar nicht lange. “Das wäre ein Traum!” Dann überlegte sie doch noch einmal einen Augenblick, ob sie irgendetwas hinzufügen sollte, und falls ja, was. Die Welle an Angst, irgendwie zu stören, war kurz abgeebbt und rollte nun wieder über sie hinweg. “Sollten wir irgendwelche Grenzen abstecken?”, fragte sie. “Kannst du sagen, wann dir Hype oder Begeisterung zu viel ist?”

Marim betrachtete eine Weile nachdenklich die Wasseroberfläche, in die er mit den Händen wieder Wellenmuster wedelte. Dann blickte er einen Moment auf, nur kurz, und ließ sich nach hinten ins Wasser fallen. So, wie es Leute eher nur in Virtualitäten taten, weil diese den Fall abdämpften, sodass es nie weh tun würde. Es spritzte. “Dein Wasser ist unrealistisch. Das wollte ich dir vorhin schon sagen. Aber dann kam mir in den Sinn, dass du das sicher selber weißt.”

Nurek lachte auf. “Selbstmurmelnd.”, bestätigte sie. “Willst du liegen bleiben? Wäre es für dich in dem Fall okay, wenn ich mich neben dich legte, damit ich dich besser hören kann?”

“Ja, komm her, wenn du willst. Das ist okay.”, stimmte er zu.

Nurek stand auf, suchte sich einen Platz neben Marim mit einem sinnvollen Abstand aus und legte sich neben ihm ins Wasser. Es war so angenehm kühl, schwappte leicht am Körperrand. Es hatte keinen Einfluss auf das Hören. Vielleicht war es das, was ihm aufgefallen war, was zu seiner Feststellung geführt hatte. Wobei, das hätte er ihr vorhin noch nicht sagen können. Aber vielleicht war es gerade hinzugekommen.

“Wie lange hast du an dem Wasser gearbeitet?”, fragte Marim.

“Die Frage ist unmöglich zu beantworten!”, rief Nurek. Der Hall ließ sie fast böse klingen, fand sie. Sie fühlte sich gar nicht böse, nur emotional. “Vor fünfzehn Jahren war es klassisches Wasser, der Standard in Virtualitäten. Ich habe mich zügig entschieden, es etwas dunkler zu färben. Und dann kamen eben ständig Details dazu, aber ich habe zwischendurch auch mal gar nicht daran gearbeitet, sondern an den Wänden, dem Hall, dem Nebel draußen, dem Licht, dem Geruch, der Freiheit. Moment, Freiheit ist indirekt, das ist keine Komponente, woran ich schrauben könnte.”

“Ich verstehe, was du meinst.”, warf Marim ruhig in einer Redepause ein.

Einer Redepause, die Nurek gemacht hatte, weil sie den Faden verloren hatte. Mit der Unterbrechung durch den Einwurf überlegte sie, dass sie ihn auch gar nicht zu Ende führen musste und verzichtete darauf, ihn wiederzusuchen. “Du hast die Frage von vorhin noch nicht beantwortet.”, erinnerte sie stattdessen. “Was voll okay ist, wenn du nicht willst. Aber wenn es an Vergesslichkeit oder sowas liegt, hier ist die Erinnerung.”

“Vergessen nicht. Und Ausweichen wollte ich eigentlich auch nicht.”, sagte Marim. “Die Frage ist schwierig. Ich wollte mich deshalb zum Denken hinlegen, und dann war das Wasser so interessant, da bin ich abgedriftet.” Er hob die Hand aus dem Wasser, die ihr zugewandter war. “Wieso tropft sie nicht? Aber wieso spritzt es, wenn ich mich ins Wasser fallen lasse?”

Nurek grinste. “Ich habe lange daran gearbeitet. Meine ersten Ideen waren, dass Personen, die die Virtualität betreten, einfach sehr wasserabweisend sind. Aber es steckt inzwischen viel mehr If-Then-Else-Abfrage drin, die mit Materialeigenschaften spielen. Wir können gern durch den Code gehen, wenn du willst.” Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: “Aber er ist ziemlich unprofessionell. Eine Bauklotzsprache. Ich habe das nie in einem Kurs oder so gelernt. Tutorials haben mich gelangweilt. Ich habe das Learning-by-Doing gemacht.”

Marim grinste sie an. “Das ist so cool!”, sagte er. “Ich habe prinzipiell programmieren gelernt, mit Kursen und allem. Aber ich bezweifle, dass ich deswegen viel mehr kann als du.”

Nurek grinste kurz zurück. Aber beurteilen konnten sie das beide nicht. Also sagte sie nichts dazu.

“Thema Grenzen.”, sagte er schließlich. “Ich glaube, ich muss dir nachher schriftlich darauf antworten. Es ist komplizierter und ich muss mir dazu Gedanken machen, aber hier und mit dir denke ich dauernd an andere Dinge.” Marim fuhr wieder mit den Händen durch das Wasser. Einige Strähnen seiner Haare, die er nicht plattlag, folgten der erzeugten Strömung. “Ich glaube allerdings, dass ich dir gar keine Grenze setzen möchte, sondern eher erklären möchte, was in mir dabei vorgeht. Vielleicht kannst du damit mehr anfangen.”

“Gern.”, sagte Nurek.

Marim schwieg eine Weile, in der Nurek ihn beobachtete. Marim starrte währenddessen ins Gewölbe. Das machte Nurek auch gern. Aber gerade beobachtete sie lieber, wie das schwach durch die Fenster beleuchtete Wasser sachte zappelndes Licht auf sein Gesicht warf. Er trug vielleicht braunen Lippenstift, vielleicht auch nicht, Nurek war sich da nicht ganz sicher.

“Ich versuche gerade, meine widersprüchlichen Gedanken dazu in Worte zu fassen und es klappt einfach nicht.”, sagte Marim schließlich. “Ich schreibe es dir, sobald ich mich verstanden habe.”

“Das ist in Ordnung.”, sagte Nurek lächelnd.

“Ich finde so schön und überweltigend, dass du auch mehr mit mir zu tun haben magst. Obwohl gestern!”, betonte Marim und klang so begeistert, wie sich Nurek fühlte, wenn sie über seine Studie nachdachte.

“Ich bin allerdings seltsam.”, warnte Nurek. “Das kann zu Irritationen führen.”

“Das ist okay, damit rechne ich. Ich versuche, mitzuhalten oder adäquat zu konkurrieren.”, erwiderte Marim lächelnd. “Zum Beispiel schreibe ich Überweltigen gerne mit ‘e’, weil es sich so anfühlt, wie, wenn die Welt über einen hinwegrollt und es gleichzeitig gut, aber auch einfach sehr viel davon ist. Zählt das?”

“Das ist wunderschön!”, rief Nurek. “Auch diese Form ‘obwohl gestern’! Ich mag alternative Grammatik. Auch alternative Plüräle zum Beispiel.”

“Ohja! Oder alternative Könjünktive!”, begeisterte sich Marim. Allerdings fügte er nichts hinzu. Vielleicht fiel ihm keiner ein.