Triangulierung

\Beitext{Marim}

Nurek lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Er strich sehr sanft mit dem Zeigefinger ihre Augenbrauen nach, Muster auf ihre Stirn und Schläfen und über die weichen Lobbudohren. Nurek öffnete dabei die Lippen einen Spaltbreit und entspannte, hielt ganz still. Marim erfüllte dabei ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Und dann schaute kurz der ungebetene Gedanke vorbei, womit er dieses Glück verdient hätte, dieser Person so nahe sein zu dürfen. Bevor er dem Gedanken jeglichen Sinn absprach und ihn damit auflöste, fragte er sich, ob er noch Resultat dieser toxischen Leistungsgesellschaft war, die sich parallel zu Kommunismus-Versuchen unter den meisten Völkern Maerdhas entwickelt hatte. Er korrigierte sich: Es waren nicht nur Kommunismus-Versuche gewesen. Den ehemaligen Kommunistischen Arbeitsstaat der Zwerge so zu bezeichnen, hatte durchaus eine Berechtigung.

Er schweifte ab. Seine Finger hatten die Berührungen unbeobachtet von alleine fortgeführt. Dabei war es viel schöner, ihnen dabei zuzusehen. Es spielte jedenfalls keine Rolle, ob er dieses Glück verdient hätte oder nicht. Er hatte es, und das war absolut in Ordnung, nichts sprach dagegen. Der Hauptgrund seines Zweifels war wohl, dass es sich im Rahmen seiner bisherigen Lebenserfahrung so unrealistisch anfühlte.

Das heutige politische System konnte noch so perfektioniert auf die Bedürfnisse möglichst aller eingehen, es würde immer Personen geben, die ihren Platz und ihre Nischen erst finden mussten. Eine Erleichterung stellte dar, dass niemand gezwungen war, in einem Umfeld zu bleiben, das nicht gut tat. Aber das war eben noch einmal etwas anderes, als eines zu finden, dass gut tat.

Nun wohnte er hier. Schon vor einer ganzen Weile hatte die WG sich mit ihm zusammengesetzt und ihn gefragt, ob er eigentlich Lust hätte, ganz einzuziehen. Und vor etwa einem Monat hatte er den Mut gefasst, die kleine Wohnung in Minzter freizugeben. Er hatte nicht einmal zurückkehren müssen. Er hatte sie sauber hinterlassen und reiste, wenn länger als einen Tag, ohnehin immer mit all seinen Sachen. Er hatte nicht allzu viel, es passte in einen großen Wanderrucksack und eine kleine Reisetasche. Zumindest im Winter, wenn seine Multi-Funktions-Jacke vollständig zusammengezippt an seinem Körper war.

Aktuell konnte er sich nicht vorstellen, je wieder wegzuziehen. Trotz seiner gar nicht mal so alten Gedanken, dass er oft einen Wechsel brauchte. Vielleicht war sein Ortswechseldrang vor allem dem geschuldet, dass er eben keinen örtlichen Halt gefunden hatte, aber nun schon. Eigentlich keinen örtlichen, sondern einen zu den Personen, die hier lebten. Wahrscheinlich würde er irgendwann wegmüssen, aber vielleicht wäre dies ein guter Ort, um wieder zurückzukehren. Manchmal änderten sich Dinge.

Linoschka kam in den Gemeinschaftsraum und ließ sich erschöpft auf einen Sessel plumpsen, auf dem sie sich verknotete. Sie sah aus, als hätte sie die Nacht über nicht geschlafen. Jetzt erst erinnerte sich Marim daran, dass sie die Morgenroutine hatte ausfallen lassen. “Kann ich dich irgendwomit verwöhnen?”, fragte er.

“Du bist gerade besetzt.”, hielt Linoschka fest. “Nurek sieht so gemütlich aus. Das beruhigt.”

“Willst du erzählen, was los ist?”, fragte Nurek. Sie öffnete nicht einmal die Augen dafür.

“Ja.”, antwortete Linoschka, stand aber dann doch noch einmal auf, als ihr Magen knurrte. Sie kam wieder mit einer Schale Reisbrei und einer Birne. Sie sprach auch nicht während sie langsam aß. Sie sah hin und wieder genau hin, wie Marims Finger Nureks Konturen nachfuhren und ein Lächeln bewegte sich um ihren Mund. Zwischen Brei und Birne strich sie sich selbst mit den Fingern einmal sanft durchs Gesicht.

“Ich würde dich auch streicheln, wenn du das wollen würdest.”, bot Marim an.

Linoschka schüttelte bloß den Kopf. “Leute, die sich selber sachte streicheln, sollten ein gewohnterer Anblick werden.”, murmelte sie.

Nureks Kopf nickte, und das war die erste Bewegung abgesehen von den Lippenbewegungen seit vielleicht einer halben Stunde, die dieser Körper tat. Auch Marim stimmte zu.

Linoschka lächelte ihre Birne an, während sie sie aß, samt Strunk aber ohne Stiel. Anschließend brachte sie den Stiel in den Kompost, wusch sich die Hände und verschränkte sich wieder auf dem Sessel. Sie trug immer noch bloß ein Nachthemd mit Gespenstern darauf. Sie strich sich, weiterhin in sich gekehrt lächelnd, über Kopf, Arme und Beine und blickte schließlich auf. “Bjork trainiert mich diese Woche nicht in Orkando, weil er am Spiel teilnimmt und gerade die zweite Phase läuft.”

“Ich dachte, er wäre rausgeflogen, hattest du gesagt.”, erinnerte sich Nurek.

“Eine der Personen, mit der er zuletzt in einem Team gewesen ist, – Spielgruppen heißen die Teams im Spielkontext meistens –, hat eine neue Teilnahmeurkunde gefunden, eine Gruppe gegründet und ihn wieder gefragt.”, berichtete Linoschka. “Alles ein bisschen kompliziert mit den Regeln. Jedenfalls ist Bjork wieder dabei. Um Mitternacht begann die erste Woche der Phase. Die Spielgruppen fetzen sich gegenseitig auf mehr oder weniger unfreundliche Art in Virtualitäten. Ich habe die halbe Nacht Übertragungen davon gesehen und” Linoschka hörte mitten im Satz auf und führte ihn erst ein paar Momente später zu Ende, als wäre nichts gewesen. “ich habe sehr gemischte Gefühle.”

“Interessierst du dich so, weil dir Bjork ans Herz gewachsen ist?”, fragte Marim.

Linoschka hob die Brauen und schüttelte langsam und unsicher den Kopf. “Also, ja, ich mag Bjork. Ich kann mir gut vorstellen, mit ihm irgendwann mehr zu haben, als nur ein Trainingsverhältnis. Und ich glaube, er mag sich auch mehr mit mir anfreunden.”, sagte Linoschka. “Aber mein Interesse an Freundschaft bewirkt nicht, dass ich Spiel-Übertragung gegen Schlaf und Morgenroutine eintauschen würde.” Sie seufzte oder gähnte, oder irgendwas dazwischen. “Bjork meinte, ich solle mir im Laufe der Woche Gedanken machen, ob ich vielleicht für die nächste Phase Teil der Spielgruppe werden möchte. Die nächste Phase ist zwar noch viel länger hin, aber er meint, es ist sinnvoll, wenn ich es in einer Woche weiß.”, erklärte sie. “Sie hätten die vergangenen Male immer Leute für die dritte Phase aufgenommen, die eine gute Kondition haben, Orkando einigermaßen können und noch ein paar Kriterien. Bjork meinte, ich würde ins Team passen, soweit er das beurteilen könnte, und er würde mich vorschlagen, wenn ich wollte.”

“Hui.”, sagte Nurek. Es klang einigermaßen sachlich, weil sie dabei weiterhin den Körper einschließlich dem Mund so wenig wie möglich bewegte. “Ich habe eine nervige Zwischenfrage, die nichts mit dem Thema zu tun hat, aber die mein Gehirn dominiert, bis sie ausgesprochen ist.”

“Frag!”, forderte Linoschka auf. “Ich möchte zwar dringend darüber reden, aber es drängt nur inhaltlich, nicht zeitlich.”

“Marim?”, fragte Nurek.

Marim musste fast ein bisschen kichern und seine Finger zitterten kurz auf ihren Wangenknochen. “Ja?”

“Würdest du mir die Haare färben?”, fragte Nurek.

“Ja, klar!”, antwortete Marim. “Richtig was Dauerhaftes? Oder eher die Farbe, die mit Creme wieder entfernbar wäre? Welche Farbe?”

“Ich möchte gern was Dauerhaftes, weil ich jede Nuance der Veränderung der Haarstruktur merke, und die gibt es bei den anderen Methoden immer mindestens leicht.”, sagte Nurek. “Ich möchte nicht blau, zumindest nicht nur. Ich dachte an lila mit ein paar blauen oder roten Strähnen.”

“Dann lese ich mir nachher durch, wie das geht.”, versprach Marim.

“Das war’s.”, sagte Nurek. “Zurück zum Spiel. Hatte ich das richtig verstanden, dass dieses Virtualitätengedöns, was im Spiel jeweils die zweite Phase bildet, insgesamt zwei Wochen geht, aber unterbrochen von mindestens einem Monat dazwischen?”

“Ja.”, antwortete Linoschka. “Beziehungsweise, jein. Es gibt ein Spielziel. Es wird gespielt, bis entweder die Hälfte der Gruppen das Spielziel erreicht hat und somit in die dritte Phase kommt, oder bis die zwei Wochen mit dem Monat Unterbrechung zwischen diesen um ist. Dann wird geschaut, wer am weitesten ist.”

“Also möchte Bjork von dir nach einer Woche eine Antwort, während die Phase aber wahrscheinlich noch im vollen Gange ist?”, fragte Nurek.

“Wieder jein.”, sagte Linoschka. “Bjork meinte, beim letzten Mal waren sie in der zweiten Phase innerhalb der ersten Woche schon durch, und sie wären arrogant genug, zu glauben, dass sie in dieser Runde wieder nur eine Woche bis zum Erreichen des Spielziels bräuchten.”

“Also wirst du für eine extrem gute Spielgruppe gefragt?”, fragte Nurek. Ihr Tonfall klang skeptisch, fand Marim.

“Ja.”, antwortete Linoschka. Sie klang auch nicht glücklich, glaubte Marim herauszuhören.

“Verstehe.”, murmelte Nurek. “Also, glaube ich. Ich bin nicht sicher.”

“Ich nicht.”, sagte Marim.

“Schwer zu erklären. So in kurzgefasst.”, sagte Linoschka. “Das Spiel ist alt. Sehr kreativ, sollte an sich auch lustig sein oder gemeinsames Schaffen und Entwickeln fördern, aber einige spielen ziemlich verbissen. Oder ungerecht. Teils korrupt, oder wie es genannt wird, wenn eine Spielgruppe mit einer anderen Tipps austauscht, am besten noch um dritte Gruppen platt zu machen. Ausspionieren und so gehört auch dazu.”

“Also respektloses bis hin zu gewaltvollem Sozialverhalten.”, fasste Marim zusammen.

“Und wenn eine Spielgruppe besonders gut ist, liegt nahe, dass sie zu der respektloseren, gewaltvolleren Sorte gehört, und nicht einfach so sehr gut ist.”, fügte Nurek hinzu.

“Das ist zumindest meine Sorge, und das ist auch Æreniks Ruf. Ærenik leitet die Gruppe.”, sagte Linoscka. “Ich werde mir beim Zuschauen mit mir selber noch nicht einig, wie ich das werten soll. Das war wohl der Grund, warum ich mich so ausgiebig mit der Spielphase beschäftigt habe. Ein Ruf kommt ja manchmal auch, weil Leute ein Verhalten nicht verstehen, oder weil allgemein alles kritisiert wird – was gut ist, vor allem, wenn es um Abwertung oder Schutz von Leuten geht, aber es schwer macht, sich zu überlegen, ob ich es noch vertretbar finde, mit so einer Person zusammenzuarbeiten. Das Problem beim Beurteilen sind vor allem die anderen Spielgruppen. Ich brauche Tee.”

Linoschka stand wieder auf, gähnte ausgiebig und verließ den Raum. Als sie wiederkam, öffnete sie die Terrassentür, die vorher nur auf Kipp gestanden hatte. Eine angenehme Sommermorgenbrise wehte hinein. Marim genoss, dass es hier in Röversjard nicht so warm war.

“Da hätten wir eine Spielgruppe mit einem Altersschnitt von so 12 oder 13. Ich frage mich manchmal, wenn so junge Kinder oder Jugendliche an Urkunden für die Teilnahme kommen können, ob es nicht sinnvoll wäre, Jugendrunden und Erwachsenenrunden zu trennen. Oder Regeln zum Schutz von Jugendlichen aufzustellen.”, sagte Linoschka. “Ich verstehe ja den Reiz, keine Vorgaben zu machen. Aber was für beschissene Mittel angewandt werden, um diese Jugendlichen möglichst zu verunsichern oder über ihre Grenzen zu treiben, finde ich nicht okay. Das kann ganz schön langwierige psychisch-gesundheitliche Schäden nach sich ziehen.”

Nurek nickte wieder. Marim spürte den Kopf dadurch intensiver in seinem Schoß. Er hatte überraschende Kanten, fand er immer wieder.

Marim hatte gar nicht bemerkt, wann er dazu übergegangen war, sachte mit den Fingern durch ihre Haare zu streichen statt über das Gesicht. Den Anblick dieser genießenden Person hätte er weiterhin freiwillig gegen nicht viel eingetauscht.

“Beim Zuschauen habe ich ein wenig das Gefühl, dass Bjorks Spielgruppe nicht so richtig weiß, wie sie mit den anderen Gruppen umgehen soll, die viel unerfahrener sind. Aber gleichzeitig auch überraschend gut.”, fuhr Linoschka fort. “Und ich glaube, auch wenn ich insgesamt weniger fies bin, wüsste ich das auch nicht. Angenommen, diese Kinder-Spielgruppe kommt in die nächste Runde. Was mache ich, wenn ich Nea begegne? Nea ist ein Lobbud, wahrscheinlich irgendwas zwischen 11 und 14, und leitet eine Gruppe, macht sie auch echt gut, aber körperlich könnte sie mir nichts entgegen setzen. In der dritten Phase ist aber zum Beispiel Körperkampf wesentlicher Bestandteil. Was mache ich, wenn ich dieser kleinen, wenn ich nicht alles falsch einschätze, verhältnismäßig wehrlosen Person, in die Arme laufe, und eigentlich kämpfen dran wäre.”

“Hm.”, machte Marim. “Wäre dann eine Möglichkeit, zu sagen: Hey, es ist eigentlich jetzt kämpfen dran. Wollen wir ausdiskutieren, wie die Situation enden würde, und am für dich realistisch best möglichen Ausgang friedlich weitermachen?”

“Hm.”, machte Linoschka und dachte eine Weile nach, bevor sie fortfuhr: “Sie könnte weglaufen.”

“Ich mag ja an sich Leute weglaufen zu lassen.”, sagte Marim. “Aber könntest du Festhalten, ohne dass es weh tut oder so etwas?” Ihm kam sein eigener Vorschlag nicht so gut vor.

Linoschka kam er anscheinend auch nicht so gut vor. “Ich finde diese Körperunterschied-Sache so so ungerecht!”, fuhr sie auf. Für ihre Verhältnisse. Sie war nie besonders laut. Wenn Marim sie nicht inzwischen ein bisschen gekannt hätte, hätte er es sachlich empfunden.

“Das verstehe ich.”, sagte er. “Meine Antwort fühlte sich schon beim Aussprechen falsch an.”

“Hast du Gründe, warum du teilnehmen möchten würdest?”, fragte Nurek.

Linoschka grinste und Marim kicherte wegen des doppelten Konjunktivs.

“Ja.”, sagte Linoschka. “Schon.”

“Hm.”, machte Nurek. “Du könntest mit uns Campen und mich zur Übung angreifen. Ich bin völlig hilflos.”

“Das fühlt sich allein im Kopf schon furchtbar an.”, sagte Linoschka.

“Genau.”, bestätigte Nurek. “Ich habe mehr Stresstest dadurch, dass du Dinge probierst. Taugt das für dich als Gelegenheit, Wege für dich auszutesten?”

Linoschka nickte ein bisschen, dafür aber lang und runzelte die Stirn. Und vielleicht weil Nurek das alles nicht sah, weil die Lider geschlossen waren, ergänzte Linoschka die Gestik durch ein halb zustimmendes Summen. “Ihr wollt dabei nicht unter euch sein?”, wandte sie sich, mit Gestik andeutend, auch deutlich an Marim.

“Das muss Nurek entscheiden. Das ist ihre Übung. Ich mache alles mit.”, sagte Marim.

“Ich glaube, mehr Stress macht den Stresstest besser.”, sagte sie.

“Warum möchtest du teilnehmen?”, fragte Marim.

Linoschka pustete vorsichtig über den Tee. Der Wasserdampf bewegte sich dabei wunderschön. Dann trank sie einen kleinen Schluck. “Ich mag Survival-Gedöns.”, sagte sie. “Ich weiß nicht genau, warum. Ich mag solche Challenges wie, ohne Internet auskommen. Und dann kommen meist individuelle Herausforderungen hinzu. Ich mag ungefähr alles daran außer den Wettkampf-Teil. Aber nur für mich alleine würde ich sowas eben trotzdem nie tun. Ich brauche sozusagen einen Anlass und Leute, die ich im Vorfeld ein bisschen kenne.”

“Sollen wir unseren Campingausflug dann auch ohne Internet machen?”, fragte Nurek.

“Notfallinternet sollten wir haben.”, sagte Marim.

“Notfallinternet gibt es auch beim Spiel.”, bestätigte Linoschka. “Nur, damit ich nichts durcheinander bringe: Euer Camp-Vorhaben ist als Vorbereitung für das Live-Konzert, richtig?”

Nurek nickte wieder und Marim bestätigte. Außerdem stand noch auf der Liste, dass sie sich mit Notfall-Ansprechpersonen absprechen wollten. Zu fast allen Live-Veranstaltungen gab es ein Team von Leuten, die sich um Personen kümmerten, die in Schwierigkeiten gerieten, oder auch von vornherein welche mitbrachten. Aber dazu müssten sie sich noch entscheiden, zu welchem Schabernakel-Konzert sie gehen würden. Es sollte am besten ein kleines Festival sein, damit sie danach nicht direkt zu irgendeinem Schlafplatz reisen müssten, sondern ihn in einem Zelt vor Ort hätten. Deshalb das Probe-Campen.


“Das Funkenfest.”, sagte Anuka.

“Viel zu groß.”, protestierte Marim. “Geht es eine Nummer kleiner, als eines der größten Musikfestivals Maerdhas überhaupt zu wählen?”

“Ich habe mir eben das Konzertprogramm angeschaut.”, sagte Anuka. “Schabernakel hat zwei Konzerte von nur je einer halben Stunde und ohne Festival dran und ein Dreihalbstündiges auf dem Funkenfest. Die zwei anderen finden in Flangochlen, einer Kleinstadt weit im Süden, und Nyanberg, auch sehr im Süden, statt.”

“Nyanberg ist auch einfach keine so schöne Stadt.”, murmelte Marim.

“Findest du?”, fragte Anuka.

Sie hatten sich zu einem Kurzfilmvormittag getroffen. Das taten sie ungefähr einmal in der Woche zu zweit in einer Virtualität. Manchmal auch zu einem längeren Film, und manchmal auch zu mehrt. Heute trafen sie sich nur zu zweit, weil sie sich einen queeren Erotikfilm ausgesucht hatten, an dem Nurek vorhersehbarer Weise kein Interesse gehabt hatte. Und vorher redeten sie immer ein wenig.

“Das Funkenfest ist aber vielleicht trotzdem nicht die schlechteste Wahl.”, sagte Anuka. “Ja, es ist riesig, aber anders als andere Festivals haben die Veranstaltenden sehr viel Übung bezüglich Planung und Vorbereitung. Es platzt üblicherweise nicht aus allen Nähten. Sie nutzen Schalltechnik, die ermöglicht, dass es auf dem Gelände erträglich leise ist, während die Konzerte laufen. Die Bühnen und Vorbühnenplätze sind riesig. Und das Team, das sich um verschiedene persönliche Bedürfnisse oder Probleme kümmert, steht zu großen Teilen jetzt schon, ist gut organisiert und groß. Unperfekt ist vor allem noch Barrierearmut für Personen, die ein EM-Feld brauchen, aber auch weit weg vom Kern wohnen müssen, wegen Lärm oder Reizüberflutung. Sie können technisch bisher nur nahe der Bühnen ein brauchbares EM-Feld aufrechterhalten. Aber das Problem betrifft euch ja nicht, oder?”

Marim schüttelte den Kopf und dachte nach. Die Vorstellung, dass eines der größten Festivals überhaupt weniger überfordernd sein sollte als ein kleines, stieß in seinem Denken zunächst auf Widerstand. “Das Team steht schon?”, versicherte er sich.

“Es heißt Securiteam und es steht nicht ganz. Es wächst meistens spontan nochmal auf die doppelte Größe an mit Nachwuchs oder mit Leuten, die sich erst melden, wenn sie ihren Konzertplan kurz vor knapp erstellt haben.”, erläuterte Anuka. Er war schon zwei Mal dort gewesen, fiel Marim ein. “Aber es steht schon ein Teil des Teams fest. Personen, die sich auskennen, die jedes Mal dabei sind, die ausbilden. Und sie bieten im Vorfeld an, Termine mit ihnen zum Kennenlernen auszumachen.”

“Ich werde Nurek fragen, was sie dazu meint.”, beschloss Marim. Er hatte es ohnehin nicht alleine zu entscheiden.

Anuka lehnte sich an ihn und Marim legte ihm einen Arm um die Schulter. “Ist das okay?”, fragte Anuka.

Marim nickte.

“Läuft deine Studie langsamer als sonst?”, fragte Anuka.

Marim schnaubte und gluckste ein bisschen. “Durchaus.”

“Zu verliebt?”, fragte Anuka mit einem breiten Grinsen in der Stimme.

“Vielleicht auch.”, sagte Marim. Das Gefühl, das durch seinen Körper strömte, war nicht so stark, wie am Anfang, aber vielleicht mochte er es deshalb sogar lieber, weil er es vollständig mit seinen Sinnen erfassen konnte. “Ich glaube aber, ich werde nach dem Funkenfest mit der Studie wieder schneller vorankommen. Gerade habe ich so eine Art Hyperfokus auf das Projekt Schabernakel-Konzert.”

“Du hast Funkenfest gesagt.” Anuka grinste sehr breit und blickte Marim mit lebendigen Augen an, die fast unter den hochgezogenen Wangen verschwanden.

“Oh.”, machte Marim sachlich. Scheinbar fand ein eher unterbewusster Teil von ihm den Vorschlag gut.


Nach dem Film, der nur eine drittel Stunde gedauert hatte, duschte er, aber nur kurz, weil Tjaren für die ganze Bagage – wie Tjaren sich oft ausdrückte – Essen gedruckt hatte. Es standen eine Vielzahl Karbonschüsseln auf dem Tisch. Schüsseln, die nicht so sehr klapperten, die eine Abperlstruktur hatten und leicht gesäubert werden konnten, und dies auch noch mit EM-Feld von alleine taten, weil in ihnen ein entsprechendes feines Drahtgeflecht verbaut war. Sie rieben sich selbst gegen dafür gedachte Tücher. Das hatte sich als umweltschonender herausgestellt, als irgendwelche Kästen, bei denen ausschließlich oder vorwiegend mit Sprühtechnik gearbeitet wurde. Anstrengend wäre für Marim gewesen, dass die WG für das Geschirrspülen ständig Routinen änderte, weil Nurek all die neue Technik ausprobierte. Gerade vor einer Woche war eine neue Tuchanlage geliefert worden. Aber er hatte es anfangs einmal vorsichtig geäußert und sie waren zu so einer Art viel zu gutem Kompromiss gekommen: Nurek kümmerte sich um sein Geschirr. Auf der anderen Seite, auch wenn es ihm dauernd so vorkam, dass dem nicht so wäre, kümmerte er sich durchaus um eine Menge. Marim verwöhnte gern. Das lief für ihn irgendwie so nebenbei, dass er es manchmal gar nicht mitbekam, und vor allem selten abspeicherte.

Jetzt jedenfalls setzte er sich in einem frischen Sommerkleid und geringelten Netzstrumpfhosen – weil es für Strümpfe definitiv zu warm war – mit an den Tisch. Linoschka fehlte. Auf Rufen kam mehrfach ein “gleich” zurück und schließlich ein “Fangt gefälligst ohne mich an.”. Es war selten, dass sie aufeinander warteten, aber heute hätte es sich andernfalls so ergeben. Schließlich kam Linoschka und wirkte noch unausgeschlafener und erschöpfter als vorhin. Sie aß auch nicht gleich. Sie trug immer noch nur das Nachthemd. Sie atmete erst ein paar Mal tief durch, bevor sie überhaupt zu realisieren schien, dass Essen auf dem Tisch stand.

“Was zockst du?”, fragte Ivaness.

“Gar nichts.”, sagte Linoschka. “Ich schaue mir Spiel-Doku und andere Übertragungen davon an. Uffz, ist das spannend.”

“Macht es dir was aus, dass ich das Spiel eine furchtbare Sache finde?”, fragte Ivaness.

“Wenn du damit leben kannst, dass ich vielleicht teilnehme?”, fragte Linoschka zurück.

Ivaness reagierte nicht.

“Ist das ein vielleicht, das einfach nur die Möglichkeit offen hält, wie vorhin, oder neigst du langsam dazu?”, fragte Nurek.

“Ich merke schon, dass ich gern den Rückhalt von euch hätte.”, murmelte Linoschka und blickte auf ihren immer noch leeren Teller. “Wenn ihr meint, dass das ethisch nicht vertretbar ist, dann sollte ich das vielleicht lassen.”

“Unfug.”, meinte Ivaness. “Das Spiel selbst basiert auf einer guten Idee, die einfach noch nie gut umgesetzt worden ist. Es gibt immer Mal wieder die ein oder andere Spielgruppe, die hinter der Idee steht. Gemeinsam etwas Neues erschaffen, Subkulturen verbinden, Technik einem großen Publikum nahezubringen. Da stehst du eben voll hinter.” Ivaness’ Stimme wurde sanfter, sehr konträr zu dem, was as nun sagte: “Die meisten Teilnehmenden verhalten sich nur, als wäre das Spiel eine Welt, in der sie endlich mal sämtliche Moral- und Ethikvorstellungen respektvollen Miteinanders in Abfälligkeit und Niedermachen eintauschen könnten, ohne dafür kritisiert zu werden, weil sich doch alle im Spielkontext freiwillig darauf einließen.”

“Ja, sowas sagte auch ein Artikel von Rosa Pride-Away.”, murmelte Linoschka.

“Oh, sie hat einen Artikel zum Spiel geschrieben?”, fragte Ivaness. “Den muss ich lesen!”

“Einen an sich ziemlich differenzierten, aber – wie für sie üblich – auch sehr derb formulierten.”, bestätigte Linoschka. “Jedenfalls meint sie ungefähr das, was du gerade gesagt hast, und dass, wenn Leute sich gern unbedingt in irgendeinem Kontext so benehmen wollten, dass es vielleicht sinnvoll wäre, wenn sie sich stattdessen in einem Rollenspiel zusammentun und sich gegenseitig konsensuell kaputt machen würden, aber ein Kulturevent sollte eben auch offen sein für Kultur.”

“Ich lese das nachher.”, versprach Ivaness. “Jedenfalls, wenn du daran teilnehmen möchtest, bin ich mir bei dir sicher, dass der Wettkampf von dir profitiert und dass du deine Ethik- und Moralvorstellungen nicht fallen lässt. Das wird kompliziert in der Interaktion, aber du hast mich hinter dir und meine volle Unterstützung.”

“Heute hat meine Orkando-Trainerperson gegen ein Kind gekämpft.”, sagte Linoschka. “Und verloren. Und zwar nicht, weil er sich zurückgehalten hätte. Höchstens am Anfang noch ein bisschen, aber er hat schnell gemerkt, dass dieses Kind einen sehr guten und fairen Kampfstil hat. Ich habe mir das angesehen. Es ist so beeindruckend. Erst ist diese Kinderspielgruppe – das klingt missverständlich – auf einen sehr einfachen alten Trick reingefallen, als wären sie sehr unbedarft, und dann haben sie sich richtig spannend mit Bjorks Spielgruppe bekämpft, dass es sehr ausgeglichen wirkte. Es verwirrt mich so.”

“Vielleicht solltest du erstmal schlafen.”, riet Ivaness.

“Bjork ist nun eine Runde schlafen gegangen. Aber kurz davor hat er noch meine Nachrichten gelesen, dass ich vorhabe, mit Herzwesen einen Campingausflug zum Testen zu machen, um mich ins draußen schlafen reinzufühlen, und darein, kleinere Leute anzugreifen. Er hat gefragt, ob ich das in die Woche nach der Phase verschieben könnte und würde, sodass er dabei sein könnte, um mich besser kennen zu lernen. Vorausgesetzt, sie schaffen das Spielziel tatsächlich in der ersten Woche.”, fasste Linoschka zusammen. “Das wollte ich eigentlich erzählen.” Sie blickte Nurek und Marim an. “Bevor ich einen Nachessensschlaf mache.”

“Ich hoffe, du hast dir keine automatische Benachrichtigung eingerichtet, die dich weckt, sobald Bjork wieder spielt.”, murmelte Ivaness.

Linoschka blickte as länger an, holte dann ihren Taschenrechner hervor und bediente ihn kurz. “Nun nicht mehr.”

“Bjork klingt nach einer netten Person. Außerdem, wie jede neue Person, wie ein Stressfaktor beim Camping-Test.”, hielt Nurek fest. “Ich fände das in Ordnung.”

“So kitschig das klingt, ich mache alles mit, was du möchtest.”, sagte Marim. Und dann verzog er doch das Gesicht und kratzte sich am Kopf. “Das ist viel zu unpräzise. Oder auch nicht. Wenn du möchtest, dass ich was für mich hart Ungesundes tue, dann mache ich das nicht, aber sowas würdest du auch nicht möchten.”

“Nun ja, was wir planen, ist schon recht ungesund.”, kommentierte Nurek. Sie machte eine bewusste Essenspause und verknotete die Beine auf dem Stuhl neu. “Traust du uns das Funkenfest zu?”

“Darüber wollte ich mit dir auch reden.”, murmelte Marim. “Anuka meinte, wenn wir dieses Jahr wollen, haben wir nicht viel Auswahl.”

“Korrekt.”, sagte Nurek. “Und ich würde gern dieses Jahr. Ich habe überlegt, noch ein Jahr zu warten. Aber dann bin ich die ganze Zeit untergründig aufgeregt und hibbelig und habe am Ende weniger Energie. Es kommt dann vermutlich aufs Gleiche raus, ob ich ein kleines Festival mit wenig Energie versuche, oder eines der größten mit etwas mehr.”

Marim nickte. “Anuka hatte noch ein paar Argumente. Es soll sehr gut organisiert sein.”

“Das Funkenfest? Auf jeden Fall.”, sagte Mø. “Auch sehr transparent. Da wären wir wieder bei Rosa Pride-Away. Sie ist schwerbehindert, war mehrfach dort und hat darüber mehrere Artikel geschrieben. Es läuft nicht immer alles perfekt, aber sie legen alles offen, beschreiben die Möglichkeiten im Vorfeld detailliert und unterstützen überdurchschnittlich gut. Ihr Herzwesen ist vor einer Weile dem Securiteam beigetreten, dem Team, das sich generell um Schwierigkeiten und Accessibility kümmert.”

“Ob es möglich ist, einen recht genauen Plan des Platzes zu bekommen, um Akustik und Geräuschkulisse zu simulieren?”, fragte Nurek.

“Bestimmt.”, antwortete Mø.


Zwei Tage später hatte Linoschka Ringe unter den Augen und Ivaness motivierte sie dazu, gemeinsam mit Nurek und Marim baden zu gehen. Das Wetter war warm. Marim merkte den Unterschied zu Minzter allerdings deutlich. Sie waren viel weiter im Norden und auch noch am raueren Meer, wo der Wind mehr wehte. Tjaren und Mø blieben daheim und genossen, das Haus für sich zu haben, aber Marim und Nurek kamen mit.

Ivaness und Nurek verschwanden zügig im Wasser, während Marim noch einen Moment auf seinem frisch ausgebreiteten Handtuch auf dem Felsen saß und das Gestein bewusst unter den Fingern spürte. Linoschka nahm die Welt um sich wohl kaum auf. Sie kniete sich einfach neben ihn auf den Fels und las auf ihrem Taschenrechner.

“Deine Augen tränen.”, teilte Marim ihr mit.

Linoschka nickte abwesend.

Marim seufzte. “Soll ich dir etwas vorlesen?” Er fand die Idee nur mäßig sinnvoll. Eigentlich gab er Ivaness recht, dass Linoschka wirkte, als könnte sie mal eine Pause vertragen. Mehr Schlaf, vielleicht sogar mehr Bewegung für den gewohnten Energiedurchsatz, den dieser Körper sonst so hatte. Aber er wollte nicht über sie bestimmen. Und wenn er in dem Zuge wenigstens dazu beitragen könnte, dass ihre Augen mal ausruhen könnten, dann war das vielleicht besser als nichts.

Endlich blickte Linoschka auf. Zu seiner Überraschung reichte sie ihm den Taschenrechner, nachdem sie mit einer klassischen Geste für so etwas alle anderen Anwendungen für ihn sperrte, den Bildschirm daran hinderte, auszugehen, und die Gestik für diese Anwendung auf Standardeinstellungen einstellte. Er nahm den Taschenrechner, ohne genau hinzusehen. Stattdessen blickte er in ihre Augen und lauschte auf den Atem durch die zugeschwollenen Atemwege. Die Tränen kamen nicht nur von Überlastung der Augen, schloss er. Linoschka weinte ein wenig.

Der Mensch legte sich einfach nach hinten auf den Fels ab. Marim legte vorsichtig den Taschenrechner beiseite, in der Hoffnung, dass er vorsichtig genug war, dass er nicht gleich durch ein Ungeschick im Wasser landen würde – aber im Zweifel hatte Nurek Schnorchelausrüstung dabei –, breitete die weiche Decke aus und lud Linoschka ein, darauf umzuziehen. Linoschka stand nicht auf dazu, sondern rollte sich einmal um die Hochachse und blieb auf der Decke erschöpft und mit geschlossenen Augen liegen.

Marim sammelte den Taschenrechner wieder ein und blickte auf den Text vor sich. “Hat Raffinesse Schönheit, wenn sie weh tut?”, las Marim die Überschrift vor.

“Lies nicht laut.”, bat Linoschka. “Ich würde auch eher traumatisiert als weh tut schreiben, und die Frage klar mit nein beantworten. Der Artikel ist okay-ish geschrieben, teils bisschen eklig, schon, finde ich. Aber es ist der, der am besten auf die eigentlichen Fakten runterbrennt, ohne zu 50% aus Moralanalysen zu bestehen.”

Marim nickte und las den Artikel still für sich. Es war einer naiven teilnehmenden Person eine Falle gestellt worden, aus der sie sich hatte über einen dramatisch langen Zeitraum hinweg nicht befreien können. Die Vorgehensweise und Vorbereitung der Falle war kompliziert gewesen – raffiniert, wie der Artikel betonte. Die Person war danach erst einmal nicht mehr spielfähig gewesen, also durch dieses widerwärtige Verhalten aus dem Verkehr gezogen worden. Marim wurde physisch beim Lesen leicht flau im Bauch, als er weiterlas, wie strategisch die Spielgruppe, die die Falle gestellt hatte, außerdem abwertende Sprüche gegenüber marginalisierten Personen fallen ließen, um diese wütend und mürbe zu machen, um deren Spielfähigkeit negativ zu beeinflussen. Die Person, die den Artikel verfasst hatte, analysierte das Verhalten relativ sachlich. “Die Spielgruppe, um die es hier geht, ist aber nicht die mit Bjork?”, fragte Marim.

Linoschka schüttelte den Kopf. “Bjork schreibt mir manchmal über diese schreckliche Spielgruppe. Sie hatte im Vorfeld Kontakt mit seiner Gruppe aufgenommen. Gothilla ist die Spielgruppe, in der Bjork ist.”

“Konnte Gothilla gegen die Falle, um die der Artikel geht, irgendetwas ausrichten?”, fragte Marim.

“Hätten sie vielleicht gekonnt, aber sie haben sich gerade hart mit besagter gebattlet, als es passiert ist, und haben es zu spät mitbekommen.”, antwortete Linoschka. “Bjork macht sich deswegen Vorwürfe. Auch weil die Vereinbarung im Vorfeld am Ende mit zur Falle beigetragen hat, aber das wussten sie nicht. Sie dachten, es ginge nur um einen guten Ruf, der ohnehin im Spiel bei korrupten Spielgruppen nie alt wird.”

“Weinst du wegen der Falle?”, fragte Marim.

“Ist dir beim Artikel nicht anders geworden?”, fragte Linoschka.

“Doch.”, sagte Marim. “Flau. Ziemlich. Die Gruppe ist widerlich.”

Linoschka nickte. “Hab diese Emotion nach ungefähr drei Tagen mit zu wenig Schlaf und zu viel Informationsinput. Und Überlastung und so.”

“Ich verstehe. Es braucht aktuell weniger, um dich über den Punkt von wirklich zu viel zu bringen.”, fasste Marim zusammen.

Linoschka nickte wieder. “Es sieht nach derzeitigen Hochrechnungen so aus, als käme diese widerliche Spielgruppe in die nächste Phase. Kaum verwunderlich, sie sind sehr gut.”, berichtete Linoschka. “Gothilla fragt sich, welche Fallen sie stellen können, um sie aufzuhalten. Keine so fiesen wie im Artikel natürlich.”

“Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich noch im Stande wäre, diese Rücksicht zu nehmen.”, überlegte Marim.

“Stopp, Marim.”, sagte Linoschka. “Du bist nicht der Typ dafür, dir zu überlegen: Hey, dieser Person sage ich im Moment, kurz bevor sie eine wichtige Aufgabe erledigen möchte, dass sie keinen Rückhalt in der eigenen Spielgruppe hätte, und irgendwelche beleidigenden Abwertungen, die bewusst und präzise ins Selbstwertgefühl einschlagen. In keiner Situation. Punkt.”

Marim nickte. Und atmete tief durch. “Es tut mir leid, du hast recht.”

“Was tut dir denn leid?”, fragte Linoschka.

“Dass ich mich so ausgedrückt habe, dass ich die Situation besser verstanden hätte als du oder die Spielgruppe, in die du vielleicht eintreten möchtest.”, konkretisierte er.

Linoschka seufzte. Vielleicht klang es eine Spur genervt. Das war ein krasses Zeichen, dass ihr alles zu viel war. Sie klang eigentlich nie genervt. “Ich bin nicht in der Verfassung zu analysieren, ob du dich gerade eine Spur zurecht kritisierst oder einfach kompletten Unsinn redest.”, sagte sie.

Marim grinste und kicherte ein bisschen.

Linoschka steckte es immerhin an. “Jedenfalls spielen sie möglichst effizient und sind natürlich auch mit eigenem Vorankommen schon ausgelastet. Fallen stellen ist dann nur am Rande eine Option. Bjork hat so nebenbei gemeint, wenn mir irgendwas einfiele, solle ich Bescheid geben. Und nun grübele ich nach. Mir fällt es schwer, damit aufzuhören.”

Marim nickte. “Aber Schlaf ist wichtig.”, sagte er. “Gothilla ist bestimmt nicht morgen schon durch. Ruh dich bis dahin aus. Ich helfe dir.”

“Du hilfst mir?”, fragte Linoschka skeptisch.

“Ich lasse Programme über die Spielaufnahmen laufen und analysiere, was vielleicht für Möglichkeiten bestehen.”, versprach er. “Es ist lange her, aber zu meiner Schulzeit habe ich mich mal intensiv mit dem Spiel und den Regeln auseinandergesetzt.”


“Triangulierung!”, rief Nurek, als sie triefend nass wieder bei Marim und Linoschka ankam. Sie setzte sich auf den Fels, um dort einen großen Wasserfleck zu hinterlassen, der langsam in der Sonne trocknen würde.

Marim war sich nicht sicher, ob es ein Stimm-Wort war, das Nurek einfach durch den Kopf geschossen war, oder ob es einen Zusammenhang zu irgendetwas hatte. Beides passierte oft: Wörter, die sie einfach mochte, oder die sich ihr aufdrängten, die sie dann rief, manchmal auch mehrfach, und Worte, die durch Assoziationsketten passierten, die die meisten Personen im Umfeld nicht so rasch nachvollziehen konnten. Marim fragte erst einmal nicht nach. “Ruhig, Linoschka schläft.”, murmelte er.

“Nope.”, sagte Linoschka. Aber immerhin wirkte sie entspannt.

Ivaness, das auch gerade ankam, nahm hinter Linoschkas Handtuch Platz, ebenfalls ohne sich abzutrocknen, und massierte ihr den Nacken. Linoschka gab ein kurzes, wohliges Geräusch von sich, das, soweit Marim beurteilen konnte, lediglich dazu da war, Konsens auszudrücken.

“Wir haben gespritzt und Wellen gemacht.”, sagte Nurek. Sie versuchte, ruhig zu sein, aber irgendetwas begeisterte sie. “Ich dachte, wir könnten uns Daten über das Gelände bei Fork geben lassen, wo das Festival stattfindet, und ein möglichst ähnliches hier finden. Und dann die Beschallung nachsimulieren.”

Es war also die Assoziationskette. “Du bist mir noch ein paar Schritte zu schnell. Wo kommt die Triangulierung ins Spiel?”, fragte Marim.

“Beim Abgleich der Gegenden.”, sagte Nurek. “Und bei der Schallsimulation.”

“Oh, und viel wichtiger, was ist Triangulierung noch gleich?”, fragte Marim.

“Triangulierung gehört zu einer Approximationsmethode.”, fing Nurek an, aber unterbrach sich direkt selbst: “Oh, ich glaube, ich habe dir mal gesagt, weniger Fachwörter wären besser. Und sollte mich mal selber daran halten.” Sie dachte einen Moment nach. “Approximation heißt Annäherung. Beim Funkenfest wird es Schall von Konzerten geben und Schall von Leuten, die dort campen oder anders hausen und die dabei auch noch selber Musik oder Party machen. Diese Daten werden anonymisiert jedes Jahr aufgenommen, sodass von jenen abgeleitet hochgerechnet werden kann, wie sie dieses Mal aussehen werden. Darin steckt bereits eine Unsicherheit, aber dagegen können wir nichts tun.”

“Hat das schon mit Triangulierung zu tun?”, fragte Marim.

“Ich bin nicht sicher, was für Methoden sie anwenden, um die Geräusche lokal möglichst gut zu simulieren, aber darum geht es mir auch nicht.”, antwortete Nurek. “Triangulierung kann aber bei solch einer Art von Simulation helfen. Als Beispiel könnte der unebene Platz trianguliert werden. Das heißt, wir nähern diesen Platz mit seinen Hügeln und Tälern mit Dreiecken an. Sehr vereinfacht wäre ein Hügel zum Beispiel eine Pyramide.”

Sehr vereinfacht!”, kommentierte Ivaness.

“Wahrscheinlicher ist, dass wir eher sowas in der Größenordnung von mindestens sieben Dreiecken nehmen, um einen Hügel nachzuahmen.”, bestätigte Nurek. “Es gibt verschiedene Methoden, um eine passende Sammlung von Dreiecken zu finden. Meistens wird mit einem groben Gitter angefangen, das womöglich nur aus ein bis zwei Dreiecken besteht, und dann werden sie weiter unterteilt. An Orten, an denen viele kleine Unebenheiten sind, vielleicht sogar feiner als an anderen.”

“Okay, ich habe ein Bild einer Triangulierung.”, sagte Marim und lächelte. Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Er merkte erst ein paar Momente später, dass es nicht nur daran lag, dass er das Thema interessant fand, sondern auch und vor allem, weil Nurek da mit so viel Elan drinsteckte. Es war wunderschön.

“Jedenfalls war der Gedankengang so:”, leitete Nurek neu ein. “Wir wollen campen, und dabei vorübergehend die Geräuschkulisse des Funkenfests simulieren. Ivaness und mir war schnell klar, dass wir nicht Boxen im Nirgendwo ohne Zugang zu Strom aufstellen werden. Wir werden die Geräusche abhängig vom Ort, wo wir jeweils stehen, an die Hörimplantate oder auf die jeweiligen Ohrhörer ausgeben. Wenn wir aber genau die Geräuschkulisse übernehmen, die uns die Funkenfest-Orga fürs Funkenfest zuschickt, dann wird sich das nicht stimmig anfühlen, weil sich Akustik ja auch vor allem dadurch ändert, wie die Landschaft aussieht. Wenn du hinter einen Baum gehst, und es wird lauter, wird sich das nicht richtig anfühlen.” Nurek pausierte noch einen Moment, aber an ihrer nachdenklich gerunzelten Stirn glaubte Marim zu erkennen, dass sie nur auf der Suche nach dem Faden war, und noch nicht fertig. Er behielt recht. “Jedenfalls dachte ich, wir könnten für den Campingausflug die Gegend hier mit ein paar kleinen Drohnen abscannen, ob ein Ort möglichst ähnliche Geographie hat, wie der Ort, wo das Funkenfest stattfindet, und die Geräuschkulisse vom Funkenfest dann daran anpassen. Das müsste der beste Kompromiss sein.”

Marim nickte. “Hast du auch überlegt, dass du dir dann mit aufgesetzter VR-Brille auch einen Overlay für die Vision bauen könntest, sodass du auch andere Personen um dich herum campen siehst? So als Geräuschquelle für die Akustik, meine ich.”

“Machst du dich lustig?”, fragte Nurek. “Du willst darauf hinaus, dass ich auch gleich in einer Virtualität campen kann, richtig?”

“Uffz.”, machte Marim. “Ich hatte viele Gedanken, und ja, das war einer davon.”, gab er zu. “Eigentlich war der Hauptgedanke, dass, wenn ein Baum, der dem Schall im Weg stehen sollte, aber diesen Einfluss nicht hat, irritiert, dass vielleicht das Fehlen von Geräuschquellen auch irritiert.”

“Das kommt drauf an, ob ich gerade durch ein simuliertes Camp gehe, oder versuche, mich bei einem Spaziergang etwas außerhalb des Camps zu entspannen.”, überlegte Nurek. “Ich verstehe dein Problem, aber ich würde es auch trotzdem gern probieren.”

“Vor allem, weil es Spaß macht, vermute ich?”, fragte Marim.

Nurek dachte kurz irritiert nach. “Ähm, ja.”, gab sie zu. “Aber noch etwas: Eine Virtualität kann nie so gut simulieren, wie das ist, wenn die Toilette nicht durch Verlassen der Virtualität und dann in derselben Wohnung erreicht wird, sondern ich tatsächlich durch eine Geräuschkulisse auf eine mir nicht vertraute gehen muss.”

Marim nickte. Darüber hatten sie sich auch noch keine Gedanken gemacht, wie sie das beim Campen mit der Nähe einer Toilette handhaben wollten.


Der Rest der Woche wurde sehr anstrengend. Am Folgeabend trafen sich Marim und Nurek mit einer Person mit Namen Gabriane in einer Virtualität, die dieses Jahr das Securiteam mit anleitete. Sie war schon lange dabei, war gelassen und ruhig, konnte alle Fragen beantworten, ihnen erklären, welche Daten zur Verfügung standen und wie sie damit umgehen könnten. Das hätte auch eine KI machen können, aber Nurek hatte nicht genügend konkrete Fragen zum Funkenfest, um dabei mit einer Person aus dem Securiteam ausreichend vertraut zu werden. Also sprachen sie über andere interessante, gegebenenfalls nerdige Themen, bis Nurek soweit war, dass sie sich trauen würde, im Falle, das ein Problem vorläge, Gabriane tatsächlich zu kontaktieren.

Marim fand das vom Securiteam tatsächlich sehr weit durchdacht. Er kannte diese kurzen Miminalvorstellungen, ‘Hier, deine Ansprechperson, viel Spaß, sie wiederzuerkennen’, aus der Lerngruppenzeit. Es war nicht schlimm gewesen, – er hatte sich in virtuellen Lerngruppen eben tatsächlich mit seiner Lern-KI immer helfen können –, aber für ein Outernet-Event war eine Kennenlernrunde mit Ansprechpersonen im Vorfeld sinnvoll, die über ein kurzes ‘Hallo’ hinausging.

“Wie managt ihr solche Gespräche zeitlich?”, fragte Marim.

“Wir sind viele. Und nicht alle brauchen so etwas.”, antwortete Gabriane. “Naja, und zugegeben: Ich bin seit drei Monaten mit nichts anderem beschäftigt. Danach werde ich vermutlich einen Monat nur ausruhen. So ein Festival ist eine Lebensaufgabe, aber eine, die Spaß macht.”

Marim konnte es ein wenig nachvollziehen. Es fühlte sich auch für ihn so an, als hätte er im vergangenen halben Jahr sein Leben ziemlich darauf fokussiert. Aber immerhin nicht nur. Und er kümmerte sich bei der Vorbereitung nur um Nurek und sich selbst. Er spürte starke Bewunderung für Gabrianes Arbeit.

Diese Woche allerdings überlastete er sich. Denn wenn er nicht gerade mit Nurek begeistert über Triangulierung sprach, saß er mit Linoschka zusammen vor alter und frischer Spiel-Doku und anderem Material wie Blogartikeln, Analysen, Analysetools zum Selberanwenden, um möglichst gute Strategien für Gothilla zu entwickeln, der widerlichen Spielgruppe faire Steine in den Weg zu legen.


Fragen:

  • Kommt die Beziehung euch toxisch oder übergriffig vor, weil Marim so einen großen Anteil seines Lebens aktuell darauf fokussiert, dass Nurek zu diesem Konzert mit ihm gehen kann?
  • Hat das Spiel zu viel Fokus?