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\Beitext{Marim}

Vorabanmerkung: Für Teile dieses Kapitels plane ich ein Sensitivity Reading mit einer jüdischen Person.

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Marim las die kurze Liste.

  • Über Umgang mit Overloads und Melts reden.
  • Über Umgang mit Needs reden.
  • Trockenüben.
  • Treffen im Outernet.
  • Kleine Feier mit mehreren vertrauten Personen.
  • Größere Party mit überwiegend nicht vertrauten Personen.
  • Zelten.
  • Absprachen mit Notfall-Ansprechpersonen.

Die ersten drei Punkte waren außerdem schon abgehakt. Das hatte gar nicht mal so wenig Zeit gebraucht. Nicht zuletzt, weil sie immer wieder inhaltlich abgedriftet waren. Unter anderem hatten sie eine Virtualität ausprobiert, die komplett aus Federn in nahezu Schwerelosigkeit bestand. Das war ziemlich anders gewesen, als sie es sich vorher vorgestellt hatten, dabei hatten sie sich im Vorfeld gar keine so genauen Vorstellungen gemacht.

Der erste Punkt war noch relativ schnell gegangen. Er wusste, was Overloads und Meltdowns waren. Bei vielen neuroatpyischen Personen führten für andere alltägliche Reize zu stärkeren Stressreaktionen, wie in der Ecke sitzen und weinen – die Reaktion wurde häufig als Overload bezeichnet –, oder zu Ausbrüchen, die wie Wut wirkten, aber nicht unbedingt mit der Emotion verbunden waren, sondern eher mit Überforderung und Überlastung. Die Reaktion war meist nicht gegen Personen gerichtet oder zweckgebunden, und Ruhe und Rückzug war dann häufig das vorrangige Bedürfnis. Diese zweite Reaktion wurde oft als Meltdown bezeichnet^[Meltdowns und Overloads sind unter vor allem autistischen Menschen gängige Begriffe mit ungefähr dieser Definition. Je nach Umfeld schwanken die Definitionen etwas und nicht jede autistische Person kann den Worten ein eigenes Erleben zuordnen. Es sind keine Fantasy-Begriffe]. Nurek schleuderte zum Beispiel Dinge, die sie gerade zur Hand hatte, durch die Gegend. Das waren Nureks Reaktionen, hatte sie erzählt. Meltdowns hatte sie vielleicht einmal in drei Jahren, wenn sie sich sehr übernahm. Aber genau das hatte sie ja für das Live-Konzert vor. Bewusst, gezielt, und trotzdem möglichst sicher.

Marim hatte vielleicht einmal einen Meltdown gehabt. Er war sich nicht sicher. Overloads hatte er häufiger. Er bekam dann Kopfschmerzen und musste sich zurückziehen. Aber meistens setzten sie verzögert ein, und wenn er dringend handlungsfähig bleiben musste, ging das.

Es hatte sich aus dem Gespräch mit Nurek ergeben, dass er mit Situationen wie Konzerten erheblich besser zurechtkam als sie. Er war dann erst danach richtig fertig und brauchte davor viel Ruhe, aber die Konzert- oder Event-Situation selbst stand er im Normalfall durch. Er war auf einem Hackevent gewesen und zusammen mit Anuka auf zwei Live-Konzerten und einem Festival. Das hatte brauchbar funktioniert. Mit viel Anleitung traute er sich zu, in so einer Situation zusätzlich auch auf Nurek achtzugeben und sich zu kümmern, falls sie nicht mehr konnte.

Generell sahen Meltdowns und Overloads relativ individuell aus. Für manche gab es sogar einen fließenden Übergang dazwischen. Für manche war nicht so klar, wo ein Overload anfing. Letzteres war für Nurek der Fall. Sie war in der Lage, recht präzise zu beschreiben, was dann mit ihr passieren würde und was Marim tun müsste, wenn er bestimmte Anzeichen bei ihr beobachtete.

Der zweite Punkt hatte lange gedauert und war vielleicht eher ein Punkt, der trotzdem immer wieder aufkommen würde, auch wenn sie nun schon ausführlich darüber gesprochen hatten.

Nurek hatte einen Haufen alltäglicher Dinge, die sie tat, oder die wichtig für sie waren. Das fing bei einfachen Dingen an, wie, was sie nicht essen konnte, und was nur, wenn sie nicht gestresst war, und ging über dazu, dass sie unter Hochanspannung überhaupt regelmäßig daran erinnert werden musste, zu essen und zu trinken. Nicht nur daran erinnert werden. Denn die Schritte waren für sie eine zu große Hürde, sich selbst darum zu kümmern, wenn zu viel Party um sie herum war. Wenn sie einfach nur gefragt würde, ob sie etwas essen wollte, würde sie ablehnen, auch wenn sie etwas bräuchte, weil es ihr unmöglich vorkäme, die Schritte dafür selbst vorzunehmen, oder sich auch nur in ihrem overloadeten Kopf vorzustellen, was dafür noch getan werden müsste. Die Option erschien ihr dann nicht vorhanden zu sein. Also musste die Frage gleich mit einem Angebot verbunden sein, ihr etwas zu bringen.

Nureks WG kannte sie dahingehend gut genug, dass es bereits Routine für die Gruppe war. Es gab keine Liste, auf der all ihre Hürden standen. Da sie für sie so fest zum Alltag gehörten, fielen sie Nurek nur nach und nach ein.

Es erinnerte Marim daran, wie es für ihn war, einen Fragebogen für eine Diagnosestellung auszufüllen. Bei so einer Frage, ob seine Füße manchmal einschliefen oder so etwas, kreuzte er oft ‘nein’ an, aber nach einem Tag fiel ihm ein, dass ihm das oft passierte, aber es so sehr zum Leben gehörte, dass er es vergessen hatte. Solche Dinge eben. Glücklicherweise konnte es in so einem Fragebogen auch Tage später noch nachgetragen werden und die KI-Auswertung spuckte dann eine neue Diagnose aus, konnte entsprechend besser helfen. Im Fall von Nurek half so etwas nicht. Wenn sie erstmal auf dem Konzert waren und es passierte etwas, dann passierte das, und dann war die Veranstaltung potenziell gelaufen.

Für den dritten Punkt hatten sie mit Virtualitäten Situationen durchgespielt, die eintreten könnten. Nurek hatte sich natürlich nicht bewusst und absichtlich in einen Overload begeben. Sie hatten die Situationen ohne Overload als Rollenspiel nachgespielt, sich daran langsam herangetastet.

Nun stand der vierte Punkt, sich im Outernet treffen, allmählich an. Und für Punkt fünf hatte er sogar schon eine vage Idee. Eine kleine Feier mit mehreren für Nurek vertrauten Personen. Ob es zu viel wäre, beides zu verknüpfen? Er öffnete Diner, die Chat-Anwendung, auf die sie umgezogen waren, und tippte in ihren gemeinsamen General-Chat:

Marim: Was machst du Neujahr?

Er schaute auf den anderen Bildschirm, um ein weiteres Protokoll für seine Studie zu schreiben, aber dann sah er bereits, dass sie tippte und konnte sich nicht auf sein Protokoll konzentrieren.

Nurek: Kleine WG-Feier.

Nurek: Oh!

Nurek: Du meinst, ich soll dich einladen für Punkt 6?

Marim: *5. Und *4.

Sie vertat sich öfter bei Zahlen und fand es in Ordnung, dass er sie korrigierte. Darüber hatten sie gesprochen.

Marim: Außerdem: Genau!

Nurek: Ich frage die anderen.

Dieses Mal brauchte es wirklich lange, bis sie wieder antwortete. Er schaffte es in der Zeit die innerliche Aufregung in den Griff zu bekommen, sich darauf einzustellen, dass sie auch ‘nein’ sagen könnte, und sich schließlich doch auf sein Protokoll zu fokussieren. Er bekam nicht mit, als sie wieder schrieb, weil er so vertieft darin war, aber als er fertig war, war die neue Nachricht noch nicht sehr alt.

Nurek: Du hast dich erfolgreich eingeladen .)

Marim grinste. Oh, wie er sie für so etwas mochte! Den Smiley mochte er auch, von dem er inzwischen wusste, dass es ein einäugiges Grinsegesicht sein sollte.

Die Neujahrsfeier nutzte Marim traditionell, um neue Gruppen kennenzulernen. Er feierte jedes Jahr bei einer anderen Person aus seinem Umfeld, von daher passte das gut.

Das Gefühl von Freude kam etwas verspätet an, dann aber um so heftiger. Die Hack-Kommune hatte sich immer schön angehört, wenn Nurek darüber geredet hatte. Er freute sich auch aufs Reisen und stellte bei dem Gedanken fest, dass er gar nicht wusste, wohin.

Marim: Wo wohnst du eigentlich?

Nurek schickte ihm einen Link auf eine Karte. Er schrieb noch:

Marim: Ach ja, ich freue mich so!

Bevor er sich die Karte ansah. Norden. Nördlich noch von Geesthaven, einer Stadt, die für Wassersport bekannt war. In den Schären Nord-Maerdhas, die früher einmal sehr schlecht zu erreichen gewesen waren, weshalb die Gegend immer noch wenig besiedelt war.

Marim: Ist das schon nördlich genug für Nordlicht?

Nurek: Gelegentlich .)

Marim: Wow!

Nurek: Ja, ist cool. Aber ich bin auch schonmal in einer Virtualität mit Nordlicht aufgewacht und habe es für Outernet-Nordlicht gehalten. Es gibt viel relevantere Naturphänomene hier, die Virtualitäten noch nicht ganz präzise hinkriegen. Böigen Wind mit Nieselfeuchte zum Beispiel.

Marim: Romantisch <3

Nurek: *nickt


Damit sie Punkt 4 zeitlich vor Punkt 5 abarbeiten konnten, reiste Marim schon ein paar Tage vor dem Vorneujahrsabend in Röbersjard an. Er nahm den Zug über NOCity nach Geesthaven und von dort aus die Fähre – einen Trikieler mit monströser Segelfläche – nach Fjärsholm, wo er von Nurek und Linoschka abgeholt wurde. Er hätte auch bis Fjärsholm mit dem Zug durchfahren können, aber er hatte Lust gehabt, den eisigen Wind durch seine Haare pusten zu spüren und, wie Nurek beschrieben hatte, den feinen Nieselregen. Das Wetter passte zufällig zu ihren Beschreibungen. Die See war nicht wenig aufgewühlt, aber die drei Rümpfe des Trikielers schnitten geradewegs hindurch. Dabei war es ein vergleichsweise kleiner Trikieler. Die transkontinentalen Trikieler waren um einiges größer.

Auf halber Strecke fing es dann doch an zu schütten. Marim schnürte seine Regenjacke dichter. Das Wasser perlte an seinen dicken, wasserabweisenden Ringelleggins ab. Dass das Wetter nicht unbedingt für die Ringelstrümpfe ausgelegt war – oder umgekehrt – hatte er vorher gewusst und den Umstand eingeplant.

Als er in Fjärsholm von Bord ging, war er auf angenehme Weise andurchgefroren, also nur das erste kleine Stückchen von durchgefroren. Er mochte das ganz leichte Brennen auf den Armen und Beinen. Es war perfekt.

Er erkannte Nurek und Torf sofort. Nicht am Gesicht. Er war zwar für eine neuroatypische Person etwas überdurchschnittlich gut darin, Gesichter wiederzuerkennen, aber beide hatten die Gesichter ihrer Repräsentationen in Virtualitäten so verändert, dass sie nicht daran wiedererkennbar gewesen waren. Diese Vorkehrung war aus Anonymitätsgründen gar nicht mal so unüblich. Er erkannte sie, weil Nurek der einzige Lobbud war, der dort im Regen stand, und Torf in Figur, Größe und Kleidungsstil passte. Sie trug eine lange Regenhose, aber darunter durchnässte, weiche Socken in Sandalen. Außerdem hatten sie drei Fahrräder. Das dritte hatten sie hier geliehen. Das hatten Nurek und er abgesprochen und Nurek hatte ihm während seiner Überfahrt noch eine Nachricht geschrieben, dass es geklappt hatte.

“Ich bin Linoschka!”, rief Torf gegen den starken Wind an, als er vor ihr stand. “Du kennst mich als Torf, aber im Outernet bin ich lieber Linoschka. Geht das?”

Marim nickte. “Pronomen bleiben?”, fragte er.

Linoschka nickte.

“Wobei ich bestimmt noch genug mit Namen überfordert sein werde.”, sagte er. “Aber ein neuer müsste gehen.”

Nurek sagte gar nichts. Auch das war, nun, nicht abgesprochen, aber sie hatte gesagt, dass sie häufig nicht in der Lage wäre zu reden, wenn gerade zu viele neue Dinge auf einmal passierten, und das war bei einem ersten Treffen mit einer Person im Outernet, mit neuen Fahrrädern, vor einer Fähre, in einer nicht völlig vertrauten Stadt und mit vielen Personen in der Umgebung der Fall. Trotzdem sortierte sie ihm eines der Fahrräder wortlos zu und stellte es für ihn in der Höhe richtig ein. Sie drückte ihm, um die Hände dafür frei zu haben, außerdem seinen Fahrradhelm in die Hand. Es war ein Helm mit einer Mechanik, bei der sich vieles der Schale ineinander verschränken und dann fixieren ließ, sodass er auf fast jede Kopfform anpassbar wäre. Er kannte diese Technik, aber bisher nur in automatisiert. Hier musste er den Helm selber zusammenschieben, aber die Hinweissymbole, wie das ging, waren ausreichend hilfreich. Marim war trotzdem nervös. Seine Finger zitterten etwas. Niemand sprach, bis sie aufbrachen. Sie schoben die Fahrräder noch aus der kleinen Personenmenge heraus, die den Trikieler verlassen hatte, und fuhren erst dann. Der Radweg führte etwas hügelig über die felsigen Scheren, die weiter innen lagen. Dunkelgraue Wollken zogen über den Himmel – so schrieb er Wolken, wenn sie den Eindruck von Wolle machten – und die kleineren Schäreninselchen neben ihm im aufgewühlten Meer waren nass von Regen. Er bekam mehr und mehr das Gefühl, freier atmen zu können, aber auch von der Fahrt völlig erschöpft zu sein.

Röbersjard bestand nur aus wenigen Häusern. Auf einem Grundstück stand ein kleines Windrad, schon von Weitem sichtbar. Marim tippte darauf, dass es zur Hack-Kommune gehören könnte, und behielt recht. Der Garten war groß, hatte verwilderte Stellen, sortierte Bepflanzung an anderen Orten und eine Terrasse. Die Tischplatte des Tischs war gegen Wind und Regen abgekippt und festgebunden. Sie stellten die Räder in einen Schuppen, der voll interessantem Gerümpel war, aber für die Fahrräder doch ausreichend Platz bot.

Ein hochgewachsener, molliger Elb mit langen, pinken Haaren und einem freudig wirkenden, etwas schiefen Gesicht empfing sie mit Handtüchern. Es roch nach Tee. “Ich bin Mø. Sie, ihr, ihr, sie.”, stellte sie sich vor. “Ich mache meistens Einführungen und versuche dabei auch, deine aktuellen Bedürfnisse möglich zu machen. Tee mit anderen? Tee alleine? Nahrung? Ein Zimmer mit Rückzug? Eine Führung? Weniger Vorschläge?” Sie hielt bei jedem Vorschlag einen weiteren Finger in die Luft.

Marim musste beim letzten Vorschlag lachen. “Moment.”, sagte er. Er fühlte sich besonders mutig, als er Mø ein mittelgroßes Handtuch abnahm. Ein kleines hätte gereicht, aber er überlegte, es zum Duschen weiterzuverwenden. Er zog seine Jacke aus und schüttelte sie vor der teilüberdachten Haustür, dem Beispiel der anderen beiden folgend, kurz aus. Dann nahm Mø sie ihm mit fragendem Blick ab und hängte sie an eine Garderobe.

“Es ist hier eindeutig zu voll.”, war das erste, was er Nurek sagen hörte. “Ich setze mich ins Gemeinschaftszimmer und warte da.” Und weg war sie.

Auch darüber, dass so etwas passieren konnte, hatten sie gesprochen.

“Mach dir keine Sorgen. Sie braucht einfach etwas Rückzug.”, erklärte Mø.

Marim nickte. “Ich weiß.”, sagte er. “Ich bin Marim. Er, sein, ihm ihn. Ich würde eine kurze Führung nehmen, so etwas wie Hausregeln, und dann hätte ich gern eine Viertelstunde Rückzug oder so.”

“Das ist herrlich konkret. Damit kann ich dienen.”, sagte Mø. Ihr Blick wanderte einmal an ihm hinab. “Was für ein schönes Kleid!”

Marim sah ebenfalls an sich hinab. Dabei wusste er eigentlich, was für ein Kleid er trug. Er machte sich für Ankunftstage stets sehr genaue Gedanken, welche Kleidung er sich aussuchen würde. Er hatte ein blaugrünes mit Farbverlauf gewählt, an dessen einer Schulter eine Qualle schwamm, deren Tentakeln sich um seinen Körper schlangen. Er lächelte. “Danke!”, sagte er.

“Ich glaube, du passt hier gut her.”, sagte Mø, bevor sie ohne weitere Verzögerung mit der Führung anfing.

Die Führung hatte ein gutes System. Sie priorisierte danach, was Marim dringend brauchen könnte. Mø zeigte zuerst die Badezimmer, den Lebensmitteldrucker, zeigte, wo das Gemeinschaftszimmer war und dann zeigte sie Marim den Besuchendenraum. Sie fragte, ob er den Rest sehen wollte, aber Marim beschloss, erst einmal ein paar Momente allein zu verbringen.

Der Raum hatte ein Fenster mit Wald- und Felsblick, an das der Regen prasselte. Er war insgesamt gar nicht mal so klein. Es gab Bett, Schreibtisch, Schrank, ein Regal und Platz auf dem Boden, um gegebenenfalls Sachen zu sortieren. Außerdem war es ein Hybridraum, der auch als Spielzimmer nutzbar war. Mit elektromagnetischen Feldern konnten hier sowohl Virtualitäten mit den entsprechenden Anzügen fühlbar gemacht, als auch durch entsprechendes Tuch, das auf die EM-Felder reagierte, Mobiliar und ähnliches in das Zimmer integriert werden.

Als erstes packte Marim Gumbol aus dem Rucksack, damit das Krokodil Luft bekäme, und legte es ins Bett. Er packte nur die wichtigsten Dinge aus, bevor er sich aufs Bett dazulegte und versuchte, die Reiseanspannung loszuwerden.

Er hätte einfach gefühlt für den Rest des Tages und der Nacht schlafen können, aber da war die Neugierde auf das Unbekannte, die anderen Personen, und Nurek, die vielleicht im Gemeinschaftsraum wartete, deshalb wurde daraus nichts. Das würde ein Tag werden, an dem er mehr Energie ausgab, als er hatte, wofür er die Rechnung hinterher irgendwann begleichen müsste. Mit unter anderem Kopfscherzen wahrscheinlich.

Als er so ruhig war, wie es eben ging, zog er sich doch die Leggins aus und stattdessen Ringelstrümpfe an, die er wieder mit glitzernden Strumpfbändern befestigte, weil er sich in der elastischeren, dünneren Kleidung viel wohler fühlte. Das senkte das Stresslevel sehr. Es war nicht mehr einfach 70% seiner Denkkapazität damit belegt, seine Beinkleidung wahrzunehmen und bewusst auszublenden.

Dann ging er in den Gemeinschaftsraum. Das Gefühl des Dielenbodens durch die dünneren Strümpfe fühlte sich in den ersten Momenten nach der langen Reise so sehr erleichternd an, dass er fast nur deshalb breit gegrinst hätte. Oder geweint. Sein Körper konnte sich da nicht so gut entscheiden.

Im Gemeinschaftsraum saß derzeit nur Nurek. Sie drehte an einem bunten Gegenstand, der ein Logik- und Geschicklichkeitsrätsel darstellte. Sie war vertieft darin und erschreckte sich sehr, als sich Marim vorsichtig in einiger Entfernung räusperte. Das war ein Problem, von dem sie herausgefunden hatten, dass es quasi nicht umgehbar war. Nurek erschreckte sich einfach sehr stark, wenn irgendein unerwarteter Reiz ihren vollfixierten Hyperfokus unterbrach. Sie grinsten beide. Und sagten beide nichts. Marim setzte sich in einem Sessel neben ihr, nahm die Beine mit auf die unbeschreiblich weiche Sitzfläche und strich sich den nassen Zopf hinter die Schulter. Erst dabei merkte er, dass sie noch zu einem Zopf geflochten waren. Er trug sie lieber offen, also holte er sie wieder nach vorn und löste das Zopfband.

“Das kannst du doch nicht machen.”, meinte Nurek.

Marim runzelte die Stirn. “Haare entflechten?”

“Haarporn.”, sagte Nurek. “Also, Porn ist vielleicht ein bisschen viel gesagt. Haare ziehen einfach meinen Blick auf sich, jede Bewegung von ihnen. Ich habe halt Angst, dass du dich gleich in den ersten Momenten hier unwohl fühlst, weil ich dich dabei anstarre. Und ich bin so gestresst, dass ich mein Starren nicht kontrollieren kann.”

Marim ließ die Hände sinken. “Du darfst starren.”, erlaubte er.

Sie blickten sich einige Momente gegenseitig an. Nurek wirkte durchaus nervös, fand er. Er fühlte sich auch nervös, schon, aber er hätte mit viel mehr Nervosität gerechnet.

“Klammer auf, wenn du die Haare in halb entflochtenem Zustand ohne Haarband lässt, dann ist das so etwas Unfertiges, was meine Aufmerksamkeit noch mehr anzieht.”, sagte Nurek.

Marim nickte, schmunzelte etwas, runzelte dabei auch ein wenig die Stirn. Allerdings machte er nicht weiter. Aus Gründen, die er noch nicht verbalisiert bekam.

“Klammer zu. Aber nur zur Beruhigung.”, fügte Nurek hinzu.

Nun grinsten sie beide. Es beruhigte tatsächlich. Nicht wieder geschlossene Klammern verhinderten einfach effektiv, voll aufzunehmen, was in ihnen stand.

“Ich will dich echt nicht unwohl fühlen lassen.”, sagte Nurek. “Und ich habe den Eindruck, genau das tue ich gerade. Und außerdem, dass ich die Schuld dafür auf dich schiebe, obwohl es eigentlich spielerisch sein sollte, aber das sollte ich trotzdem nicht tun.”

“Nurek, mir geht es gut. Du machst nichts falsch.”, sagte Marim. Dann holte er tief Luft und fasste in Worte, was er sich überlegt hatte. “Wenn du Haare so sehr magst, möchtest du sie gern entflechten, oder ist das im Moment zu viel?”

Nurek schloss die Augen und wirkte einen Moment an einem Rand von Unsicherheit, bei dem Marim sich anfing, zu sorgen, ob nicht einmal das Angebot zu machen, eine okaye Idee gewesen war.

“Du würdest mich an deine Haare lassen?”, fragte sie. “Gern?”

Marim nickte. “Ist ja auch nicht so, als hättest du beim Kuscheln in den Virtualitäten meine Haare nie angefasst.”, sagte er. “Ich mag das Kribbeln auf der Kopfhaut sogar. Ich weiß, dass du jegliche Grenzen akzeptierst.”

Nurek blieb noch eine Weile regungslos sitzen, aber nun wieder mit geöffneten Augen. Dann atmete sie tief ein und aus und stand auf. Sie war nicht sehr groß, aber andere in der WG schon, Mø vor allem. Deshalb waren die Sitzmöbel größtenteils auch für größere Personen vorgesehen, beziehungsweise kam es bei diesen Sitzmöbeln nicht so sehr darauf an, wie groß die Leute waren.

Nurek trat hinter seinen Sessel und er sortierte für sie den Zopf wieder nach hinten. “Wie zärtlich darf ich mit dir sein?”, fragte sie.

Marim fragte sich, wie sie es immer wieder schaffte, dass ihm von ihren Fragen oder Verhaltensweisen so unkontrolliert heiß wurde. “Gesetzt den Fall, andere WG-Mitglieder kämen herein, wie gut kämen sie damit zurecht, wenn sie mich schmelzen sähen?”, fragte er.

Nurek kicherte. “Gut.”, sagte sie. “Ich glaube, sie wären einfach glücklich, dass ich eine Person zum Schmelzen gefunden habe.”

“Beliebig.”, beantwortete er die Frage von vorher. “Bis ich Stop oder rot sage. Wie sonst auch.”

Dann fühlte er Nureks zarte, große Hände an seinem Nacken, kurz darauf in seinen Haaren. Es kribbelte. Ein Kribbeln, dass er sehr gern hatte, und ihm war gerade völlig gleich, dass er es vielleicht später mit Kopfschmerzen bezahlen werden müsste. Er schloss die Augen und fühlte sich darin hinein, wie sie den Zopf entflocht und hinterher mit den Fingern durch die Haare glitt, bis sie sortiert über die Sesselkante hingen. Anschließend umarmte Nurek ihn von hinten. “Ich bin schon ein bisschen hart verliebt, glaube ich.”, murmelte sie.

Ich auch, dachte er. Aber er sagte es nicht. Es kam ihm zu platt vor. Warum auch immer. Er legte stattdessen einen Arm auf ihren, mit seiner Hand ihren Arm nachfahrend, bis sie auf ihrer Schulter lag. Und dann sagte er es doch: “Ich in dich auch.”

Er überlegte, ob es ihm zu viel war, nun auch noch zu kuscheln. Mehr, als sie schon taten. Aber als sie ihre Wange an seine Hand legte und er ihr Haar an seinem spürte, war ihm das plötzlich egal. Es war vertraut. In den Virtualitäten wurde Nurek durchaus gut abgebildet. Er drehte sich weiter zu ihr um, sodass er mit der Hand auf ihren Rücken reichte, und kraulte ihren Nackenbereich, weil er wusste, dass sie das mochte.

Irgendwann, vielleicht ein paar Augenblicke später, aber vielleicht auch erst nach einiger Zeit – er hatte das Zeitgefühl verloren, kniete er auf dem Sessel, sie hatten die Sessellehne zwischen ihnen, und sich darüber hinüber gereckt im Arm.

“Wir haben auch ein Sofa.”, informierte die etwas eckige Stimme, die er vorhin schon kennengelernt hatte. Møs Stimme.

Nurek erschreckte sich wieder, aber nicht so sehr, wie vorhin.

“Ich dachte, ich informiere euch darüber.”, fügte Mø hinzu.

Marim und Nurek lösten sich und kicherten beide ein bisschen.

“Ich will gar nicht stören.”, sagte Mø. “Ich dachte, ich schaue, ob ihr Gesellschaft mögt, und wenn nicht, gehe ich gern wieder.”

“Ich glaube, es ist ganz gut, dass du störst.”, widersprach Nurek. Dann blickte sie Marim mit leicht schockiertem Ausdruck im Gesicht an. “Oh, das wirkt sehr missverständlich.”, murmelte sie.

“Ich empfinde ähnlich.”, beruhigte er. “Ich weiß nicht, ob aus denselben Gründen. Es war schön, aber ist mir eigentlich auch zu viel.”

Nurek nickte. “Ich fühle mich sehr am Rand von einem Overload.”

Nurek löste sich vom Sessel und setzte sich stattdessen in die ihm zugewandte Ecke des Sofas, das daneben stand, ebenfalls auf ihre Beine, und schaukelte leicht mit dem Oberkörper, mit sehr geradem Rücken.

“Soll ich wirklich bleiben? Sicher?”, fragte Mø.

Nurek nickte. Dann schaute sie Marim an und runzelte die Stirn.

“Bleib ruhig.”, sagte er. “Ich bin sehr erschöpft von der Reise, aber noch viel zu aufgeregt für Ruhe. Und etwas essen muss ich irgendwann auch noch.”

Mø setzte sich auf einen Schaukelstuhl Nurek gegenüber. “Ich bin die smalltalkigste Person in diesem Haushalt.”, sagte sie. “Das bedeutet, ich habe das Bedürfnis, eine Menge oberflächlicher, persönlicher Fragen zu stellen, bin es aber auch gewohnt, dass das stresst oder nicht gut kommt, und habe Verständnis. Oder auch dafür, dass so ein Gespräch nur von meiner Seite Smalltalk ist, und die andere Seite eben auf ihre Art reagiert. Wie ist da dein Vorzug?”

“Du möchtest mir jetzt gern eine Reihe oberflächlicher, persönlicher Fragen stellen?”, brach Marim herunter, was er verstanden hatte.

“Genau. So welche wie: ‘Wie geht es dir?’, ‘Wie war die Fahrt?’, ‘Woher kommst du heute?’”, präzisierte Mø.

“Stell sie, aber hetz mich dabei nicht.”, forderte Marim auf. Er grinste vorsichtshalber, damit sie nicht ausversehen einen genervten Tonfall in seine Aufforderung las.

Mø nickte, und zwar nicht nur mit dem Kopf, sondern machte dabei auch eine tanzende Bewegung mit dem Oberkörper, die sehr fröhlich wirkte. “Alles gut?”, fragte sie.

“Nie alles.”, sagte Marim. Er kannte diese Frage. Er konnte sie nie sinnvoll einordnen und hatte daher eine Antwort zurecht gelegt. Er wunderte sich außerdem, wie wenige Leute irgendeinen Plan hatten, warum er mit ‘nie alles’ reagierte, wenn er es nicht erklärte. “Allein schon dadurch, dass es widersprüchliche Bedürfnisse gibt, kann nicht alles gut sein. Aber ich nehme an, du möchtest gar nicht wissen, ob alles gut ist. Magst du die Frage so formulieren, dass sie wörtlicher meint, was du wissen willst?”

Mø grinste und schüttelte langsam den Kopf. “Ich sage doch, du passt hier rein.”, meinte sie. “Ich versuchs: Wie fühlst du dich gerade, und wie fühlt sich die Umgebung gerade für dich an? Fehlt dir etwas?”

Marim stellte fest, dass er keine Lust auf eine ausführliche Antwort hatte. Er hatte etwas Angst, dass eine knappe Antwort unhöflich aufgefasst werden könnte, aber auf der anderen Seite war diese WG wahrscheinlich einer der besten Orte, um zu üben, er selbst zu sein. “Müde und erschöpft.”, sagte er. “Neu, aber durchaus gemütlich bisher. Einladend und weich. Ich mag das Fremdheitsgefühl tatsächlich.” Er war doch etwas mehr ins Detail gegangen. “Nahrung.”

“Das kriegen wir hin.”, meinte Mø. “Willst du allein essen, oder mit uns zusammen.”

“Durchaus gern letzteres.”, sagte Marim.

“Ach ja.”, sagte Mø. “Ich erteile dir hiermit Zugriff auf den Lebensmitteldrucker im Haus. Falls ich es vorhin vergessen habe. Ich kann mich gerade nicht daran erinnern.”

Es reichte üblicherweise so eine ausgesprochene Erlaubnis, wenn eine zuständige KI gerade dazu eingestellt war, zuzuhören, damit Marim dem Lebensmitteldrucker sogar ferngesteuert und nicht nur an der Maschine selbst Aufträge schicken konnte.

Er nickte. “Hattest du tatsächlich noch nicht. Danke!”, sagte er. “Ist es üblich, dass jede Person ihren eigenen Kram druckt?”

“Meist ja.”, sagte Mø. “Wir haben hier einfach zu viele Leute im Haushalt, deren Geschmäcker sich nicht so vertragen.”


Marim erkundigte sich noch, wie gemeinsames Essen hier gehandhabt wurde, und nach ein paar anderen Routinen. Irgendwann – es war schon längst dunkel und der Regen floss weiterhin beruhigend schön die Scheiben hinab – saßen sie tatsächlich alle zusammen am Tisch und aßen. Marim war so aufgeregt, dass er vergaß, zu pusten, bis sein Essen abgekühlt genug wäre. Dann hatte er viel zu heißes Essen im Mund und musste darum herum atmen, es im Mundraum ja nicht zu viel Haut berühren lassen. Mø stellte erst wieder Fragen an ihn, als sie fertig gegessen hatten. Zunächst einiges über die Fahrt und später über sein Leben, ob er einer einzelnen Arbeit nachging, mehrerer oder keiner. Dabei erfuhr Marim, dass es bei der WG gemischt war. Einige machten Technik-Support, wenn es gerade passte, Tjaren verwaltete ein Forum und Linoschka arbeitete gar nicht. Nurek befasste sich mit verschiedensten Studien, hatte aber insgesamt alles mögliche schon gemacht, über Bedienung an Eisständen, Leiten einer kleinen lokalen Offline-Jugend-Hack-Gruppe, Entwicklung von verschiedensten Virtualitäten, etwas Forschung – das, wovon sie schon einmal erzählt hatte –, bis hin zu Mitentwicklung barrierearmer Bauwerke in Hinblick auf neurologische Behinderungen. Sie hatte auch schon Rezepte für Lebensmitteldrucker entwickelt, ein Drehbuch für ein chaotisches Theater geschrieben, sich an einer Renaturierungsaktion beteiligt und sie testete Hardware auf Bugs.

“Ich stelle die Frage sehr selten.”, leitete Marim schließlich ein. “Was kannst du eigentlich nicht?”

Nurek grinste. Vielleicht hatte sie die Frage wirklich schon viele Male gehört. Jedenfalls konnte Marim sich das gut vorstellen. “Diese Frage” – sie machte eine Kunstpause – “kann ich nicht beantworten.”


Die Zeit bis zum Neujahrsfest verging – nicht unerwartet – nicht gerade langsam. Es gab noch keine Routinen und dauernd diese stressige Frage, wie viel Zeit er mit den anderen verbringen wollte. Ebenso nicht unerwartet hatte er am nächsten Tag erst einmal lange Kopfschmerzen und blieb im Bett. Linoschka brachte ihm zwischendurch eine Suppe dahin. Sie war sehr ängstlich gewesen, ob er es überhaupt in Ordnung fand, wenn sie klopfte, um ihm selbige anzubieten. Die Suppe tat gut.

Am Abend saß er wieder im Gemeinschaftsraum, geschafft und ermattet, als habe er eine Woche Fieber gehabt. Das war immer die Nachwirkung von so einem Overload mit Kopfschmerzen, die sich anfühlten, wie Nägel, die in seine Augenbrauen und Nase und durch seinen Augenhintergrund gehämmert worden wären. Wenn jedes bisschen Licht, dass er wahrnahm, ihm so weh tat, dass die Atmung blockierte.

Er beobachtete Nurek, Ivaness, Tjaren und Linoschka, wie sie ein Kartenspiel spielten. Er selbst war zu schlapp dafür, aber die anderen störte nicht, dass er nur zusah. Nicht einmal, als er in Nureks Blatt linste und fragte, ob es ein gutes Blatt wäre mit den drei Assen darin. Vielleicht kam ihm dabei aber auch zu Gute, dass das Deck kein einziges Ass enthielt.

Am folgenden Tag ging er mit Nurek spazieren. Es war alles noch sehr nass, aber es regnete nicht mehr. Tatsächlich gab es für die kommende Nacht Glatteiswarnung, und irgendwann in den kommenden Tagen sollte es schneien.

Ein weiterer Tag verging, an dem er zwei weitere Versuchspersonen hatte. Und einer, der tatsächlich einfach sehr ruhig und gemütlich war. Sie saßen zusammen im Gemeinschaftszimmer jeweils an ihren eigenen Faltrechnern. Es ergab sich das ein oder andere kurze Gespräch, aber sie alle hatten gar nicht so viel zu sagen, also war es auch viel ruhig. Mal zogen sich Linoschka und Nureks Geschwister zurück, um ein Abenteuerspiel in einer Virtualität zu zocken, mal waren Tjaren und Mø in einem ihrer Zimmer und Nurek vermutete, dass sie dort Sex hatten.

Als Nurek und Marim allein waren, nutzten sie die Zeit, um sich in seine Studie zu vertiefen. Es war immer wieder ein Genuss mit Nurek darüber zu reden. Eskapismus im historischen Kontext, wie die genaue Bedeutung davon war, ob sich die Bedeutung gewandelt hätte, und vor allem darüber, warum immer wieder über Notwendigkeiten von Eskapismus gesprochen wurde, statt über positive Auswirkungen, auch ohne dass diese notwendig wären.


Und dann kam der Vorneujahrsabend. Bis zum Mittag waren vier Personen zur Feier gekommen, die der Rest sehr gut kannte, als hätten sie mal zusammen gewohnt. Es stellte sich heraus, dass eine der Personen tatsächlich mal in Marims aktuellem Zimmer gehaust hatte, aber dann zu einer anderen der Personen gezogen war.

Sie saßen gemeinsam am Tisch und erzählten sich alte Anekdoten, teils mit Insidern gespickt, sodass Marim Schwierigkeiten hatte, mitzukommen. Ihm machte es nicht so viel aus, an sich. Er hatte ein wenig das Gefühl, in einen Personenkreis hinzugekommen zu sein, der zwar sehr lieb wirkte, aber in den er nicht so richtig gehörte.

“Kommen irgendwann noch weitere Personen?”, fragte er nach mehreren Stunden schließlich in einer Gesprächspause.

“Nope!”, sagte Ivaness. “Falls das deine Frage war: Du hast dich da in so eine schon lange bestehende, kleine Gruppe eingeladen.”

Das Gefühl von eben verstärkte sich, überrollte ihn und war zugleich altvertraut. Das Gefühl, nicht hier herzugehören, nun auch vermengt mit dem Gefühl, nicht mitbekommen zu haben, dass ihm das eigentlich längst mitgeteilt worden war. Subtil vielleicht. Vielleicht meinte Ivaness genau das.

“Du bist willkommen!”, versicherte Mø. “Natürlich bist du das.”

“Oh, klang das ausladend?”, fragte Ivaness.

Auf einmal sahen ihn alle an. Und Marim fehlten die Worte.

“Es tut mir leid.”, sagte Ivaness. “Es gibt keine Regel, dass sich die Gruppe nicht erweitern darf. Wenn mein Schwesterherz sagt, du kannst dazu, dann kannst du dazu.”

“Ich glaube, es ist einfach meine Angst, nie dazuzugehören.”, murmelte Marim. “Ich habe noch nie in einer Gruppe dazugehört. Vielleicht Mal bei Einzelpersonen.”

“Du gehörst dazu.”, versicherte Mø noch einmal. “Ich habe das am Anfang schon zwei Mal gesagt und ich sage es auch gern wieder: Du passt einfach.”

“Können wir etwas tun, damit das Gefühl weggeht?”, fragte eine der fremden Personen, ein Zwerg mit einem in dicke Zöpfe geflochtenem Bart und Glatze.

“Woher kennt ihr euch?”, fragte Marim, statt zu antworten.

“Die meisten von uns aus der Lerngruppe, wir waren in derselben.”, antwortete Mø. “Tjaren kam später dazu, erst vor zwei Jahren. Über mich. Das lief vielleicht ein bisschen ähnlich. Nurek war nur ein halbes Jahr in unserer Lerngruppe, aber wir haben Kontakt gehalten. Tissan war mal mit Ivaness zusammen und ist darüber reingekommen.”

Marim folgte Ivaness’ Blick, der sich auf einen anderen Lobbud richtete. Sie lächelten sich gegenseitig einmal an. Marim schloss, dass der andere Lobbud dann wohl Tissan sein musste. Er hatte sich die Namen bei der Vorstellung so schnell nicht alle merken können.

“Seid ihr ungefähr oder genau im gleichen Alter?”, fragte Marim und blickte Nurek und Ivaness abwechselnd an, aber sie schüttelten den Kopf.

“Ich bin fünf Jahre jünger.”, sagte Ivaness. “Aber Lern-Inhalte passieren ja nicht zwangsläufig linear. Ich war mit lernen immer viel schneller als andere, Mø langsamer, und Nurek etwas chaotisch. Wir hatten gehofft, dass es ihr nicht langweilig bei uns in der Gruppe wird, aber das ist doch passiert, also ist sie irgendwann gegangen.”

“Schule, beziehungsweise Lerngruppen waren nichts für mich.”, sagte Nurek.

Einige Momente sagte oder fragte niemand etwas und Nurek bekam Aufmerksamkeit. Vielleicht fuhr sie deshalb fort: “Ich habe viele Lerngruppen und einige Schulformen ausprobiert, sogar zwei physische. Das letzte war das Ehrenberg-Internat. Aber egal wie, Schule ist halt einfach nicht meins. Ich habe den Quatsch abgebrochen.”

Marim blickte sie nachdenklich an. Vielleicht hatte sie üble Erfahrungen gemacht und er sollte nicht bohren. Auf der anderen Seite hatte sie mal gesagt, dass sie ihre Grenzen selber ziehen wollte. “Vom Ehrenberg-Internat habe ich an sich Gutes gehört. Also, klar, okay, wenn das nichts für dich ist, ist das in Ordnung. Aber wenn du erzählen magst: Woran lag es beim Ehrenberg-Internat.”

“Das Ehrenberg-Internat ist durchaus gut.”, betonte Nurek. “Ich konnte in eine Lerngruppe, die abends und nachts unterrichtet wurde, was mehr so meinem Tagesrhythmus entspricht. Weißt du ja schon. Sie haben sogar die Stundenlänge an unsere Bedürfnisse angepasst. Aber wenn mein Gehirn sich entschloss, dass nun Mathematik dran ist, aber im Plan stand Geschichte, dann ist das mit fünf anderen Kindern, deren Gehirn auch sowas beschließt, aber eben nicht zufällig immer gleich, nicht drin. Das ist einfach null realisierbar. Deshalb lerne ich mit KI und autodidaktisch und habe etwas kurios geskillt.”

Tjaren und ein paar der anderen kicherten. “Kurios geskillt trifft es echt gut bei dir.”, kommentierte Tjaren. “Unsagbar vielfältig und insgesamt sehr viel.”

“Es ist auch ein Haufen fragwürdiger Skills dabei.”, wandte Nurek ein. “Ich mein’, ich kann in Desertclimber wirklich, wirklich gut Wasserquellen finden. Aber stürze fast immer ab. Ich kann bei diesem vintage Minenspiel, das auf jedem System anders heißt, die leeren Minenfelder in Rekordzeit finden, aber nur ohne Fähnchen zu setzen. Ich kann Elektronik in Ender-Village viel besser bauen, als in real, obwohl sie in dem Spiel furchtbar unpraktisch ist, Unmengen Sonderregeln hat und viel Platz braucht. Ich kann mit den Füßen voran schneller schwimmen als die meisten – die das für gewöhnlich nie geübt haben –, würde damit vielleicht Wettschwimmen gewinnen. Nicht auf Landesebene oder sowas. Ich kann beim Luft einsaugen pfeifen, auf Kommando niesen, mit beiden großen Zehen in der Nase bohren, also, wenn meine Nase größer oder die Zehen kleiner wären, und Frösche perfekt imitieren.”

“Aber Elekotronik in Ender-Village macht auch einfach Spaß!”, kommentierte Tissan.

“Es macht dir ja auch generell Spaß, Tools zu benutzen, wofür sie eigentlich nicht gedacht sind.”, fasste Linoschka zusammen.

“Marim, wie geht es dir jetzt?”, unterbrach Mø. “Wir sind vom Thema abgekommen. Vielleicht willst du auch gar nicht im Mittelpunkt stehen, aber mir liegt schon daran, dass wir dich nicht ausschließen.”

Marim fühlte, wie sich eine Angst in ihm löste, nur ein bisschen. “Mir hat es eigentlich nicht viel ausgemacht, vieles nicht so sehr zu verstehen. Ich glaube, gegen das Gefühl, nicht dazuzugehören, können wir akut nichts tun. Dazu ist das zu alt. Aber ich hatte auch Angst, dass ich störe, und ich glaube, die lässt gerade nach.”

“Du störst nicht.”, betonte Ivaness recht energisch. “Ufz, es tut mir so leid.”

“Du hast gar nichts getan.”, versuchte Marim zu beruhigen. “Es gab eine schlimme Auslegung, aber die hast du gar nicht gemeint. Das ist jetzt klar.”

Ivaness hatte schulterlange, gewellte Haare und sehr dunkle Augen. As wirkte energiegeladen und hatte insgesamt vielleicht ein eher loseres Mundwerk. As hatte im Gespräch zuvor einige sarkastische Sprüche gebracht, bisher welche, die die anderen aufzubauen schienen. Auch in den vergangenen Tagen gelegentlich. Er konnte as nicht so gut einschätzen, aber sein Eindruck von iem war bisher sympathisch gewesen.

“Du darfst jederzeit fragen, wenn du etwas nicht verstehst.”, sagte Mø. “Ich glaube, wir haben irgendwann mal unseren eigenen Sprech entwickelt und es kann schwer sein, sich dareinzufinden, oder für uns, es überhaupt zu bemerken, dass wir das schon wieder tun. Aber dahinter stecken lustige Geschichten, die wir uns auch gern immer wieder gegenseitig erzählen. Also fühl dich eingeladen, nach diesen Geschichten zu fragen.”

Marim nickte. Die Aufmerksamkeit blieb nicht lange bei ihm, sondern schwappte tatsächlich über kurze Umwege wie Essensplanung, oder wer zum Neujahr rausgehen würde, wieder zu Gesprächen, die auf alten Gemeinsamkeiten und Erlebnissen aufbauten. Marim fragte nicht, sondern lauschte einfach auf die Stimmen und Gefühle, und fühlte sich nun trotzdem weniger verloren. Manchmal erklärte Nurek nun eine alte Geschichte von sich aus. Er wusste, dass ihr Kopf selbst in diesem bekannten Umfeld völlig überlastet war, und es berührte ihn sehr, dass für ihn Kontext zu schaffen darin eine solche Priorität hatte.

Gegen Mitternacht gingen die meisten raus. Ivaness, Tissan und Tjaren war es draußen zu hektisch und das geplante Lichterspiel zu grell, und sie zogen sich in die Küche zurück. Sie wollten etwas aufräumen, etwas interessanten Knabberkram drucken und sich im Wesentlichen ausruhen.

Das Lichterspiel erzeugten sie mit LED-Technik auf einer Hauswand. Es war wunderschön, fand Marim. Einige aus der WG hatten jeweils etwas Programm vorbereitet. Nureks Programm war kurz, und wirkte so, als würde sich Nordlicht in Wasser auf der Hauswand spiegeln. Marim hatte das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, aber sie lehnte ab. Stattdessen ergab sich unter einigen anderen ein Gruppenkuscheln. Es passierte, weil eine Person “Amöbe?” fragte. Er wurde mit der selben Frage in das Kuscheln eingeladen. Und als er sich dazu entschied und sich Arme um ihn schlagen, war es ihm gleichzeitig zu viel und genau das, was er brauchte. Er fühlte sich für einen Moment nicht mehr störend.


Das Gefühl kam nicht allzu viel später wieder stark zurück. Sie kehrten grüppchenweise wieder ins Haus, er in der Gruppe, in der Nurek mitging. Er hatte die ganze Zeit vermieden, aufs Klo zu gehen, einfach, weil der Stress so groß gewesen war, dass er sich lieber gar nicht vom Fleck gerührt hatte. Vielleicht hatte auch ein bisschen hineingespielt, dass er sich in dem Sessel weit weg von der Tür, in dem er gesessen hatte, wohlgefühlt hatte. Er hatte Angst gehabt, dass er besetzt werden würde, ginge er kurz weg. Ein Gedanke, der sich auch egoistisch angefühlt hatte, und zugleich wäre es eben ein Stressproblem gewesen, hätte er sich an einen neuen Ort mit mehr Bewegung im Rücken gewöhnen müssen.

Jetzt jedenfalls nutzte er die Gelegenheit, das Bad aufzusuchen. Er blieb dort etwas länger als nötig. Die neuen Stimmen von vorher hallten in seinem Kopf nach und redeten darin durcheinander unverständliches Wirrsal. Einige sprachen gemischt Niederelbisch und Kadulan, und sein Kopf versuchte die Muster abzuspeichern. Es war wie ein Ohrwurm. Heute würde er wohl lange zum Einschlafen brauchen.

Kurz machte er sich Sorgen, ob er wirklich so eine geeignete Person wäre, um Nurek beim Wunschtraum erfüllen des Live-Konzertes zu unterstützen. Aber sie hatten bereits darüber gesprochen. Aus dem Grund war es ja auch nur ein Plan zum Kennenlernen und Herausfinden, ob es funktionierte, und nicht bereits der Beschluss, dass sie es tun würden.

Und als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, saßen oder standen die anderen in kleineren Gruppen aus zwei bis vier Personen. Er hätte sich zu Nureks Gruppe gesellt, aber sie hatte sich alleine mit einer Kuscheldecke an eine Wand gekuschelt und hatte die Augen geschlossen. Der Gedanke, sich dazuzulegen, fühlte sich seltsam an. Er konnte nicht so genau erklären, warum. Und bei der Vorstellung, sich zu irgendeiner anderen Gruppe zu setzen oder zu stellen, fühlte er dieses Gefühl, dass er störte, sehr intensiv. Er versuchte, sich zu überwinden, es trotzdem zu tun. Es war ein Gefühl aus der Vergangenheit. Es hatte nichts mit dieser Situation zu tun. Damit es wegginge, müssten ihm vermutlich alle anderen drei bis fünf Mal in der Stunde aktiv mitteilen, dass er dazugehörte. Oder er musste eben selbst versuchen, gegen das Gefühl vorzugehen. Aber dafür hatte er gerade keine Kraft.

Er setzte sich auf ein unbesetztes Sofa in eine Ecke und wartete ab, lauschte auf die Stimmen, betrachtete das flackernde Kerzenlicht einer großen Kerze auf dem Tisch. Sie musste hier platziert worden sein, als sie draußen gewesen waren. Ihm gegenüber saßen Linoschka, Ivaness und Tissan. Sein Blick fiel auf Linoschkas Kettenanhänger, der das Kerzenlicht reflektierte. Es war das Zeichen der Noldafin. Er hatte den Anhänger schon bei ihrem Kinoabend in der Virtualität bemerkt. Ihn zu sehen, erfüllte ihn mit einer Art Freude, von der er nicht sicher war, ob sie sinnvoll war, oder projiziert: Er vermutete, dass Linoschka den Anhänger aus einer bestimmten Verbundenheit und vielleicht mit einem Pride-Gefühl trug. Pride übersetzte sich einfach nicht so gut ins Kadulan. Stolz traf es einfach nicht. Es ging dabei auch um so etwas wie trotzen, darum, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sollten sie sich besser kennenlernen, würde er sie vielleicht danach fragen, was es für sie bedeutete.

Linoschka hatte in dem Dreiergespräch den größten Redeanteil. Das überraschte Marim. Linoschka war insgesamt eigentlich sehr zurückhaltend gewesen. Aber vielleicht brauchte es nur das richtige Thema. Marim wusste nicht welches, weil andere Geräusche im Raum seine Fähigkeit, Wörter selbst in dieser Distanz zu verstehen, zerstörte. Er konnte aber beobachten, dass das Gespräch mehr eines zwischen Tissan und Linoschka wurde und Ivaness zunehmend weniger interessiert wirkte.

As stand schließlich auf und kam zu ihm herum. “Möchtest du lieber allein sein?”, fragte as.

Marim schüttelte den Kopf und Ivaness setzte sich zu ihm.

“Zu laut?”, fragte as.

“Ein bisschen.”, sagte Marim, korrigierte sich aber dann: “Mindestens. Doch, schon.”

“Hast du NC-Hörtechnik?”, fragte Ivaness.

Marim runzelte die Stirn und nickte. “Aber dann höre ich potenziell gar nichts mehr.”

“Nein, das geht viel präziser.”, informierte as. “Diese Technik hat für Virtualitäten schon lange drauf, die Mikros der anderen im selben Outernet-Spielraum beim Noice Canceln mitzubenutzen. Damit funktioniert, dass die Stimme einer anderen Person, mit der du im selben Spielraum bist, nur dann herausgefiltert wird, wenn sie in der Virtualität spricht, sodass du sie dann über deine jeweilige Hörtechnik hörst, falls ihr in selbiger dicht beieinander seid, und sonst eben gar nicht. Wenn sie aber irgendwodurch kennzeichnet, dass sie gerade direkt mit dir sprechen möchte, wird ihre Stimme für dich nicht herausgefiltert.”

Marim nickte. “Ich dachte, in solchen Fällen wäre vorübergehend gar kein Noice Cancelling aktiv.”

“Warst du noch nie in einer Spielhalle mit zehn Leuten oder so?”, fragte Ivaness.

Marim schüttelte den Kopf. Und nickte kurz darauf. “Ah.”, sagte er. “Dann müssen einzelne Stimmen gefiltert werden.”

Ivaness nickte. “Wir halten das hier in der WG aus, weil wir ein bisschen Software zusammenprogrammiert haben, die das in der WG immitiert. Du kannst die gern mitnutzen. Dann kannst du alle Stimmen einzeln lauter oder leiser regeln.”

“Wie cool!” Marim fühlte eine innere Begeisterung für diese Idee, die sich in einem sanften Lächeln zeigte. Er merkte, dass sein Masking nachließ. Er hätte sich sonst deutlicher und lauter visuell gefreut, damit Leute nicht interpretierten, dass es ihn gar nicht interessierte. Aber er war zu müde, es klappte nicht mehr.

Ivaness erklärte ihm, wie es funktionierte. Außerdem klärte as ihn über Datenschutzproblematiken dabei auf. Wenn er anderen ermöglichen wollte, dass sie ihn herausfiltern könnten, dann musste er auch damit einverstanden sein, dass Aufnahmen von ihm entsprechend übertragen wurden. Es war nicht leicht, sie für etwas anderes zu verwenden, als fürs Filtern, aber das Potenzial, dass es gehackt werden konnte, erhöhte sich dadurch. Allerdings ging es nur um Ton, der ohnehin in Hörweite war, aber eben üblicherweise nicht zwangsläufig verstanden wurde, sondern wahrscheinlich eher Hintergrundrauschen wäre.

Als sie gemeinsam alles eingerichtet hatten, ging es ihm besser. Er hörte Ivaness, das ja immerhin auf dem gleichen Sofa mit ihm saß, nun viel entspannter und besser. Seine halb unterbewusste Auto-Ergänzung musste nicht mehr so viel arbeiten. Es war, als würde ein großes Gewicht von ihm abfallen.

“Ich wollte noch einmal sagen, dass es mir leid tut.”, sagte Ivaness schließlich. “Und sag nicht, es wäre nichts passiert. Es ist etwas passiert. Alle von uns kennen diese Ängste mehr oder weniger stark. Daran hätte ich denken können.”

Es kam für Marim nach diesem eher technischen Gespräch so aus dem nichts, dass er Tränen in seinen Augen spürte. Vielleicht spielte mit hinein, dass auch die aus Zukunftsreserven angezapfte Energie allmählich aufgebraucht war. Vielleicht auch, weil es ihn manchmal besonders traf, Verständnis für seine Ängste zu bekommen.

“Vielleicht mache ich den Emotionskram nun wirklich schlimm, aber ich möchte es dir gern sagen: Ich mag dich.”, fügte Ivaness hinzu.

As hatte recht mit dieser Vorannahme. “Wenn ich weinen darf, bin ich okay, mit dem Emotionskram.”, sagte Marim schnell. Dann versagte ihm die Stimme, weil seine Atemwege zuschwollen und seine Augen ein wenig ausliefen.

“Darfst du.”, sagte Ivaness. “Brauchst du etwas? Eine Umarmung? Ein Taschentuch?” Wie schon Mø am Anfang hielt as dazu erst ein, dann zwei Finger hoch.

Er schüttelte den Kopf und holte sein eigenes Taschentuch hervor.


Später in der Nacht, als die ersten schlafen gegangen waren und Tjaren und Mø eng zusammengekuschelt auf einem Sofa lagen, ergab sich die nächste Situation, in der Marim in keiner Gesprächsgruppe war. Aber es fühlte sich nicht mehr schlimm an. Irgendwas hatte sich gelöst. Er überlegte, ins Bett zu gehen, und blickte noch einmal in die Ecke, in der Nurek lag. Sie hatte die Augen wieder geöffnet und beobachtete ihn. Er stand auf und hockte sich zu ihr, ohne etwas zu sagen.

“Machen wir uns hier ein Nest?”, fragte sie schläfrig.

Marim lachte kurz leise – mehr durch die Nase – und lächelte. Er nickte und holte sich alles an Kissen und Decken, was es in seinem Zimmer gab. Linoschka brachte ihnen noch mehr Kissen, bevor sie sich dann selbst in ihr Zimmer zurückzog.

Eingekuschelt und Nurek umarmend endete der Tag für ihn, aber er brauchte noch lange, bis er eingeschlafen war. Es war das erste Mal, seit dem einen Mal als er frisch angekommen war, dass sie kuschelten. Aber es fühlte sich so ruhig und vertraut an, als wäre es schon alt.