Revier

\Beitext{Nurek}

Wie sich diese Haare vom Kopf in ihrem Schoß aus ins unrealistische Wasser um sie herum ergossen und sich darin verteilten. Das könnte doch noch mehr übertrieben werden. Vielleicht sollte sie sich eine Virtualität mit flüssigen Haaren bauen oder wünschen.

Es waren zwar sehr schöne Gedanken, aber welche, die sie nicht jetzt ausbreiten wollte. Marim hatte sich gerade erst beruhigt. Nurek wusste noch nicht einmal im Detail, warum er geweint hatte. Musste sie natürlich auch nicht. Sie hatte das Gefühl, dass Marim nichts dagegen hätte, sie einzuweihen, aber das im Moment erst einmal Weinen und gestreichelt werden dran gewesen war.

Gerade klappte das mit der Empathie ja mal gar nicht. Da lag eine Person in ihrem Schoß, die sie eigentlich sehr lieb hatte, und litt, und sie fühlte: Resteuphorie von der Triangulierung, Lust, sich mit physikalischen Eigenschaften von Haaren auseinander zu setzen, sowohl realistischen als auch der angenehmen Verwirrung, die unrealistische Eigenschaften auslösen würden. Ihr blieb nicht viel anderes übrig, als Empathie zu masken, so gut es ging, irgendwo nach dem Gefühl zu suchen, das Zuneigung war, aber gerade nicht in den Fokus wollte, und wenigstens physisch da zu sein, so gut es ging.

Marim drehte sich auf den Rücken und blickte zu ihr auf. Er wirkte nun wieder erstaunlich gelassen, nur müde. “Wie geht es dir eigentlich?”, fragte er.

Ausgerechnet diese Frage. Nurek strich die durch die Drehaktion entsprechend verdrehten Haare wieder glatt. Sie schluckte. “Falsch.”

“Soll ich besser nicht fragen?”, fragte Marim.

Nurek atmete tief ein und aus. “Ich wäre gerade gern für dich da. Aber ich bin es nicht.”

Marim runzelte die Stirn. “Mein Eindruck ist ziemlich anders.”, sagte er. “Was meinst du damit?”

“Ich habe dich gerade nicht lieb.”, sagte Nurek. “Oder ich fühle es zumindest nicht. Weil mein Kopf mit anderen Dingen voll ist.”

“Temporär?”, fragte Marim.

Nurek nickte. “Ich glaube, das gehört mit dazu, dass ich neuroatypisch bin. Manchmal fühle ich nicht, dass ich Leute mag, weil mein Gehirn mit anderem beschäftigt ist. Es kommt wieder. Aber es ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt gerade.”

Marim lächelte sanft. “Dafür habe ich dich gerade umso mehr lieb.”

Das Lächeln steckte an. Und für einen Moment drang sanft das Gefühl zu ihr durch, wie wichtig Marim ihr war. Dann war es wieder halb bei Triangulierung. “Danke, dass du so eine verständnisvolle Person bist.”

“Fühlst du dich nun weniger falsch?”, fragte Marim.

Nurek grinste. “Nein. Es ist so so falsch!”, sagte sie. “Du weinst in meinem Schoß, brauchst offensichtlich Support, und am Ende tröstest du mich!”

“Du hast gut getröstet.”, sagte Marim. “Ich mag die Dunkelheit und Ruhe in dieser Virtualität, und die Vertrautheit deiner Anwesenheit. Das war alles sehr gut.”

“Oh, das ist auch so ein Gedanke, den ich oft habe:”, fiel Nurek ein. “Ich verknüpfe mit Dunkelheit so viel Positives. Es bedeutet für mich Ruhe, Entspannung, Friedlichkeit, Rückzug. All die guten Dinge. Leute finden sogar Nächte romantisch. Aber in allen möglichen Sprüchen oder Geschichten ist Licht die Analogie für Positives und Dunkelheit für Schlechtes.”

“Jop, nervig.”, bestätigte Marim sachlich. “Licht tut mir in den Augen weh. Das ist bei manchen Filmen immer besonders toll, Klammer auf, Sarkasmus, Klammer zu, wenn das Ende mir als positiven Abschluss die Netzhaut zerschießt.”

Nurek nickte und strich Marim über das Gesicht. “Mit wem rede ich.” Und trotzdem fühlte es sich angenehm an, mit ihm darüber einig zu sein.

“Dränge ich mich dir auf?”, fragte Marim. “Soll ich gerade eigentlich am besten eine andere Person nach Support fragen?”

Nurek schüttelte den Kopf. “Ich bin gern mit dir hier. Ich fühle nur nicht so stark, wie ich gern möchte. Wenn du mehr Support brauchst, kann ich gerade nicht. Aber es gilt, wenn mir etwas unangenehm oder zu viel ist, grenze ich mich selber ab.” Sie fühlte sich awkward, als sie das sagte. Vielleicht, als träfe es nicht genau den Punkt. Sie überlegte, dass es aber auch nichts weiter dazu zu sagen gäbe und wechselte das Thema ein wenig. “Willst du erzählen, was los war?”

“Ich habe mich in den letzten Tagen überlastet.”, sagte er und versuchte dann möglichst kurz zusammenzufassen: “Ich habe mit Linoschka an Plänen gearbeitet, wie eine fiese, ableistische, widerwärtige Spielgruppe ausgetrickst werden kann, damit diese nicht weiter Personen psychisch zerstören kann. Einige haben prinzipiell auch geklappt, aber einige auch nicht, und einiges bisher zumindest nicht so gut wie gehofft. Das hat mich emotional aufgewühlt und geistig gefordert und deshalb bin ich einfach fertig. Nichts Schlimmes.”

“Das klingt übel.”, sagte Nurek sachlich. “Ich glaube, ich habe dich noch nie solche Worte in den Mund nehmen gehört.”

“Ich habe noch schlimmere.”, sagte Marim grinsend, hörte dann aber wieder auf damit. “Es sind so widerliche Dinge passiert. Ich kann dir gern einen Artikel, Vlog oder eine Doku zeigen, worin das gut zusammengefasst wird. Aber eigentlich will ich lieber Abstand haben.”

Nurek nickte. Sie machte den Mund auf und schloss ihn wieder. In ihrem Sichtfeld blendete sich die Nachricht ein, dass eine Person im Outernet an der Tür stand und noch niemand sie reingelassen hatte. Sie erwarteten sogar eine Person. “Taugt Bjork als Ablenkung?”, fragte sie.

Marim nickte. Dann kicherte er plötzlich. “Wie das wohl kommt, wenn ich begrüße mit: ‘Guten Tag, ich bin die eine der beiden Personen, die euch während der vergangenen Woche mit Strategien versorgt hat, aber ich habe gerade keine Lust, darüber zu reden.’?”

“Probier es aus!”, schlug Nurek vor. Vielleicht war es kein guter Vorschlag. Vielleicht war es einer, der eher zu ihr passte, weil sie nach all den Jahren immer noch keinen Plan hatte, wie sie sich denn bitte sonst verhalten sollte. Es kam einfach alles, was sie sagte, infrage, als unhöflich eingeordnet zu werden. Jedes Einschränken bezüglich Dingen, nach denen ihr zumute war, sie zu sagen, wäre willkürlich oder vollständig gewesen.


Bjork war ein sehniger, kräftig wirkender Ork, etwas mehr als einen Kopf größer als Nurek, also kein allzu großer Ork, mit dunkelbrauner Haut. Er trug eine hellbraune, kurze Hose, deren Taschen halb von dem breiten Beckengurt des schweren Wanderrucksacks überdeckt wurden, und ein für das Wetter zu warmes, cremeweißes Oberteil mit hochgekrempelten, weichen Ärmeln und Kapuze.

“Linoschka schläft.”, begrüßte ihn Nurek.

“Linoschka?”, fragte Bjork. “Soll ich den Namen schnell wieder vergessen, weil du Torf meinst?”

“Oh. Mist!”, fluchte Nurek. “Ja, bitte.”

“Glücklicherweise ist mein Namensgedächtnis schlecht.”, sagte Bjork. “Obwohl hier zwei Faktoren mies reinspielen: Zum einen die Sache mit dem rosa Schnorch, an den wir nicht denken sollen, und zum anderen, dass ich für das Spiel angefangen habe, Gedächtnistraining zu machen. Das ist aber immerhin nur so semierfolgreich.” Bjork versuchte sich die Ärmel mit womöglich vergleichbar wenig Erfolg noch weiter hochzukrempeln. “Moin!”, sagte er. “Überhaupt.”

“Ach richtig, Begrüßungsgedöns.”, sagte Nurek. Das hatte sie noch nie so richtig verstanden. “Wenn du das brauchst, bemühe ich mich gleich, das nachzuholen. Ich nehme an, du willst Sachen abstellen, dich teilentkleiden und eventuell kühl duschen?”

Bjork schüttelte den Kopf, aber es wirkte sonderbarerweise nicht wie eine ablehnende Geste. “Das wäre unwahrscheinlich wunderprächtig und viel besser als eine Begrüßung.”, sagte er. “Ich wollte eigentlich nur sagen, dass ich da bin, und mich nicht aufdrängen. Draußen campen ist für mich fein.”

“Wenn du Dinge aus Zurückhaltung ablehnst, würde ich dir ans Herz legen, dich umzuentscheiden.”, sagte Nurek und setzte an, weiterzusprechen, dass sie aber auch nichts aufdrängen wollte, aber Bjork hob eine Hand.

“Das war ein Missverständnis.”, sagte er. “Irgendwie hatte ich direkt ein gewisses Vertrauen zu dir und würde die Angebote gern annehmen.”

Eine ausgesprochen höfliche Person, und vielleicht dadurch auch verwirrend, befand Nurek. Sie öffnete die Tür noch weiter, was ebenso lediglich eine Geste war, wie das Ärmelhochkrempeln, weil Bjork längst mühelos hindurchgepasst hätte. Sie war erleichtert, als Marim die Einführung übernahm. Ihr Gehirn war noch damit beschäftigt, nachträglich zu versuchen, herauszufinden, woher das Missverständnis gekommen war. Und dann mit der Frage, ob die Ähnlichkeit der Wörter Ork und Bjork zufällig war. Bjork war, genauso wie Torf, ein Online-Name. So etwas war durchaus oft nicht Zufall. Aber Nurek überlegte, vielleicht besser abzuwarten, ob irgendwann von anderer Seite ausgehend eine Geschichte dazu erzählt würde, und nicht selbst nachzufragen.

Bjork duschte höchstens eine zehntel Stunde, eher weniger lang und setzte sich in frischer dünnerer Kleidung zu Marim und Nurek in den Gemeinschaftsraum. “Zu wievielt wohnt ihr hier?”, fragte er.

“Sechs.”, sagte Nurek. Es fühlte sich immer noch schön an, nicht mehr mit ‘fünf’ zu antworten. “Zwei sind aber diese Woche auf Reisen. Es bleiben mein Geschwister, Torf, er und ich.” Sie deutete auf Marim und sich. “Ich bin Nurek. Sie, ihr, ihr, sie.”

Bjork stellte sich noch einmal mit Pronomen vor, die Nurek bereits wusste, und Marim tat dasselbe. Dann schwiegen sie ein paar Momente bis Bjork wieder das Wort ergriff. “Ich will wirklich keine Umstände machen. Wie mache ich am wenigsten? Indem ich mich nun einfach draußen mit mir selbst beschäftige, bis Torf aufwacht?”, fragte er. “Und bitte täuscht keine Höflichkeiten vor. Ich komme prima allein zurecht, und der Grund, warum ich hier sitze, ist, falls euch Konversation und Kennenlernen lieber ist.”

“Dir ist das unangenehm, dass Torf noch nicht wach ist, richtig?”, analysierte Marim.

“Bitte nicht wecken.”, bat Bjork, statt zu antworten.

Nurek hätte gern gewusst, ob Marim mit der Einschätzung recht gehabt hatte. Bjork machte auf sie spontan einen sympathischen, aber leider auch sehr überfordernden Eindruck, indem er sich nicht klar genug für sie ausdrückte. Vielleicht ging es sie nichts an. Oder er hatte seine eigene Sprache, die sie mit der Zeit lernen würde. Gerade fühlte sie sich hochgradig angespannt.

“Ich hatte das eigentlich ohnehin nicht vorgehabt.”, sagte Marim. “Sie hatte in den letzten Tagen Schlafprobleme. Ich wecke auch Mal Leute, aber in diesem Fall hat sogar sie sich selbst gewünscht, dass wir sie nur zu ganz wichtigen Dingen wecken sollten. Falls das mit dem Schlaf mal klappt.”

Und es musste gut klappen, überlegte Nurek. Auch Linoschka hatte im Normalfall Alarm für die Klingel eingerichtet. Für Bjork hätte sie dieser zuerst erreicht haben müssen.

“Ich bin auch früher, als erwartet.”, sagte Bjork.

“Nein.”, widersprach Nurek verwirrt. “Du hast mitgeteilt, wann deine Fähre in Fjärsholm anlegen würde. Das passt mit der Entfernung.” Er hatte nicht abgeholt werden wollen, was zu den Charaktereigenschaften passte, die Nurek bis jetzt kennen gelernt hatte. Aber vielleicht schloss sie zu schnell.

“Ich wandere oft schneller, als Leute erwarten.”, räumte Bjork freundlich ein.

“Du hast über nun fünf Spielphasen hinweg öffentliche Daten über deine Bewegungsmuster, deine Sportlichkeit und ähnliches ins Internet gestreut, und besuchst eine Hack-Kommune. Unsere Estimated Time Of Arrival, kurz ETA, für dich wäre sogar etwas vor deiner Ankunft gewesen. Aber vielleicht hast du so lange draußen warten müssen, weil Li”, Nurek unterbrach sich. “Mist. Torf noch schläft und es so lange gedauert hat, bis deine Ankunft zu mir durchgemeldet worden ist.”

Bjork blieb ein paar Momente ruhig, als würde ihn das überhaupt nicht berühren. Dann breitete sich ein Lächeln in seinem Gesicht aus und er gluckste warm. “Ich habe bereits acht Spielphasen hinter mir, aber die jeweils ersten sind nicht mitgezählt, weil aus ihnen keine Daten öffentlich werden?”, fragte Bjork.

Endlich verstanden sie sich. Dachte Nurek, aber fand den Gedanken gleich darauf albern. “Exakt.”, bestätigte sie.

“Wir haben dabei diskutiert, ob das ethisch okay ist.”, räumte Marim ein und fing an, das gemeinsame Gespräch dazu wiederzugeben, aber Bjork hielt ihn wieder höflich auf.

“Es ist vollkommen in Ordnung.”, sagte er. “Es ist mir absolut bewusst, dass diese Daten über mich frei zugänglich sind, und ich bin im Spielkontext gewöhnt, dass Leute sie auswerten. In anderen Kontexten wäre das vielleicht uncool. Aber macht euch hier keine Sorgen.”

“Wir werden zusammen campen.”, sagte Nurek. Sie fragte sich, ob sie damit das Thema wechselte, warum ihr so wichtig war, das ausgerechnet jetzt zu sagen, und ob ihm das nicht längst klar wäre.

“Ah, ihr seid das.”, sagte Bjork und lächelte. “Torf hatte lediglich gesagt, zwei Herzwesen. Nicht einmal, dass sie aus der gleichen WG sein würden. Wir hatten uns verabredet, dass ich Torf hier abhole. Mehr Details wollte sie ohne Absprache mit euch nicht sagen.”

“Oh.”, machte Nurek. Ein plötzlicher neuer Gedankensalat entstand in ihrem Kopf, den sich versuchte, in verbale Sprache runterzubrechen. “Hat es dich deshalb nervös gemacht, in einem fremden Haushalt zu sein, in dem du die Leute eventuell gar nicht länger kennen wirst? Warst du überhaupt nervös?”

Bjork blickte sie länger an und sein Lächeln wurde zu etwas Geduldigem, das keine spontane Reaktion auf irgendetwas mehr war. Er setzte an, etwas zu sagen, ließ sich aber davon ablenken, dass Ivaness den Gemeinschaftsraum betrat und sich lässig mit nach oben gestrecktem Unterarm an eine Wand lehnte.

As trug einen flauschigen, roten Bademantel und tropfte noch. As hatte anscheinend kurz nach Bjork das Bad benutzt. “Wurde dir schon Ess- und Trinkgedöns angeboten?”, fragte sie.

Bjork schüttelte den Kopf, aber nicht sonderlich überzeugt. “Ich brauche nichts, danke.”, sagte er freundlich. “Ich habe auf der Fähre gegessen.”

Ivaness’ Blick schweifte wachsam durch den Raum und in den Flur zur Garderobe. “Und du hast das Bad zurückgelassen, als wärest du nie darin gewesen.”, sagte as. “Wahrscheinlich hast du ein eigenes Handtuch dafür benutzt, nach dir auch das Bad zu trocknen und es in deinen Rucksack gepackt, um später irgendwo draußen jenes, und was von jenem angenässt wurde, zu trocknen. Außerdem steht dein Rucksack maximal platzsparend in einer möglichst Nischen-ähnlichen Ecke.” Ivaness Gesichtszüge änderten sich zu einem, den Nurek als eine von wenigen Personen lesen konnte: Der Unsicherheit, ob as sich gerade furchtbar unhöflich oder verletzend verhielt. “Tut mir leid. Ich beobachte zu viel.”, fügte as entsprechend hinzu und konnte sich dann doch nicht zurückhalten, zu fragen: “Hast du Probleme damit, Raum einzunehmen oder anzunehmen?”

Shit, dachte Nurek. Das war eine sehr direkte Frage. Und eine krasse Analyse. Vielleicht keine zu krasse für eine Person, die in ein Badezimmer trat, kurz nachdem eine andere geduscht hatte.

Aber Bjork wirkte immer noch gelassen. Und nickte. “Ja.”, sagte er und seufzte. “Mir fällt es leichter, wenn ich ausgeruht bin. Aber nach einer Woche Spiel und der Reise fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern, dass ich durch Annehmen von Dingen nicht automatisch eine Last bin.”

“Ich mache mir Monua. Soll ich dir einen mitbringen?”, fragte Ivaness, den Anschein erweckend, als ginge as nicht darauf ein, was Bjork gesagt hatte, aber irgendwie tat as das schon. “Und: Du bist willkommen hier.”

Bjork musste leise lachen. Es klang wieder so warm und herzlich. “Monua.”, sagte er und nickte. “Gern.”

Aber als Ivaness mit einem Krug und mehreren Bechern zurückkehrte, glaubte Nurek die Anzeichen der Überwindung nun besser erkennen zu können, als Bjork sich einen Becher – nur halb – befüllte.


Ivaness verabschiedete sich kurz, um sich anzuziehen, und als as wiederkam, tauchte Linoschka mit iem auf. Linoschka wirkte matt, fand Nurek, und das war gut. Das hieß, dass sie endlich geschlafen hatte. “Es tut mir leid.”, murmelte sie.

Alle schüttelten den Kopf und murmelten durcheinander, dass ihr nichts leidtun müsse.

“Linoschka heiße ich.”, sagte sie zu Bjork. “Du kennst mich als Torf. Aber im Outernet ist mir Linoschka lieber. Ist das okay für dich?”

Bjork lächelte und nickte. “Ist es okay für dich, wenn ich bei Bjork bleibe?”, fragte er.

“Vollkommen.”, bestätigte Linoschka.

“Habt ihr schon gepackt?”, fragte Bjork.

Nurek, Marim und Linoschka bestätigten. Nurek hatte keinen Plan, wann Linoschka gepackt hatte. Sie hatte viel vor sich hergeschoben. Sie selbst hatte für Marim gepackt. Gestern, als er mit Kopfschmerzen im Bett gelegen hatte und sich nicht hatte rühren können. Im Dunkeln. Fast, zumindest, sie hatte ein kleines, blasses Licht benutzt, das er ihr zur Verfügung gestellt hatte, das er mal darauf optimiert hatte, dass es am wenigsten doll im Augenhintergrund brannte. Dann hatte er ihr leise zwischen Wimmern beschrieben, was er gepackt haben wollte. Sie hatte versucht, ihm zu erklären, dass es unter solchen Umständen absolut in Ordnung wäre, noch nicht gepackt zu haben, wenn es eigentlich losgehen sollte, aber er meinte, die Kopfschmerzen würden sich leichter verziehen, wenn kein Tatendruck mehr anstünde. Das Phänomen an sich kannte Nurek. Sie hatte sich gekümmert, so gut sie gekonnt hatte.

“Ich noch nicht.”, sagte Ivaness, wie Nurek heraushörte, nervös, und Nurek verwunderte alles daran.

“Wolltest du mit?”, fragte Marim.

“Ursprünglich war das nicht mein Plan.”, sagte Ivaness, und bestätigte damit Nureks letzten Stand. “Aber ich hatte mich gefragt, ob das nicht doch nett werden könnte. Würdet ihr mich mitnehmen mögen?”

Marim und Bjork bestätigten sofort. Nurek hätte es auch getan, aber ihr Blick fiel auf Linoschka. Sie wirkte skeptisch und runzelte die Stirn.

Auch Ivaness blickte sie einen Moment an. “Eher nicht, dann.”, sagte sie.

Bjork wirkte so verwirrt, wie Nurek sich fühlte. “Ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn es um Rücksicht um mich ginge oder so.”, sagte er. “Wenn es um was Privates zwischen euch geht, geht es mich natürlich nichts an.”

“Die nächste Frage wäre gewesen, ob du Interesse an sowas wie Flirten mit mir hättest.”, sagte Ivaness. “Linoschka hat mir das, glaube ich, angesehen. Und weiß offenbar, dass irgendwas dagegen spricht.”

Nurek begann zu verstehen, worum es ging, und hatte keinerlei Ahnung, woran Linoschka das bei ihrem Geschwister abgelesen haben könnte.

“Ah.”, machte Bjork. “Tatsächlich ja, tut mir leid. Ich bin in einer monogamen Beziehung. Darüber hatte ich mit Linoschka gesprochen, um das im Vorfeld abgeklärt zu haben, wenn wir in einem Zelt schlafen.”

“Dann bleibe ich besser hier und flirte in diesem Internet mit irgendwelchen anderen lieben Personen.”, beschloss Ivaness mit einem Grinsen im Gesicht.


Eine halbe Stunde später brachen sie nach Fjärsholm auf – Linoschka und Bjork mit Wanderrucksäcken zu Fuß und Marim und Nurek mit auf Rädern verstautem Gepäck langsam nebenherfahrend –, von wo sie aus mit einem Zug ein Stück in den Norden fuhren. Von einem vorab ausgewählten Bahnhof eines winzigen Kaffs aus erreichten sie ihr Ziel, ein Tal, zu Fuß beziehungsweise mit Rädern. Allerdings schoben Marim und Nurek das letzte Stück, weil es dann doch etwas zu steil war, um bei Bjorks und Linoschkas Wandertempo nicht weit vorauszurollen. Nurek blickte sich um und seufzte bei dem Gedanken, das alles wieder hinaufschieben oder fahren zu müssen.

Sie hatten sich einen der Wege ausgesucht, an deren Rändern immer Mal wieder kleine Sanitärhäuschen standen, und bauten die Zelte auch kaum 100 Meter von einem auf einer Wiese nahe eines Waldrands auf. Hier wurde gelegentlich gecampt. Einerseits eignete sich der Ort, weil es hier Schatten gab, dessentwegen weniger großflächig Gestrüpp wucherte, andererseits wucherte hier wiederum weniger Gestrüpp, weil gelegentlich gecampt wurde. Also war der Ort als häufigerer Camping-Platz protokolliert worden. Um einen Großteil der Natur in Ruhe zu lassen, standen solche Orte meist für alle Karten als Kartenlayer zur Verfügung.

Nurek hatte schon, als sie noch die Fahrräder geschoben hatten, angefangen zu stimmen, Pflanzen aufzuzählen, immer wieder ihre Namen zu wiederholen. Bjork hatte sie verbessern wollen, dass das Gestrüpp um sie herum keineswegs mit den Pflanzennamen übereinstimmte, die sie aufzählte, aber Linoschka hatte ihm das Phänomen erklärt. Nurek hatte während des Zeltaufbaus nicht gezittert, aber sich so gefühlt, als wäre ihr Körper in einem temperaturlosen Schüttelfrost. Marim nahm ihr das Aufplustern der Doppelmatratze ab. Sie hatten sich so eine aus einem für so etwas gedachten Selbstbedienungsladen in Fjärsholm geliehen. Sie waren sehr leicht und sehr praktisch. Nurek hatte überlegt, ob sie sich ins pieksige Gras legen sollte, bis er fertig wäre, aber er war viel schneller fertig als gedacht. Dann stellte er eine Reihe von Fragen, und das machte er gut.

“Möchtest du nun absolut deine Ruhe haben, oder darf ich dir Fragen nach deinen Bedürfnissen stellen?”, fragte er und hielt erst einen, dann zwei Finger hoch.

Nurek wäre noch in der Lage gewesen, zu sprechen, aber es war so viel angenehmer, einfach zwei Finger hochzuhalten.

“Zelteingang auf, oder zu?” Wieder zeigte Marim ein und dann zwei Finger.

Nurek wählte, dass er offen bleiben sollte. Sie fühlte sich sonst allein und abgeschnitten.

“Ja, du darfst mit Gumbol kuscheln.”, bestätigte Marim eine Frage, die Nurek noch gar nicht gestellt hatte.

Ihr Blick war einfach halb unbewusst zwei Mal zum Krokodil gewandert, das noch oben auf Marims Gepäck festgeschnallt neben der Matratze im Zelt lag. Sie löste die Schnallen. Es machte dabei zwei laute Klack-Geräusche, die ihr eigentlich zu viel waren. Sie legte einen Arm um den weichen Kuschelkörper, der so sehr nach Marim roch. Und eine Spur staubig.

“Möchtest du mich bei dir auf der Matratze haben, oder lieber draußen?”, fragte Marim.

Dieses Mal antwortete Nurek nicht. Ihr war nicht klar, warum. Sie hatte Marim gern bei sich, aber irgendetwas stimmte daran nicht.

“Hast du Hunger oder Durst?”, fragte Marim, übersprang die letzte Frage.

Nurek nickte. Das war es. “Kalt ist schlecht.”, sagte sie.

Sie hatten allerlei kaltes Essen dabei. Auf dem Funkenfest wären Lebensmitteldrucker erreichbar, zumindest, solange sie nicht overloadet im Zelt liegen würden und alles außerhalb unerreichbar wäre.

“Ich sehe zu, dass wir Dinge kochen.”, sagte Marim. “Vorher noch etwas Wichtiges?”

Nurek schossen Tränen in die Augen. Sie mochte es gar nicht, sich nicht um sich selbst kümmern zu können, und gleichzeitig gehörte das einfach zu ihrem Leben. Außerhalb der WG zumindest. Das Haus war vollständig mit EM-Tapete ausgestattet, sodass ein leerer EM-Anzug im Zweifel so tun konnte, als wäre er eine Person, die alles für sie erledigen könnte, was sie bräuchte. Und das war nur der Ausweichplan für eine Menge Equipment, das eher zum zielgerichteten Erledigen bestimmter Aufgaben gedacht war, wenn Nurek es nicht konnte.

Aber ohne Internet mitten in der Botanik stand das alles nicht so unmittelbar zur Verfügung, und auf dem Funkenfest wäre es auch begrenzt.


Nurek konnte aus dem Zelt heraus beobachten, dass sich Linoschka und Bjork anfingen, für Training aufzuwärmen. Als Linoschka bemerkte, was Marim vorhatte, unterbrach sie das Aufwärmen und half ihm stattdessen. Nurek hatte Angst, Bjork damit irgendwie zu nerven, aber er wirkte überhaupt nicht genervt. Die Sonne stand angenehmerweise schon etwas tiefer und der Wald warf Schatten auf die Campingwiese, als das Essen zubereitet war. Nurek schälte sich dazu aus dem Zelt, um sich dazuzusetzen. Sie fühlte sich matt.

“Es tut mir leid.”, sagte sie.

Es fühlte sich etwas déjà-vu-artig an, als Bjork, Linoschka und Marim nuschelnd versicherten, dass ihr nichts leidtun müsse.

Das Essen war ungewohnt, weil es nicht aus einem Lebensmitteldrucker kam, sondern aus Kompaktessen hergestellt worden war: Eine Art Brei mit Stücken. Sie hatten vorher etwas ähnliches getestet. Es war das beste, was Nurek gerade bekommen konnte, und es half durchaus sehr.

“Beim Spiel ist zwischendurch auch eine wohl neuroatyische Person ausgefallen.”, bemerkte Bjork.

Der Rest nickte. Das hatten sie alle mitbekommen, weil sie sich mit dem Spiel ja auseinandergesetzt und darüber geredet hatten. Es passierte allerdings regelmäßig, dass einzelne Personen im Spiel über ihre Belastungsgrenze gingen oder getrieben wurden. Es gab ebenso regelmäßig Erinnerungen, dass Teilnehmende ihre Grenzen beachten, eine gewisse Rücksicht auf andere nehmen sollten und ähnliches.

“Das war vielleicht nicht so sensibel von mir.”, überlegte Bjork. “Marim hatte deutlich gemacht, dass er eigentlich gerade nicht so gern über das Spiel reden möchte. Und mir ging es mehr darum, zu sagen, dass wir hier ein soziales Gespann sein wollen, in dem du ebenso willkommen bist, wenn du viel beitragen kannst, wie, wenn das gerade oder auch dauerhaft eben nicht geht.”

“Wir machen diese ganze Sache hier vor allem für mich. Weißt du das?”, fragte Nurek.

Bjork schüttelte den Kopf. “Das war mir nicht bewusst und”, er haderte kurz, “verwirrt mich offengestanden.”

Marim erklärte die Sache mit dem Funkenfest und Bjork verstand.

“Und ich habe die Geräuschkulisse, die wir programmiert haben, noch nicht einmal angemacht und mir ist es zu viel.”, murmelte Nurek. Sie merkte, dass sie sich enttäuscht fühlte. Eine Emotion, die sie selten hatte und deshalb nicht gleich erkannte.

“Ist dir bewusst, dass du das gesamte Funkenfest mit Noise Cancelling physisch ausblenden kannst?”, fragte Bjork. “Du hast doch Hörimplantate, oder?”

Nurek hob die Brauen und nickte. Dann schüttelte sie über sich selber den Kopf. “Ich mache so etwas ständig!”, sagte sie. “Warum war mir das nicht klar?”

“Shit, mir war das letzte Nacht eingefallen, und ich wollte dich fragen, ob du daran gedacht hattest.”, sagte Marim.

Linoschka schmunzelte. Es war schon ein bisschen typisch für so eine Hack-Kommune.

“Dann lasse ich die Geräuschkulisse aus, solange es mir nicht wirklich gut genug dafür geht.”, beschloss Nurek.

Nach dem Essen schwiegen sie ein wenig und ruhten. Es war eine entspannte Stille. Und schließlich stand Bjork wieder auf, dem Anschein nach, um die unterbrochene Aktivität von vorhin wieder aufzunehmen. Linoschka folgte. Aber statt, dass sie anfingen, blickte Bjork zu ihrem Tisch hinüber und machte eine einladende Geste. Es war eine wunderschön selbsterklärende Geste, fand Nurek.

Sie hatte nie gekämpft und hatte nie vorgehabt, Kampfsport zu erlernen. Aber sie hatte sich für diesen Ausflug auch vorgenommen, für Linoschka als Trainingssubjekt zur Verfügung zu stehen. Sie beschloss, es einfach nicht selber anzusprechen und zu gucken, was Bjork tat. Sie stand auf, möglichst selbstbewusst und folgte der Geste.

“Hast du Kenntnisse in Orkando?”, fragte Bjork.

Das nahm doch die Überraschung weg! Nurek schüttelte den Kopf.

Bjork lächelte. “Hast du gerade Schwierigkeiten mit Körperkontakt?”

“Welch komplizierte Frage.”, seufzte Nurek. “Ich hätte jegliche gerade in Kauf genommen. Ist so etwas wie ein Safe Word ‘Rot’ okay?”

Bjork nickte, als wäre die Frage überhaupt nicht sonderbar. “In Orkando gibt es für so etwas meistens vereinbarte Körpersprache, weil der Sport oft still stattfindet, aber es geht vor allem auch darum, dass sich alle Teilnehmenden gut und sicher dabei fühlen. Ein Safe Word ist für manche eine gute Übergangslösung, bis sie andere Kommunikation lernen, und für manche bleibt es eine permanente Lösung. Das ist in Ordnung.”

Nurek nickte. Eine unbestimmte Angst verflüchtigte sich etwas, die sie eigentlich hatte verdrängen wollen.

Bjork trat einen Schritt auf sie zu, sodass er sie mühelos hätte an den Schultern greifen können. Aber seine Bewegung machte irgendwie klar, wo sein Schritt aufhören, und dass er nichts dergleichen tun würde. Er hob einen Unterarm mit etwas Abstand vor die Brust und machte eine Bewegung mit dem Kopf, die sie so interpretierte, dass sie das nachahmen sollte. Bjork beschwerte sich nicht, als sie es tat. Er trat noch einen kleinen Schritt auf sie zu, sodass sich ihre Unterarme an ihrer Außenseite in der Mitte berührten und ein Kreuz bildeten. Er gab vorsichtig etwas Druck darauf. Nurek blieb die Wahl dazwischen, Gegendruck aufzubauen oder Bjork ihren Arm zu sich schieben zu lassen. Ihr Reflex war ersteres und sie blieb bei der Entscheidung. Dann gab er nach, sodass sie sich entscheiden konnte, ob sie seinen Arm zu ihm drücken würde oder ebenfalls Kraft nachlassen würde. Sie entschied sich wieder für ersteres, einfach aus Neugierde: Was würde er tun? Er baute wieder mehr Druck auf und grinste. Es steckte an, als er mit konstantem Druck einen Schritt auf sie zumachte, und sie dem Druck folgend einen Schritt zurück machte. Er schob sie auf diese Art langsam noch zwei Schritte rückwärts, bis sie entschied, zur Seite auszuweichen. Sie hielt es für ein kampftechnisch nicht sehr vorteilhaftes Manöver. Aber sie fühlte sich dadurch selbstbestimmter. Und Bjork folgte der Richtung.

Er ließ den Arm wieder sinken. Ihrer folgte, bis sie sich nicht mehr berührten. Dann machte er eine Art Dankes- oder Verbeugungsgeste.

“Wenn ihr zwei mögt, spielt mit der Übung ein bisschen rum.”, sagte er Marim und ihr zugewandt.

Marim trat auf sie zu und fragte sehr leise: “Möchtest du?”

Mit Marim war es ganz anders. Während Linoschka und Bjork ein eher viel beeindruckenderes Training etwas weiter weg auf der Wiese veranstalteten, berührten Nurek und Marim sich nur am Unterarm und sahen sich dabei gegenseitig ins Gesicht und auf die Bewegungen. Erst ahmte Nurek Bjorks Einleitung nach, aber dann mischten sich wie automatisch Elemente aus Paartanz in Marims und ihre Bewegungen. Es war viel intensiver, als auf dem Ball. Vielleicht sogar, weil sie sich weniger berührten. Oder weil sie mitten drin die Führung wechselten – wobei Nurek sie definitiv auch jetzt am häufigsten hatte. Ihr Körper fühlte sich zunehmend fiebrig aufgeregt, und wollte sich in einer langen, festen Umarmung entladen, in der sie das Gefühl des Liebhabens dieser Person ihr gegenüber besonders stark spüren würde. Sie hatte diesen Gedanken kaum gedacht, als sie es beide umzusetzen beschlossen. “Ich hab’ dich schrecklich lieb!”, flüsterte sie in sein Ohr.

Er presste sie noch mehr an sich. “Ich” Was auch immer er sagen wollte, kam nicht aus ihm heraus. Aber das bisschen fester, dass er sie noch an sich drücken konnte, ohne dass sie gefühlt zerbrechen würde, gab er ihr noch.

“Du mich auch.”, flüsterte sie.

“Ja.”, sagte er rasch und schnell.


Sie lagen zusammen in ihrem Zeltnest, eng aneinandergekuschelt. Sie hatten beide vergessen, dass Nächte fast draußen viel kühler waren als im Haus. Ihnen war nicht kalt – aber das lag eben daran, dass sie kuschelten. Mit Gumbol zwischen ihnen. Dies war nicht nur eine Vorbereitung auf das Funkenfest. Es waren auch für sich ein Tag und eine Nacht, die sich in ihr Gehirn als positive Erinnerung einbrennen würden, und in denen sie seit dem Overload jeden Augenblick genossen hatte. Warum war eine etwas zu kalte erste Nacht zu zweit in einem Zelt so viel besser und besonderer, als die meisten daheim? Also, es waren auch einige daheim sehr schön gewesen. Die erste in ihrem Zimmer zum Beispiel. Vielleicht liebte Nurek erste Male.

“Ich glaube, ich sollte dir was sagen.”, sagte Marim leise.

Es war nicht still draußen. Der Wind rauschte in den Blättern und ein paar Nachtvögel sangen. Nurek bezweifelte, dass irgendeine Person vor dem Zelt auch nur eine Ahnung gehabt hätte, dass Marim etwas gesagt hätte. Sie fragte sich, warum sie darüber nachdachte. Wahrscheinlich schätzte sie ab, ob Marim, was auch immer er sagen wollte, wirklich nur ihr sagte, oder Bjork und Linoschka im Nachbarzelt unwillentlich mithören könnten. Aber so dicht standen die Zelte auch nicht beieinander. Nurek nickte.

“Ich habe sexuelle Gewalt erlebt.”, sagte Marim sachlich. “Sexuelle Dinge sind nicht dein Thema, und es hat nichts mit dir zu tun. Aber jedes Mal, wenn eine Situation so schön wird, wie gerade, schiebt mein Gehirn mir diese Erinnerung in den Vordergrund. Ich kann sie dann mit Gewalt versuchen wegzuschieben.” Marim hörte zu reden auf.

Nurek fielen eine Reihe an Gründen ein, warum er nicht weitersprach, und die meisten hingen nicht damit zusammen, dass er schon alles gesagt hätte, was er hatte loswerden wollen. Aber an sich tappte sie im Dunkeln. “Was du bisher getan hast?”, fragte sie, um irgendetwas zu fragen.

Marim nickte.

Nurek konnte es nur gerade so erkennen, weil sie sehr dicht beieinander lagen und sich direkt anzusehen versuchten. “Aus Rücksicht auf mich?”, fragte sie.

“Auch. Schon.”, sagte Marim.

Nurek wartete ein paar Momente, ob er andere Gründe ausführen würde, aber das tat er so schnell nicht. “Wir haben die Regel, dass ich mich selber abgrenze.”, erinnerte sie, ergänzte aber rasch: “Das klingt in so einer Situation vielleicht harsch. Es tut mir leid.”

“Zerstört es nicht einen wunderschönen, positiven Moment, wenn ich es nicht verdränge, sondern erzähle?”, fragte Marim.

Nurek hielt ihn einen Augenblick fester, legte eine Hand auf seinen Kopf auf sein weiches Haar. “Teilen von schlimmen Dingen kann zugleich positiv und schön sein.”, sagte sie. “Wie es für dich ist, musst du wissen. Aber es klingt ein wenig so, als hätte es jeden einzelnen der bisherigen positiven Momente, die du hattest etwas eingetrübt.”

Marim nickte wieder.

Dieses Mal spürte sie es unter der Hand. Sie nahm sie wieder weg, sodass sie so lagen wie zuvor.

“Darf ich davon erzählen?”, fragte Marim. “Ich werde bezüglich der sexuellen Dinge nicht ins Detail gehen, und zwar auch unabhängig von dir nicht. Sie sind im Spezifischen nicht wichtig.”

“Ja.”, sagte Nurek schlicht. Sie fragte sich, ob sie noch einmal sagen sollte, dass sie sich in so einem Fall auch Spezifisches anhören würde. Aber das spielte keine Rolle. Und sie fragte sich, ob sie sich schlecht fühlen sollte, weil für sie die Nacht gerade keine Spur schlechter wurde.

“Ich werde die Person im Folgenden einfach als sie referenzieren. Ich möchte keine Namen nennen.”, leitete Marim ein. “Ich habe sie auf einem Neujahrsfest kennengelernt. Ich nutze Neujahrsfeste oft, um neue Personengruppen kennenzulernen. Sie fand mich zierlich und hübsch.”

Nurek verkniff sich in Marims Denkpause zu sagen, dass er durchaus hübsch war. Zierlich hätte sie ihn vielleicht nicht gerade bezeichnet, aber er hatte zarte Haut und wirkte auf gewisse Art harmlos, fand sie.

“Sie hat mir ihre halbe Lebensgeschichte erzählt, über ihre Erfahrungen mit Liebesbeziehungen, und eigentlich hätte mir dabei vielleicht schon klar werden können, dass sie versucht hat, ihre Bilder einer für sie idealen Beziehung auf andere abzubilden, und wenn jene nicht dazu passten, es so zu verargumentieren, als würden jene ihr unrecht tun.”, fuhr Marim fort. “Aber das habe ich damals nicht gesehen. Sie war traurig und allein und ich habe zugehört.”

Nurek nickte vorsichtshalber. Sie lauschte so leise, dass sie keinesfalls den Eindruck erwecken wollte, eingeschlafen zu sein. Das Bild, das Marim von sich wiedergab, wirkte nach einer stimmigen, früheren Version von Marim, fand sie.

“Sie hat sich zu mir hingezogen gefühlt, sexuell, und ich reagiere auf Interesse anderer Leute oft automatisch mit Neugierde. Ich spürte also den Drang, da was Vorübergehendes einzugehen, zu experimentieren.”, fuhr er fort. “Ich hatte die Befürchtung, dass sie eine längere Beziehung will, und habe deshalb von vornherein klar gemacht, dass das höchstens ein One-Night-Stand wird. Und dass sie die Finger von mir lassen soll, wenn sie eine längere Beziehung sucht. Sie hat sich einverstanden erklärt.”

Nurek hatte eine blasse Ahnung, was jetzt kommen würde, und sie fühlte sich innerlich elend. Es war in Ordnung, das zu fühlen. Es gehörte dazu.

“Ich habe den Fehler gemacht, es ein zweites Mal zu wiederholen.”, sagte Marim und pausierte direkt wieder.

Ob er es selber merkte? Ob sie es sagen sollte? Vielleicht vorsichtig, aber so, dass es klar eine Randbemerkung war und nicht seinen Flow unterbrechen würde. “Klammer auf, du machst Self-Victim-Blaming, Klammer zu.”, sagte sie. “Aber wenn es gerade nicht ohne geht, achte nicht drauf und wir reden später drüber.”

Mit der heftigen Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Sein ganzer Körper krümmte sich zusammen. Er kramte ihre vergrabene Hand unter sich hervor, umklammerte sie und presste sie gegen seine Wange. Sie legte die andere leicht um ihn.

“Ich hätte nichts sagen sollen.”, murmelte sie.

“Doch.”, wisperte er. “Shit.” Er flüsterte abgehackt. “Du hast ja recht. Und es ist wichtig!”

Sie strich ihm über den Rücken. “Dann sage ich es noch einmal.”, sagte sie leise. “Du bist nicht dafür verantwortlich, was andere Leute auf dich projizieren. Vor allem nicht, wenn du es vorher klar anders erklärt hast. Du bist auch nicht verantwortlich für Gewalt, die dir passiert, nur weil du vorher erahnen kannst, dass sie passiert.”

Seine Hand krampfte sich so sehr um ihre, dass sie sich fragte, ob gleich etwas knacksen würde. Nichts passierte. Er ließ wieder lockerer und atmete mehrfach langsam ein und aus. Dann nickte er wieder. “Sie wollte mit mir eine bestimmte sexuelle Sache machen, welche spielt keine Rolle, und hat mir so lange und auf immer neue Art und Weise erklärt, warum ich asozial und verletzend wäre, warum ich mich toxisch verhalten würde, wenn ich nicht einwilligen würde, bis ich ‘ja’ gesagt habe.”, fuhr er schließlich fort. “Dabei ist es nicht einmal so, dass ich gegen die Sache an sich etwas einzuwenden gehabt hätte. Ich habe mich bedrängt gefühlt und deshalb unterbewusst eine Grenze ziehen wollen. Das ging nicht.”

Das war schrecklich. Nurek wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Es gab keine Worte für ein solch grauenhaftes Verhalten. Sie drückte von sich aus seine Hand etwas. Aber irgendwas sollte sie wohl sagen. Manchmal waren schlechte Worte besser als keine. Sie entschied sich für: “Anzünden.”

Marim kicherte kurz. Oder schluchzte? Nein, das war Kichern. “Es fällt mir auch deshalb jedes Mal wieder ein, wenn ich mich besonders wohl in meiner Beziehung mit dir fühle, weil ein Grund für das Wohlfühlen ist, dass du sex repulset bist.”, erklärte er. “Ich führe ausschließlich oberflächliche sexuelle Beziehungen. Ich könnte das an sich, eine romantische innige Beziehung führen mit einer Person, mit der ich dann gelegentlich neugierig was Sexuelles ausprobieren würde, was dann aber nicht Teil des gleichen Beziehungslayers wäre, sondern ein oberflächlicher anderer. Aber das Konzept fühlt sich für die wenigsten gut an.” Er machte eine kurze Redepause, in der er nach Luft schnappte, als hätte er zu atmen vergessen. “Deshalb kommt aber in romantischen Beziehungen meistens irgendwann die Frage auf, ob wir nicht auch Sex haben könnten, weil es für die anderen Beteiligten dazugehörig wirkt, und dann macht mir das Angst, wenn ich kommuniziere, dass für mich da eine Trennung existiert, dass die anderen Beteiligten das nicht verstehen würden, und was das für Gefühlschaos macht. Bei dir kann ich mich dahingehend fallen lassen. Du hast kein Bedürfnis. Aber, ist das nicht irgendwie mies dir gegenüber?”

“Warum sollte es mies sein?”, fragte Nurek.

“Ich weiß nicht, es fühlt sich seltsam an, zu sagen, ich fühle mich bei dir sicher, weil du sex repulset bist.”, formulierte Marim noch einmal.

“Finde ich gar nicht.”, sagte Nurek. “Eigentlich finde ich, fügt sich das recht natürlich. Dein Interesse an Sex ist mehr von Beziehungen unabhängig, wenn ich das richtig verstanden habe?”

Marim bestätigte mit einem Nicken und einem zustimmenden Geräusch.

“Also bevorzugst du für Beziehungen Personen, die kein Bedürfnis haben, weil das Bedürfnis den Drang nach Erfüllung bei dir auslöst, aber deine Art zu Erfüllen, würde nicht das tatsächliche Bedürfnis einer Person decken, die eine Beziehung mit Sex als Bestandteil davon bevorzugt.”, sagte Nurek und hoffte, dass Marim ihrem Gedankengehedder folgen konnte. “Das kann klappen, aber es geht definitiv nicht ohne ungedeckte Bedürfnisse einher. Bei uns schon. Das ist entspannt.”

“Das ergibt erstaunlich viel Sinn.”, sagte Marim. Er strich ihr über den Kopf. “Ich lächele.”, teilte er ihr mit, weil sie es ja nicht so gut sehen konnte.

Das mitgeteilte Lächeln steckte an. Sie erwiderte Geste und Mitteilung. Dann lagen sie wieder still da, berührten sich ein wenig. “Du bist vom Trauma in die Befürchtung übergegangen, dass mir ein Grund, warum du dich bei mir sicher fühlst, unangenehm sein könnte.”, fasste sie zusammen. “Möchtest du über etwas davon ausführlicher reden.”

“Darüber, wie lieb ich dich habe?”, fragte er.

Sie glucksten beide ein bisschen.

“Ich glaube, mir hilft vor allem, dass du das jetzt alles weißt.”, sagte er wieder ernst. “Wenn ich jetzt in Zukunft etwas dazu sagen wollte, bräuchte ich nur anzuknüpfen.”

“Du darfst immer sagen, wenn du gerade daran denkst.”, räumte Nurek ein.

“Vielleicht denke ich jetzt auch viel weniger dran.”, sagte Marim. “Also, sicher, die Erinnerung wird immer Mal wieder hochkommen. Aber sie wird mir nicht mehr ins Gehirn schreien, dass ich dir davon erzählen soll. Und dann kann ich sie vielleicht auch wieder zärtlich wegräumen.”


Fragen:

  • Ist der Teil, in dem Ivaness darüber nachdenkt, mit Bjork zu flirten, und Linoschka findet das raus, zu viel? Zu platt vielleicht? Macht der Abschnitt Spaß oder sollte der weg?