Plansamen

\Beitext{Marim}

“Magst du mich testweise ‘Mein Mädchen’ nennen?”, fragte Anuka. Er saß auf einem hohen Hocker im virtuellen Supermarkt – einem Laden, in dem Druckresultate von Rezepten für Lebensmitteldrucker ausgestellt waren, sodass sie vorm Drucken angesehen und berochen werden konnten.

Für Marim war so ein Supermarkt reine Entspannung. Deshalb trafen sie sich hier. Er sah sich die Speisen ausführlich an, las die Listen der Inhaltsstoffe. Er pinnte den Zettel, den er gerade gelesen hatte, zurück ans Regal, um seine Aufmerksamkeit auf Anuka zu richten. “Von hier aus, oder mit viel Liebe in deiner Nähe?”, fragte er.

“Uh, ja, komm auf mich zu!”, sagte Anuka. “Make it sexy!”

Marim grinste breit. “Okay!”, meinte er, wandte sich in Anukas Richtung und ging möglichst elegant auf ihn zu. Er hatte die Art zu gehen oft vorm Spiegel geübt, bis sie ihm gefiel. Direkt neben Anuka lehnte er sich lässig an die Wand. “So etwa, mein Mädchen?”, fragte er.

Anuka lehnte sich seinerseits im Sitzen gegen die Wand und legte den Kopf in den Nacken. “Mist.”, sagte er sachlich. “Es funktioniert einfach nicht so gut, wenn es geplant ist. Ich stelle mich dann darauf ein, dass etwas ungewohnt ist, wodurch es nicht zufällig einfach gut sein kann.”

Marim nahm wieder etwas mehr Abstand, um die Sexyness aufzulösen. “Ich verstehe das, glaube ich.”, sagte er. “Also, möchtest du, dass ich dich die Tage mitten in irgendeinem Text so nenne?”

Ankua nickte und lächelte. “Das wäre prima. Auf der anderen Seite erwarte ich von dir sowas dann vielleicht. Es ist schwierig.”

“Warum überhaupt?”, fragte Marim. “Willst du darüber reden?”

“Ich habe mich daran erinnert, dass ich es früher nicht schlimm fand, ‘Mädchen’ genannt zu werden, und dass ich mich darin lange wiedergefunden habe. Obwohl ich männlich bin.”, erklärte Anuka.

Das stimmte. Sie hatten früher, als Kinder viel Zeit miteinander verbracht, vorwiegend in der Badewanne oder in irgendwelchen Bächen draußen in Gummistiefeln, wenn sich ihre Eltern besucht hatten. Damals hatte Marim gern Latzhosen getragen. Und als sich ihre Körper anfingen, weiterzuentwickeln hatte Anuka festgestellt, dass er trans war, und gehofft, dass es Marim ähnlich ginge, weil sich bei Marim in der Zeit seine bevorzugte Mode auf Kleider und Strümpfe umgestellt hatte. Aber bei Marim war es wirklich nur die Mode gewesen. Sie hatten viel darüber gesprochen und Marim hatte dabei herausgefunden, dass er wohl cis war und sein liebstes Herzwesen eben trans.

Er nickte. “Möchtest du herausfinden, ob du dich in dem Begriff immer noch wiederfindest?”, fragte Marim.

“Ja.”, sagte Anuka. “Ich erwische mich manchmal in meinem eigenen Kopf dabei, wie ich mich Mädchen nenne. Etwa ‘Das kannst du nicht so machen, Mädchen.’, oder ähnliches.”

“Glaubst du, dass sich etwas verändert hat? Also, dass du so etwas wie long term fluid bist? Oder dass du mit dem Begriff kein Geschlecht verknüpfst?”, fragte Marim. “Sind das sinnvolle Möglichkeiten? Gibt es noch mehr? Oder rede ich Unsinn?”

“Du redest keinen Unsinn. Ich habe mich das eben auch gefragt.”, sagte Anuka. “Mein Schluss soweit: Ich bin long term fluid, aber ich war nie weiblich und bin es immer noch nicht. Ich hatte mal wenig Geschlecht und habe nun mehr Geschlecht.” Anuka machte eine kurze Redepause, in der er sehr grinste. “Aber Mädchen ist für mich nicht neutral. Ich war eben ein männliches Mädchen. Der Begriff männliches Mädchen macht was sehr Positives mit mir!”

“Euphorie?”, fragte Marim und grinste mit.

Anuka hörte als Antwort lediglich nicht mit dem Grinsen auf. “Geschlecht ist kompliziert.”, sagte er nur.

Marim nickte. “Ich finde immer noch manchmal erstaunlich, dass du mit mir darüber so viel reden magst, obwohl ich die Erfahrung nicht habe.”

“Du hast sie halt doch!”, widersprach Anuka. “Du bist cis. Aber du hast dich wirklich sehr hinterfragt, weil du ein kleines Umfeld hattest, nicht viel Kontakt, und ausgerechnet die andere Person – ich also –, mit der du viel zu tun hattest, ist trans. In einer Zeit, in der Geschlechtszuweisung bei der Geburt und auch sonst inzwischen fast gar nicht mehr passiert, und der Begriff trans sich neu und schwammiger definiert. Du warst von Anfang an dabei.”

“Vielleicht stimmt, dass es dazu führt, dass ich ein paar Erfahrungen stärker habe, wie das Hinterfragen.”, sagte Marim, “Aber einige Erfahrungen teilst du mit mir, die ich definitiv nicht habe.”

“Und das Großartige ist, dass ich sicher sein kann, dass du mich immer voll ernst nimmst, du trotzdem Verständnis hast und ich dich damit nie nerve.”, sagte Anuka ernst. “Ich glaube, es gibt einige trans maskuline Personen, denen allein die Vorstellung, sich Mädchen zu nennen, so unangenehm ist, dass es schwierig ist, darüber zu reden. Was okay ist. Wir sind eben individuell und haben verschiedene Erfahrungen. Wie du und ich eben auch.”

Es kam Marim nachwievor seltsam vor, dass Anuka seine Erfahrungen so sehr ähnlich einschätzte. Aber er konnte es nicht besser beurteilen. Und letztendlich war ja schön, dass sie sich so sehr verstanden, auch auf der Ebene. Marim war froh über diesen Austausch. Denn ja, als nächstes würde er sich wohl Gedanken machen, wie sich die Bezeichnung ‘Mädchen’ für ihn anfühlte. Oder auch die Bezeichnung ‘männliches Mädchen’. Er musste grinsen. “Männliches Mädchen ist irgendwie schön. Es fühlt sich ein wenig so an, als bräuchte ich von irgendwo eine Erlaubnis für das Label, aber wenn ich es haben dürfte, würde ich es durchaus auch mögen. Ich mag Kind sein. Ich mag den Klang von ‘Mädchen’.”

Anuka lächelte und wartete noch etwas ab.

“Aber so ganz meins ist das Label nicht. Es fühlt sich dann als Label für mich so an, wie eine Verkleidung oder ein Beruf, und ich glaube, das Wort ist vielleicht nicht dafür gedacht.”, kam Marim zum Schluss. “Rede ich Unsinn? Sollte ich etwas entlernen?”

“Ich glaube, wir reden hier über solche Feinheiten, dass, wenn du hier noch weiter dekonstruierst, die Wörter gar keine Bedeutung mehr haben.”, widersprach Anuka. “Was auch nicht schlimm wäre. Aber hier geht es um persönliche Nuancen und Gefühle. Du darfst dich damit nicht ausreichend wohl fühlen, oder eben auch doch. Das ist beides okay.”

Marim nickte verwirrt. “Geschlecht ist kompliziert.”, wiederholte er, was Anuka vorhin gesagt hatte.

“Warum brauchst du eigentlich wieder einen Supermarkt?”, wechselte Anuka das Thema. “Was ist passiert?”

Es musste an sich nichts passiert sein, damit Marim einen Supermarkt betrat. Er tat es eben einfach gern. Er tat es wöchentlich mehrmals. Er suchte sich sehr bedacht aus, was er druckte und aß. Nicht, weil er so an sich sehr wählerisch gewesen wäre, – vielleicht ein bisschen. Sondern weil es eine Routine war, die ihn beruhigte, die einfach zur Woche dazu gehörte und ihn entspannte.

Aber es war ungewöhnlich, dass er Anuka nicht woanders traf, sondern dass er ein Treffen an so einem Ort mit ihm vereinbarte. “Ich habe mich vermögt.”, sagte er.

Fosh, sie hatten die halbe Nacht hindurch noch geredet. Sie hatten erst über das Wasser geredet. Nurek hatte ihm tatsächlich den Code gezeigt, und dann – vor seinen Augen – festgestellt, wie es viel eleganter gelegt werden konnte und es umgebastelt. Sie war so derbst frei davon, dass er sich irgendwelche Urteile bilden könnte. Oder sie war nicht frei davon, aber sie konnte nichts dagegen tun, sie selbst zu sein. Es war entspannend.

Dann hatten sie sich erschöpft wieder ins Wasser gelegt, die kleine Änderung untersucht, die sie eingebaut hatte. Sie waren beide eigentlich völlig durch gewesen, weil soziale Interaktion mit neuen Personen nun einmal sie beide sehr stresste, aber sie hatten nicht aufhören gekonnt. Dann waren sie zum eigentlichen Zweck der Virtualität gekommen. Sie hatten versucht, sie wahrzunehmen, sich fallen zu lassen und zu entspannen, was echt nicht einfach gewesen war, zu zweit, mit so vielen spannenden Themen auf dem Stapel. Sie hatten sich geeinigt, gemeinsam Musik zu hören und festgestellt, dass sie zufällig die gleiche Lieblingsband hatten. Das war ein Moment gewesen, der sie beide gegruselt hatte. Sie waren sich nicht vollends ähnlich, aber sie hatten auch noch nichts gefunden, worin sie völlig verschiedener Ansicht wären. Ihre Vorgehensweise mit Neuem passte zusammen. Und dann auch noch die Musik.

Sie hatten zwei der sechstel-Stunden-langen Stücke der Band Schabernakel in Stille gehört. Dann hatte sie ihn angeblickt. Glücklich, hatte er gedacht. Und sich verabschiedet, weil sie nicht mehr konnte.

Marim atmete langsam ein und aus, während er bemerkte, wie Anuka ihn nachdenklich beobachtete.

Das Ende dieses Zusammenseins hatte ihn genau so unsortiert und verunsichert zurückgelassen wie beim ersten Mal. Es war nichts Schlimmes passiert, aber es fühlte sich so an. Es war so ein Unsinn. Immerhin schrieben sie jetzt gelegentlich kurze Nachrichten hin und her. Und seine versprochene Nachricht bezüglich potenziell zu viel Bewunderung stand auch noch aus.

“Klingt spontan voll schön!”, meinte Anuka.

Er fragte nicht von sich aus nach mehr Details. Aber Marim wusste, dass er neugierig war. “Sie hat vorgestern an meiner Studie teilgenommen. Sie ist mir auch vorher schon durch Likes und ein paar Replies aufgefallen. Sie schrieb mir abends. Ich darf leider keine Details über die gewünschte Virtualität erzählen. Wir haben uns darin jedenfalls kennen gelernt. Oberflächlich. Beziehungsweise, irgendwie haben wir uns eben gut verstanden.”

“Dann ist sie wohl auch irgendwo auf dem neurodiversen Spektrum, schätze ich.”, sagte Anuka.

“Ähm, ja!”, bestätigte Marim und erinnerte sich daran, dass das mit zu seinen Gedanken gehört hatte, als sie sich kennengelernt hatten.

Anuka war nicht auf dem neuroatypischen Spektrum, er war neurotypisch. Aber dadurch, dass sie sich so lange kannten und Anuka mitbekommen hatte, wie es bei Marim zur Diagnose gekommen war, was für Fragen gestellt worden waren, wie das abgesteckt worden war, und was sich daraus im Umgang für Konsequenzen ergeben hatten, die beiden helfen würden, kannte er sich damit recht gut aus.

“Meinst du, sie würde auf die Idee kommen, dass es sich um ein Date handeln würde, wenn du sie ins Kino einlädst?”, fragte Anuka.

“Ich würde nicht davon ausgehen.”, antwortete Marim. Er wandte sich von Anuka ab und ging wieder auf eines der Regale zu. Die direkte Nähe wurde ihm zu viel und er brauchte etwas, um den unruhigen Teil seines Gehirns zu beschäftigen. Gerüche taugten dazu. “Und außerdem,”, fügte er hinzu, “würde ich Leute üblicherweise aus anderen Gründen ins Kino einladen als für Dates. Bei Dates würde ich mich gern unterhalten.”

“Du könntest sie trotzdem einladen.”, meinte Anuka. Er kam Marim hinterher, nicht zu dicht, aber so, dass er Marim ausreichend im Blick haben konnte und nicht rufen musste. “Das Hirnissennest hat einen neuen Film rausgebracht, den ich mir gern ansehen wollte, in Begleitung, denn mit der Surrealität hinterher allein zu sein, ist nicht so meins.”

“Also, willst du eigentlich einen Kinoabend machen, möchtest sie gern kennenlernen und dachtest, du schmeißt mal einfach alles zusammen?”, schloss Marim.

“Genau!” Anuka grinste.

“Ich frage sie.”, antwortete Marim schlicht.


Zum Nachmittagessen setzte Marim sich auf eine gepolsterte Kiste auf die Terrasse. Er hatte sich außerdem eins der Kissen von seinem Bett mitgenommen, um seinen Rücken gegen die Steinwand hinter ihm abzupolstern, und sein Plüschkrokodil. Es hieß Gumbol. Dieses Krokodil hatte Charakter für ihn. Es war mit ihm in den letzten zwanzig Jahren überall mitgereist, und er war durchaus viel gereist. Es war ein Begleit- und Reisekrokodil. Es hatte die Blicke auf sich gezogen, statt auf ihn, Leute hatten es sofort gemocht und der Einstieg in Gespräche war dadurch leichter geworden. Der grauenhafte Smalltalk hatte weniger ‘Alles gut?’ oder andere komplexe Floskeln enthalten und mehr ‘Darf ich es streicheln?’ und ‘Wie heißt es denn?’. Das waren einfachere Fragen.

Er hatte ein Waldmeister-Reisgericht mit Muschecken gedruckt. Es war vielleicht experimentell, aber es hatte ihn im Supermarkt sehr neugierig gemacht. Dann hatte er erst ein kleines Probierhäppchen gedruckt, und als er fand, dass er davon mehr haben könnte, die ganze Speise.

Er aß sie langsam, im Schneidersitz auf der Kiste sitzend. Es war eine Gemeinschaftsterrasse. Mehrere Dachgeschosswohnungen teilten sie sich. Aber derzeit waren die anderen nicht von Leuten belegt, die viel draußen gewesen wären, also hatte er die Terrasse für sich. Eine Terrasse mit Meerblick, im weitesten Sinne. Die Großstadt Minzter fiel vor ihm hinab, sandfarbene Häuser mit weißen Flachdächern, die wirkten, als würden sie sich aufeinanderstapeln und wären teils durcheinander gewürfelt. Dazwischen wuchsen Harzpalmen, Landpappeln, sowie verschiedenste Weiden- und Lindenarten, einige mit Früchten. Außerdem gab es fast in jedem Haus irgendeine Partei, die die Dächer bepflanzte, sodass sich ein Blumen- und Rankenmeer über die Stadt ergoss. Es war hübsch. Dazwischen fuhr die Magnetbahn, aber das war derzeit ein Chaos – ein überschaubares immerhin. An sich hatte Minzter ein gut funktionierendes, relativ frisch modernisiertes Stadtbahnsystem gehabt, als die Metropole und Hauptstadt Maerdhas Fork mit dem Kopplungssystem gestartet war: Dem Magnetschwebebahn-System, bei dem die Kapseln jener direkt in die Kapseln der Fernzüge einfuhren oder eingelassen wurden, was ein Umsteigen im Hauptbahnhof obsolet machte. Das war erheblich barriereärmer für viele, effektiver und schneller. Ein Gutteil der Fernzüge hielt nicht einmal mehr, wenn der Nahverkehr in ihn hineindockte, und weniger Beschleunigung hieß weniger Energieaufwand und weniger Zeitverwarten.

Für Minzter war der Zeitpunkt völlig falsch gewesen. Es waren damals allerlei Szenarien simuliert worden, aber alle waren zum Ergebnis gekommen, dass Barrierearmut anders anzugehen und die damals noch modernisierten, aber nicht ans Fernverkehrssystem koppelnden Züge ein paar Jahrzehnte weiterzuverwenden die sinnvollste Möglichkeit in Bezug auf Klima und Ressourcenverbrauch war. Diese Zeit war nun abgelaufen und der Umbau Minzters hatte begonnen. Immerhin hatte es für diesen Umbau über zwanzig Jahre Zeit gegeben, ihn sinnvoll zu durchdenken. Im Moment fuhren noch beide Systeme. Das alte wurde nach und nach abgebaut und neu verwertet. Das hieß aktuell, dass manchmal mehr Umstiege oder mehr Umwege in Kauf genommen werden mussten, wollte eins irgendwohin. Es lagen alle Informationen zum Umbau in einer riesigen Abhandlung transparent bereit. Sie konnte im Ganzen gelesen werden, was auch einige neugierig taten, nicht zuletzt, um es zu diskutieren, was aber mehrere Tage gebraucht hätte. Natürlich gab es auch wie immer KIs, die die Informationen, die eine Person gerade jeweils brauchte, für diese in der Ausführlichkeit herausfilterte, die ihr am besten weiterhalf.

Jedenfalls erstreckte sich diese beblümte Häuserlandschaft mit den Schienen dazwischen hügelig bis zum Ufer, nur, dass die Häuserhügel die Sicht größtenteils abschnitten, sodass Marim effektiv nur einen Schnipsel Horizont mit Meer sehen konnte. Es war trotzdem befriedigend, genau diesen Schnipsel beim Essen nicht aus den Augen zu lassen.

Marim strich Gumbol über den Rücken. Das flusige Fell hatte eine augenblicklich beruhigende Wirkung auf ihn, dabei fühlte er sich gar nicht mehr so unruhig. Oder war er es doch? Er hatte eben auf der einen Seite Energie genug, eine neue Speise auszuprobieren, von der er noch nicht wusste, was sein Körper so genau dazu sagen würde, aber fühlte sich auf der anderen immer noch nervös wegen Nurek. Passend zum Gedanken vibrierte sein Faltrechner sachte neben ihm. Er wollte eigentlich nicht gestört werden beim Essen, aber er hatte Nachrichten von Nurek priorisiert. Er faltete den Rechner auf und las:

Nurek: Heute Abend könnte ich wieder.

Er musste unwillkürlich grinsen. Er schrieb direkt zurück, dass es ihm auch passte, dann klappte er den Rechner wieder zu. Für nach dem Essen nahm er sich vor, endlich die Nachricht zu schreiben, die er sich überlegen wollte. Hoffentlich bekam er es irgendwie hin, sich darauf zu fokussieren. Nun erst einmal schloss er für ein paar Momente die Augen, um das Essen zu schmecken, und verlor sich wieder in Gedanken über das Hier, allerdings nicht unbedingt über das Jetzt.

Marims Wohnung war klein und er hatte sie möbliert übernommen. Er schaffte sich keine eigenen Möbel an, weil er etwa alle zwei bis drei Jahre umzog. Eine Kiste auf der Terrasse reichte zum Sitzen auch vollkommen. Minzter war schön, aber eigentlich zu groß für seinen Geschmack, und zu warm. Er war hier auch schon seit zwei Jahren. Es hatte ihn vor einigen Monaten angefangen, zu beschäftigen, und war nun wieder ein dauerpräsenter Gedanke. Es wurde Zeit, zu ziehen.

Nachdenklich blickte er auf sein Handgelenk. Windschwingen hatten die Tradition, sich zwei unscheinbare Bögen dorthin zu tätowieren, – natürlich taten es nicht alle Windschwingen. Das Zeichen war Kinderzeichnungen nachempfunden, die fliegende Vögel häufig auf diese Art vereinfacht darstellten. Manchmal dachte Marim darüber nach, ob er das auch wollte, aber so ganz richtig kam es ihm nicht vor.

Windschwinge war ein Label, dass Personen trugen, die aus verschiedensten Gründen keinen festen Wohnort hatten, sondern vor allem auf Reisen lebten. Aber das traf auf Marim ja nicht so ganz zu. Zwar verbrachten die meisten Windschwingen durchaus immer wieder Mal ein paar Monate am selben Ort, aber zwei Jahre wären schon viel. Außerdem zog es ihn nicht unbedingt weg, weil er gern auf Reisen war, sondern weil er Orte einfach irgendwann über hatte und dann einen neuen brauchte. Und langsam hatte er Minzter über.

Ihm fiel nun erst auf, dass auch in Minzter das Wort Minze steckte. Wie ironisch zufällig.

Sein Essen schmeckte immerhin nicht nach Minze. Er aß die letzten Bisse mit Fokus aufs Essen und legte anschließend den schwarzen, leichten Teller zur Seite. Er war praktisch, weil er leicht abwaschbar war und nicht so laut dabei. Diese Art Geschirr war inzwischen fast überall in Maerdha Standard, aber hier in der Gegend entstanden und gehörte ebenfalls zur Einrichtung der Wohnung. Dann nahm er seinen Faltrechner zwischen Knie und Brustkorb und versuchte sich auf das Tippen einer Nachricht zu fokussieren. Direkt klappte das nicht. Sein Blick schweifte wieder auf das Fitzelchen Meer, das er sehen konnte.

Minzter lag am Nachtmeer. Es hieß so, weil hier Quallen zu Hause waren, die nachts leuchteten, abhängig von Größe und Jahreszeit. Marim liebte es und hatte hier viele Nachtspaziergänge am Wasser unternommen. In der Stadt selbst taten das nur leider viele. Deshalb war er dabei nie so richtig zur Ruhe gekommen, hatte lieber dazu die Stadt verlassen, aber seltener die Energie dazu gehabt.

Die größeren Quallen schwammen tiefer und die kleinen Babyquallen oft näher an der Oberfläche, was dem Meer durchaus einen Eindruck von leuchtendem Sternenhimmel gab, aber eigentlich auch nicht so richtig. Marim fand es mehr für sich genommen schön. Die Quallen sammelten sich nur hier, in der Bucht, in der die Lun nicht allzu weit entfernt ins Meer mündete. Die Küste war hier so geformt und die Bucht gerade passend schmal, dass sich durch Strömung fast Süßwasser am Ufer von Minzter bildete, das für diese Quallen günstigen Lebensraum darstellte. Sie hatten in der Menge noch keinen anderen Lebensraum auf dem Planeten Arda erschlossen.

Er schickte dem Lebensmitteldrucker noch einen gewürzigen, anregenden Tee-Druckauftrag, – wobei Drucken das Erwärmen und Eingießen von Flüssigkeiten wenig präzise beschrieb –, und machte sich dann an die Nachricht.

Begeisterung, schrieb er zunächst. Er konnte das Wort auch wieder löschen, aber es stand dort erstmal, um ihn daran zu erinnern, worum es ging. Warum war sie erst sehr gut und dann, Momente später zu viel?, schrieb er dazu.

Er versuchte sich in das gehabte Gefühl zurückzuversetzen, erinnerte sich aber stattdessen zunächst an den Moment, in dem er beschlossen hatte, nicht zu erklären, wann es zu viel wäre, sondern was in ihm in dem Moment vorgegangen war, und auch das half etwas dabei, zu fokussieren. Er hatte schließlich schon einmal entschieden, dass diese Richtung der Gedanken gut wäre.

Als du dich mitbegeistert hast, war es zuerst, wie, miteinander für eine Sache zu brennen. Das gleiche recht spezielle Interesse haben und darin aufgehen. Ich glaube, das ging dir auch so, und das ist für mich einfach ein sehr schönes Gefühl. Eine Option, mit einer Person ins Detail zu gehen, durch die Fremdperspektive Ideen zu bekommen, auf die eins selbst nicht gekommen ist, aber für die der Austausch mit lediglich oberflächlich interessierten Personen nicht weit genug geht. Und auch einfach diese Freude, mit der riesigen Begeisterung für die Sache nicht allein zu sein. Das ist wunderschön.

Marim las den Abschnitt noch einmal und fragte sich, ob er ihm zu persönlich wäre. Oder ob er ihr zu persönlich sein könnte. Er las ihn noch einmal. Und ein weiteres Mal, dieses Mal daran denkend, dass Nurek durchaus sehr brachial offen war. Brachial in einem positiven Sinne, vielleicht im Sinne von positiver Schonungslosigkeit, oder unapologethisch. Mit dem Gedanken im Hinterkopf überlegte er, aus seiner Comfort Zone etwas herauszugehen und die Nachricht so stehen zu lassen. Und dann fügte er doch einen neuen Absatz vorneweg hinzu: Das folgende ist sehr ehrlich und direkt aus meinen Gefühlen niedergeschrieben. Das mache ich generell meist eher erst, wenn ich Leute besser kenne, und dann durchaus sehr gern. Aber bei dir fühlt es sich gerade richtig an. Vielleicht, weil du das auch machst, oder weil du auf eine Weise kommunizierst, durch die ein Ort zu zweit mit dir ein Safe Space ist. Ich habe dabei hauptsächlich Angst, dich zu bedrängen. Allein das ‘bei dir fühlt es sich richtig an’ mit einem Herausstellen, dass du eine Ausnahme bist, fühlt sich für mich so nach einer Floskel an, die in Gesprächen fällt, um einer Person ein besonderes Gefühl zu geben, aber im Gegenzug etwas zu bekommen. Vielleicht wäre das neurotypisch? So ist das jedenfalls nicht gemeint. Du sagtest, du möchtest Grenzen selber setzen. Und ich werde jede davon ohne schlechte Gefühle akzeptieren.

Marim durchdachte noch einmal, ob er da wirklich eine All-Aussage stehen haben wollte, oder ob er doch eine Situation konstruieren könnte, in der das Grenzen setzen selbst dazu führen könnte, dass er schlechte Gefühle hätte, und nicht, dass er sie bereits überschritten hätte. Beim erneuten Lesen stieß ihm immer wieder das ‘zu zweit’ auf. Das klang irgendwie falsch, nach mehr als es war. Aber es wegzulassen, wäre nicht präzise gewesen. Ein Ort mit ihr und einer anderen Person, die er nicht kannte, wäre kein Safe Space gewesen. Er überlegte ‘du bist ein Safe Space’ zu schreiben, aber das war auch keine gute Formulierung. Er beließ es schließlich dabei und schrieb dann den nun dritten Absatz:

Der Moment, in dem es für mich innerlich kippte, war, als du meintest, dass irgendwas der eigentliche Grund gewesen wäre, warum du die Studie so gut fändest., schrieb er. Er blickte dazu noch einmal in sein Protokoll, um zu schauen, ob er sich richtig erinnerte. In dem Augenblick flammte in meinem Kopf die Idee auf, du könntest nicht vorwiegend als Versuchsperson da sein, sondern andere Gründe könnten mindestens genau so wichtig sein. Für mich war in dem Augenblick unangenehm, dass es nicht vorher kommuniziert war (aber eigentlich war es das, du hattest ja gelegentlich mal etwas in der Richtung repliet, aber das hatte ich da nicht auf dem Schirm), und dass ich nicht wusste, um was für Gründe es sich handelte. Ich werde gelegentlich Mal bedrängt. Das hast du nicht, aber ich hatte da wohl Angst und das Bedürfnis, mich vorsichtshalber abzugrenzen. Abzugrenzen gegen etwas, was passieren könnte, weil es mir ein paar Mal zu viel als Abzweig aus einer ähnlichen Situation passiert ist. Verstehst du, was ich meine?

Es wäre von meiner Seite besser gewesen, das zu erkennen und es nicht so seltsam untergründig zu machen, aber ich wusste es selber in dem Moment nicht besser. Eigentlich weiß ich es erst klar mit diesem Aufschrieb, währenddessen die Selbstanalyse geschieht. Jedenfalls hat es nicht mit dir direkt etwas zu tun, du hast gar nichts falsch gemacht. Ich möchte deiner Begeisterung keine Grenze setzen, die ist schön. Ich war in dem Moment durch schlechte Erfahrungen, die nichts mit dir zu tun hatten, nur unsicher, und das wird vielleicht nicht zum letzten Mal zum Vorschein gekommen sein. Ich hoffe, ich erkenne es beim nächsten Mal besser.

Er las auch diesen Absatz ein paar Mal, änderte einzelne Worte, und änderte sie dann wieder zurück, weil der nächste Absatz schon das Wort oder den Inhalt enthielt. Er fügte hinter ‘sondern andere Gründe könnten mindestens genau so wichtig sein’ mit einem Gedankenstrich noch hinzu ‘– was vollkommen okay gewesen wäre, beziehungsweise ist’. Dann, nach erneutem Lesen, kam er zum Schluss, dass es brauchbar war. Etwas Angst hatte er, dass Nurek trotzdem Schuld bei sich suchen könnte. Der Anfang las sich vielleicht heftig. Aber mit dem übrigen Absatz sollte es eigentlich aufgelöst und erklärt sein. Hoffte er. Oder, dass Nurek im Zweifel nachfragen würde.

Zum Abschluss löschte er seine anfänglichen Notizen, las alles noch einmal zusammen und drückte nach einigem Zögern auf den Versenden-Knopf. Die gewohnte Angst überrollte ihn, die Nachricht ausversehen nicht Nurek geschickt zu haben, sondern einer ganz anderen Person. Er kontrollierte es. Er hatte es richtig gemacht. Er las die Nachricht noch einmal und kontrollierte es wieder. Manchmal tat er Dinge auch falsch, obwohl er es immer wieder kontrollierte, weil sein Fokus ein Detail nicht mitschnitt, oder in seinem Kopf gerade zwei Namen zu einem verschmolzen und ganz fokussiert fühlte er sich gerade nicht.

Er trank ein paar Schlucke Tee, fühlte die Anspannung abfallen, die er aufgebracht hatte, um sich auf diesen Text zu fokussieren und aus seiner Comfort Zone herauszugehen, und wollte die Nachricht gerade wieder lesen, als Nureks Reaktion kam.

Nurek:

Er bemerkte sofort, dass sie sich für ihn umbenannt hatte. Er überlegte, ob er sich für sie auch in nur Marim ohne Nachnamen umbenennen sollte.

Ich antworte dir später oder morgen ausführlicher. Ich möchte dir nur schnell schon einmal eventuelle Unsicherheiten nehmen.

Punkt 1: Deine Grenzen gehen vor. Wenn du dich in einer Situation unsicher fühlst, weil sie dich zum Beispiel an etwas Bedrohliches erinnert, und du hast die Wahl zwischen Abgrenzung, aber mit schlecht gewählten, seltsamen, unpräzisen Worten bis hin zu unstimmigen Argumenten, oder keine Abgrenzung, dann ist ersteres immer die bessere Wahl. Alles Weitere lässt sich hinterher klären, und wenn nicht wäre ich ganz schön scheiße.

Punkt 2: Ich fühle mich nicht bedrängt.

Ich sehe durchaus Stellen in dem, was du schriebst, in die viele Leute üblicherweise einen bestimmten Subtext lesen würden, vielleicht einen Romantischen, oder irgendwelche Erwartungen. Ich kenne mich nicht aus, was genau, ich weiß nur, dass da meistens einer ist, bei manchen der Formulierungen, wenn sie von anderen kommen. Ich lese da aber keinen solchen hinein. Wenn ich doch irgendwann einen Subtext für wahrscheinlich halten sollte, dann werde ich brutal offen erfragen, ob du ihn so meinst, und erst mit einer Bestätigung aus der Möglichkeit in meinem Kopf eine Tatsache machen. Klingt das gut für dich?

Marim hatte am Ende von Punkt 1 schon geweint. Leise. Es schoss einfach heiß in seine Augen. Es war als würde sich an seinen negativen Erfahrungen ein kleiner Teil auflösen. Das verinnerlichte Victim Blaming – sich selbst an Übergriffigkeit gegenüber ihm die Schuld geben, statt Personen, die sich scheiße verhielten –, zerlegte sich. Es würde zurückkommen, klar. Aber jedes Mal mit so deutlich aufgeschriebenen Worten wurde es weniger und er erlaubte sich selbst mehr, zu sein.

Der zweite Punkt war diese Sicherheit, die er schon länger bei ihr wahrnahm, und von der er ihr geschrieben hatte. Eine Sicherheit die sich wie Atmen anfühlte. Wo er sich sonst immer darum kümmern musste, was für Subtext Leute so in seine Aussagen interpretieren könnten, und durch präzisere Ausdrucksweise versuchen musste, dagegen vorzubeugen, hatte er hier einfach zugesichert bekommen, dass er diese Leistung nicht ständig von sich abfordern musste. Sie war mit Nurek nicht seine Verantwortung allein. Nun, sie war ja ebenfalls neuroatypisch, aber auch neuroatypische Personen waren nicht gleich. So, wie sie es schrieb, fühlte er in das Weinen hinein eine Auflösung von kaum wahrgenommener, weil so permanent in Kommunikation angebrachter Anspannung, sodass er tatsächlich freier Atmen konnte. Das tat er dann auch.


Am Abend, dieses Mal schon etwas früher als die bisherigen Male, trafen sie sich wieder in Nureks Virtualität. Es war ein guter Ort, ein wirklich guter Ort für Treffen. Er spürte eine innere Freude, als er sie betrat. Nurek lag bereits auf dem Boden im unrealistischen Wasser und grinste die Decke an. Er legte sich wortlos neben sie und tat dasselbe.

“Außerdem leite ich gern Konversationen so ein, als wären sie schon eine Weile am Laufen.”, begrüßte Nurek ihn.

Marim überlegte, wie er in Sachen Seltsamkeit kontern konnte, wie er es sich vorgenommen hatte. Das erste, was ihm einfiel, fand er zwar durchaus seltsam, aber auch gewagt. Er probierte es trotzdem. No risk, no fun, oder so. Und außerdem fiel ihm nichts anderes ein, solange er diesen Gedanken als Reserve speicherte. “Mein Herzwesen möchte dich daten.”

“Was?” Nurek beließ es bei der Reaktion und Marim konnte nicht schließen, ob sie nur Irritation widerspiegelte, oder auch so etwas wie Abscheu.

Er befürchtete, nun doch aufdringlich gewesen zu sein, und das war gar nicht mal so ein entspannender Gedanke. Außerdem vielleicht nicht völlig unrealistisch. “Ich versprach, ich würde versuchen, adäquat zu konkurrieren, bezüglich seltsam sein.”, erklärte er, brachte dabei möglichst doch Ernsthaftigkeit in seinen Ausdruck. “Ist das eine Kategorie von seltsam, die in eine sehr unkomfortable Richtung driftet?”

“Wäre es mit etwas mehr Details weniger seltsam?”, fragte Nurek, statt zu antworten.

“Ja.”, versicherte er.

“Dann wäre ich jetzt bereit für Konkurrenzreduzierung.” Sie musste nur Momente nach ihm auch kichern.

Marims Nervosität legte sich eine Spur. Wenn sie so reagierte, dann war das wahrscheinlich entweder kein Problem, oder ein lösbares. “Er würde gern einen Kinoabend machen und schlug vor, ich könnte dich dazu fragen. Er fragte außerdem, ob du das wohl als Date auffassen würdest, was ich für unwahrscheinlich hielt.”

“Aber dann wollte er eher uns miteinander daten und nicht er mich?”, korrigierte Nurek seine ursprüngliche Aussage der Seltsamkeit.

Marim wurde für einen Augenblick sehr heiß. Er hätte damit rechnen müssen, dass Nurek das fragte. Es war ihm kurz peinlich. Dann sammelte er sich zusammen und dachte sich, dass es eigentlich keinen Grund dafür gab. Sie konnten sicher sachlich darüber sprechen. Hoffte er. Und wenn nicht, dann war das eben so. “Ja, das wäre eigentlich präziser.”

“Wäre es für dich ein Date?”, fragte Nurek.

Gleich die nächste dieser Fragen. Dieses Mal war der Augenblick des Schamgefühls sogar noch kürzer. “Ich hatte das nicht geplant. Für Dates bevorzuge ich eigentlich andere Aktivitäten. Aber wenn du von dir aus gern hättest, dass es eines wäre, würde ich vielleicht nicht nein sagen.”

“Wie definierst du Date?”

Marim musste schmunzeln, weil er sich tatsächlich schon oft Gedanken darüber gemacht hatte, wie er die Frage beantworten würde, aber noch nie gefragt worden war. Und seine Antwort trotzdem nicht saß. “Ich empfinde Date als einen Umbrella-Term. Ein Date ist also dann ein Date, wenn alle Beteiligten sich darüber einig sind.”, antwortete er. “Dafür braucht es natürlich trotzdem schonmal eine Richtung, in die es gehen soll. Ich würde von mir aus als Date eine Verabredung bezeichnen, bei der die Option auf eine neue Beziehungsebene eruiert wird.” Marim runzelte die Stirn. “Ich habe ein Fachwort benutzt. Herausgefunden wird? Sowas. Etwas in Richtung erforschen, erheben.”

Nurek ging nicht weiter auf die Extra-Erklärung ein. “Beziehungsebene ist ziemlich vage.”, meinte sie. “Ist besagtes Kino-Gedöns dann nicht ein Date, weil wir dabei herausfinden, ob wir beide zusammen gemeinsam einen Film ansehen können, oder ob wir uns dabei auf die Nerven gehen oder so etwas?”

“Vielleicht ist es das. Beziehungsebenen lassen sich sicher auch nicht scharf trennen. Vielleicht ist das aber auch noch zu stark die gleiche, die wir schon haben.”, antwortete Marim. “Ganz, wie du magst.”

“Für die Kino-Sache ist mir das dann egal. Solange es diese Beziehungsebene ist, über die wir eruieren, und nicht eine andere. Wobei manche anderen sicher auch okay wären, kommt jeweils drauf an.”, sagte Nurek. “Aber ich hätte gern ein Date, hm, eine Art Date? Ein Date-Gedöns mit dir. Ich würde gern eruieren, ob wir gemeinsam auf ein Konzert gehen könnten. Outernet, live. Das kann natürlich bereits scheitern, wenn das für dich jetzt schon einfach nicht in Frage kommt. Dann wäre im Nachhinein dies ein Date gewesen, richtig? Ich bin verheddert, hier sind schon wieder zu viele Gedankenäste.”

“Schabernakel?”, fragte Marim, bevor er irgendeine der anderen Fragen, die Nurek gestellt hatte, in seinem Kopf sortiert hatte.

“Ja.”, sagte Nurek. “Es ist ein Wunschtraum von mir, sie irgendwann live zu sehen. Aber es gibt so viele Barrieren. Und die erste, an der es scheitert, ist, dass ich das nicht alleine packe, aber keine Person kenne, die mich begleiten kann oder mag.”

“Hui.”, sagte Marim sachlich. Er hatte schon Lust dazu, überlegte er. Es war noch kein Gedanke, der so wirkte, als wäre er durchdacht. Der Gedanke hatte sich zunächst einfach in Worten gebildet und wollte raus. Er überlegte, wie viel von der Einordnung, was ein Date sein könnte und was nicht, er noch vornehmen wollte, oder ob das nicht eigentlich auch egal wäre. Aber es fühlte sich unsortiert an, nicht abgeschlossen. Er wollte zumindest die Möglichkeit einräumen, dass sie die Dinge definierten. Aber gerade konnte er nichts anderes sagen, als: “Ich habe schon Lust dazu.” Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis er das gesagt hatte.

Nurek neben ihm lächelte. “Es wird kompliziert.”, meinte sie, und wirkte dabei unsicherer als sonst. “Ich brauche einen sehr genauen Plan. Ich brauche mehr Vertrauen zu dir, wenn das klappen soll. Ich habe Angst, dass du jetzt denkst, das wäre eine Sache, die nicht scheitern kann, wenn wir nur genau genug planen, aber sie kann scheitern.”

Marim nickte. Es störte ihn nicht, er verstand das. “Das ist in Ordnung.”, sagte er vorsichtshalber. “Wir sähen nun sozusagen diese Plansamen und schauen, was sie brauchen, um zu wachsen, und ob wir haben, was sie brauchen.”

“Und wenn das Gestrüpp daraus nicht so wachsen kann, wie es für diesen Plan müsste, dann kommt es in den Kompost und wir verwerten es zu was anderem?”, fragte Nurek.

“Das ist ein schönes Bild.”, stimmte Marim zu.

Sie schwiegen ein paar Momente. Marim wusste nicht, ob sie das taten, weil es gerade nichts zu sagen gab, oder sie einfach beide zu verheddert in nicht so ganz verbalisierten Gedankenranken waren.

“Ich kann bald nicht mehr.”, kündigte Nurek an. “Aber ich mag das Kino-Gedöns noch zu Ende besprechen und habe Fragen.”

“Stell sie!”, forderte Marim auf.

“Wie gut funktioniert der Film in 2D?”, fragte Nurek. “Ich kann kein 3D sehen. Es gibt ja die diversesten Ansätze, Filme zu gucken. Die mit auf eine Leinwand schauen haben meistens gute 2D-Versionen. Das würde meine Version der Virtualität dann auto-ersetzen. Prinzipiell kann ich natürlich 2D sehen, was andere Leute in 3D sehen, wie im Outernet ja auch. Aber es gibt auch Filme, die nur in 3D gut funktionieren. Und anders als in interaktiven Situationen kann ich das in einem Film nicht ausgleichen.”

“Ich dachte mir das beinahe schon, dass du blind auf einem Auge mit 3D Schwierigkeiten haben könntest.”, sagte Marim. “Die Produzierenden nutzen meist keine besonders speziellen Effekte, aber ich erkundige mich. Wäre es okay, wenn ich in 2D mitschaue, oder wäre das unsensibel? Ich habe das lange nicht mehr gemacht.”

“Das kannst du gerne mitmachen.”, sagte Nurek und kicherte. “Ich bin auf dem Glasauge blind.”

Marim blickte sie an, weil er meinte, sich daran zu erinnern, dass die Augenhöhle leer gewesen wäre. Aber Nurek sah an die Decke des Steinbaus, und lag mit der anderen Seite zu ihm. “Stören dich Fragen dazu?”, fragte er.

“Nein.”, sagte Nurek. “Kommt natürlich immer ein bisschen drauf an, welche, aber im Zweifel sage ich das dann schon.”

“Hast du in der Virtualität eine leere Augenhöhle, während du im Outernet ein Glasauge hast?”, fragte er.

“Ich trage im Outernet etwa vier Stunden am Tag das Glasauge. Eigentlich nicht aus Glas, sondern ein haptisch ähnliches Material, etwas leichter, etwas weniger Wärmeleitfähigkeit. Es kann passend gedruckt werden, nachdem die Augenhöhle mit Lasetechnik ausgemessen worden ist, und wird dann stark erhitzt bis die Oberfläche flüssig ist, die dann mit Magnetfeld und Luftdruck so getrocknet wird, dass sie keine noch so feinen Kanten oder Risse mehr hat. Das Material hat einen komplexen Namen, aber wir nennen es alle Glas. Es heißt ja auch Plexiglas und so.”, erklärte Nurek. “Es sorgt dafür, dass die Augenhöhle gedehnt bleibt. Aber das ist auch unangenehm, egal wie passgenau es ist. Daher trage ich es nur, wenn ich muss. Ich mag mich optisch eigentlich auch ohne gern, daher habe ich mich entschieden, in der Darstellung meiner Person in Virtualitäten keines zu tragen.”

Marim nickte. Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er fand es irgendwie schön, dass Nurek das offen zeigte. Das war ja in Virtualitäten umgehbar. Seine Repräsentation in Virtualitäten trug zum Beispiel keine Brille. Allerdings nicht aus ästhetischen Gründen, sondern einfach, weil er sie hier nicht brauchte und er fand, dass authentischere Darstellung die Nachteile eines Brillengestells, das manchmal im Weg war, nicht aufwog.

Nur ein Auge zu haben, war allerdings wohl etwas sehr anderes, als eine Brille zu brauchen. Was Nurek dazu bewog, es offen zu zeigen, wusste er natürlich nicht. Und eigentlich fühlte er sich auch nicht, als wäre er in der Position, dazu eine eigene Meinung zu haben, weil es ihn nicht betraf. Also sagte er erst einmal nichts und fühlte sich seltsam deswegen, weil er ja die ausgehende Frage gestellt hatte, und eine Reaktion nun vielleicht dran war.

“Der Grund, warum ich überhaupt auf das Glasauge zu sprechen kam, war eigentlich, dass ich hier und auch gerade keines trage.”, sagte Nurek. “Und damit ist es unpräzise zu sagen, ich wäre auf einem Auge blind. Das eine Auge ist nicht blind und ein zweites, das blind sein könnte, habe ich nicht. Und gleichzeitig fühlte ich mich seltsam, zu kritisieren, weil es so klingen könnte, als würde ich dich auf eine verletzende Ausdrucksweise hinweisen, dabei hat der Drang, zu präzisieren, vielleicht eher was damit zu tun, dass ich neuroatypisch bin. Ich kann oft unpräzise Aussagen nicht so stehen lassen!” Nurek warf die Hände in die Luft, wie in einer ‘I can’t even’-Geste, und das Wasser spritzte dabei.

Marim lächelte. “Aber du hast ja recht, das stimmt!”, sagte er. “Eigentlich war mir das unterbewusst tatsächlich auch so halb aufgefallen, irgendetwas hatte mich an meiner Aussage gestört.”

“Weiter im Text.”, sagte Nurek. “Du hast ein Herzwesen dabei. Darf ich auch eines mitbringen?”

“Natürlich!”, stimmte Marim zu.

“Dann hätte ich nur noch die Fragen, wann und wo und solches Gedöns. Aber am besten schickst du mir damit eine separate Nachricht. Sowas habe ich lieber schriftlich.”