Fanfahren

\Beitext{Marim}

“Was magst du noch für ungewöhnliche Dinge?”, fragte Marim.

“Dich?”, antwortete Nurek.

“Point taken.”, sagte Marim. Wie seltsam warm es sich anfühlen konnte, als Ding bezeichnet worden zu sein, wenn das hieß, von Nurek gemocht zu werden. Wie eben jene ungewöhnlichen Dinge. Pflanzennamen zum Beispiel.

“Ich verwirre gern Leute.”, fügte Nurek grinsend hinzu.

“Als ob du mich noch verwirren könntest.”, kommentierte Marim, ebenso grinsend.

“Ich werde es drauf anlegen, wenn du willst.”, bot Nurek an.

“Ich bitte darum.” Marim erinnerte dieser Austausch an einen der ersten, die sie überhaupt gehabt hatten. Unter anderem hatte Nurek in so einem Zusammenhang offenbart, dass sie Konversationen gern so anfing, dass sie wirkten, als wären sie mitten drin. “Warum verwirrst du eigentlich gern Leute?”

“Viele Gründe.”, sagte Nurek. “Und alle durch Backtracking gefunden. Das heißt, ich habe mir nicht gedacht, aus diesen Gründen könnte ich mal Leute verwirren, sondern ich habe angefangen Leute zu verwirren, und versuche nachträglich rauszufinden, warum.”

“Mit Erfolg?”, fragte Marim.

“Teils.”, antwortete Nurek. “Einmal ist es das Übertragen des Konzepts, was Smalltalk für mich faktisch ist: Bei Smalltalk kommen Leute auf mich zu, reden mit mir und verwirren mich. Ich habe keinen Plan, was sie wollen. Also denke ich mir, ich mache das auch: Ich gehe auf Leute zu und sage Dinge, die verwirren.”

“Das klingt für deine Verhältnisse ungewöhnlich nach Rache.”, überlegte Marim. Er glaubte nicht daran, dass er mit dem Gedanken recht haben könnte. Er hoffte viel mehr, dass Nurek durch seinen Einwand erläutern würde, warum er unrecht hatte.

“Interessant.”, sagte Nurek nachdenklich. “Es fühlt sich nicht so an, aber du hast recht, dass es so klingt.” Sie dachte so angestrengt nach, dass ihre Hand aufhörte, seinen Nacken durch seine Haare hindurch zu kraulen. “Zu Rache gehört aber ein Wunsch, anderen Böses zu tun. Den habe ich nicht.”, hielt sie fest. “Ich frage mich, ob das ein Nebenresultat ist. Weil ich nicht nachempfinden kann, was an Verwirrung schlecht sein soll, und von mir auf andere schließend dahingehend keine Rücksicht nehme.” Nach kurzem Zögern fügte sie noch hinzu: “Auch keine Rücksicht nehmen kann. Selbst, wenn ich mir Mühe gäbe: Ich bin gewohnt, durch meine pure Existenz zu verwirren. Ein anderer Grund, warum ich es tue, ist nämlich, dass ich es dann ja auch gezielt und halbwegs kontrolliert tun kann. Sodass ich wenigstens selbst verstehe, was an mir nun verwirrt.”

Marim musste unweigerlich glucksen und versenkte seinerseits seine Hand liebevoll in ihr Haar. Dazu musste er sich nach hinten überstrecken. Sie lagen halbwegs in Löffelhaltung ineinander, sein Rücken ihr zugewandt. Aber sie lagen nicht besonders eng. Dazu war es zu warm. Sie hatte seine Haare sortiert und kraulte ihn, solange das Gespräch jeweils nicht zu beanspruchend war, am Rücken oder im Nacken.

Das, was sie erklärte, knüpfte an einem anderen Punkt an, über den er sich lange Gedanken gemacht hatte, schon etwa seit sie sich kennengelernt hatten. “Bei unserem ersten Kennenlerngespräch wirktest du auf mich so forsch, wie ich vermutlich nie sein werde, wenn ich eine Person neu kennenlerne.”, leitete er ein. “Ich dachte damals, dass du vielleicht einfach mutiger bist. Aber ich habe nun eine neue These. Magst du anhören und mitüberlegen?”

“Ich denke auch, dass ich nicht einfach mutiger bin.”, sagte sie. “Gern! Leg sie dar, die Gedanken!”

“Die Sache ist die, ich habe eigentlich wenig Plan davon, welches Verhalten wann doch sozial akzeptiert ist. Ich mache eben deshalb viele Dinge vorsichtshalber nicht vor neuen Leuten.”, erklärte er. “Du hingegen weißt über so wenig Dinge, ob sie sozial akzeptiert werden würden oder nicht, dass dir nichts mehr übrig bleibt. Deshalb musst du zwangsläufig dauernd Dinge tun, die sozial nicht akzeptiert sein könnten, bist also sozusagen freier, fühlst dich dabei aber trotzdem gegebenenfalls scheiße. Ich weiß nicht, ob ich richtig liege, und falls ja, welche der Varianten die Traufe ist.”

Nurek murmelte zustimmend. “Ich glaube, das passt einigermaßen.”, sagte sie. “Ich habe oft den Eindruck, dass du in sozialen Situationen wie auf dem Ball oder, als Bjork aufgetaucht ist, doch noch etwas mehr begriffen hast, was eigentlich passiert, als ich.”

Marim überlegte gerade, im Astgespräch, das sie schon wieder führten, nun bis zur letzten Gabelung zurückzugehen, um Nurek weiterzufragen, warum sie gern verwirrte, oder an noch eine Gabel zuvor, was sie noch für ungewöhnliche Dinge mochte, als ein zartes Ping von seinem Hördevice ihm ankündigte, dass Linoschka sie anrief. Sie beide. Er drehte sich zu Nurek um, und nahm das Gespräch an, als diese nickte.

“Ich habe mich ein bisschen eingelebt.”, sagte Linoschka statt einer Begrüßung.

Sie hatte sich entschieden, in die Spielgruppe einzutreten und Bjork hatte sie direkt mitgenommen. Sie wohnte nun mit der Person, die die Koordination der Gruppe übernahm – eine andere als Bjork – zusammen in einer Herberge in Geesthaven, der Sportstadt, von der aus die meisten Fähren zu ihnen übersetzten. Sie trainierten alle gemeinsam im Nordwesten Maerdhas. Bjork wohnte auch nicht allzu weit von der Gegend entfernt. Linoschka vermisste ihre Hack-Kommune und rief oft an oder schrieb Nachrichten.

“Wir sind ein Liebesgedöns!”, unbegrüßte Nurek zurück. Sie zog das ‘ie’ besonders lang und strahlte dabei.

Linoschka gab ein glucksendes Geräusch von sich.

“Weil wir uns lieb haben.”, erklärte Nurek. “Und Liebespaar klingt irgendwie zu einschränkend, finde ich.”

Marim verschlug es ein bisschen die Sprache. Er fühlte sich in diesem Moment sehr glücklich und strich ihr über die Wange.

“Wir liegen gemütlich im Bett. Wir sind noch gar nicht aufgestanden.”, sagte Nurek.

“Ich merke das.”, erwiderte Linoschka. “Ich bin im Gemeinschaftsraum.”

Nurek schnaubte. “Ich komme gleich.”, versprach sie und kroch aus dem Bett.

Dem gemütlichsten aller Betten, wie Marim immer noch fand. Es gab eben keinen besseren Ort für ein Bett, als eine Fensternische.

Linoschka war nicht in Person da. Sie experimentierten mit einem alten EM-Anzug. Für Linoschka wurde die WG in eine Virtualität übersetzt und ein EM-Feld in der echten WG bewegte einen EM-Anzug so durch die Wohnung, wie sie in der Virtualität es tat. Sie hatten den EM-Anzug bisher noch nicht angekleidet, sodass er vielleicht etwas ulkig wirkte. Sie hatten aber einen fast gesichtsgroßen Bildschirm eines alten Faltrechners über den Kopfteil gerollt und festgeknotet, der ihr Gesicht abbildete und ihre Mimik zeigte. Es gab für solche Zwecke Masken, wenn wirklich eine Person von woanders ins quasi Outernet oder in die Augmented Reality andere Personen kopiert werden sollte. Aber es war dazu schon alles mögliche getestet worden, und da sie es nicht dringend brauchten, wäre es Ressourcenverschwendung gewesen. Sie hätten sich ja auch alle in der Kopie des Hauses in der Virtualität treffen können. Aber der wandelnde EM-Anzug, der quasi Linoschka abbildete, hatte etwas Privateres.

EM-Linoschka saß auf dem Schaukelstuhl, als sie sich angekleidet dazusetzten. Sie überlegten, Karten zu spielen. Einfach, um den EM-Anzug herauszufordern. Aber im Prinzip konnte der EM-Anzug alles, was ein gewöhnlicher Körper auch konnte. Und in der Theorie noch viel mehr, sich am Ellenbogen lecken zum Beispiel. Fast, es mangelte an einer Zunge. Dieser Anwendungsfall half niemandem. Aber es machte ziemlich viel Spaß, sich Gedanken über dieses Szenario zu machen:

Während EM-Linoschka zwar mangels Zunge nicht mit der Zunge an den Ellenbogen kam, aber sehr wohl mit der Nase, würde Linoschka in Geesthaven nicht plötzlich eine neue Anatomie bekommen, dass sie es dort auch könnte. Linoschka in Geesthaven allerdings befand sich in einer Virtualität, sodass bei der Bewegung des Ellenbogens in die Gegend der Nase der Arm in der Virtualität verkürzt dargestellt werden konnte. Solange sie sich nicht unvirtuell selbst berührte, konnte also das Berührungsgefühl zwischen ihrer Nase und ihrem Ellenbogen virtuell hergestellt werden. In Wirklichkeit würde dabei ihr Ellenbogen die virtuell dargestellte Nase und ihre Nase den virtuell dargestellten Ellenbogen berühren. So ähnlich wie, wenn zwei Personen an verschiedenen Outernet-Orten sich in einer Virtualität berührten. Im Prinzip würde es optisch auffallen, wenn die Nase auf einmal länger und die Arme auf einmal kürzer waren, sodass die Berührung auch visuell wahrgenommen werden konnte, aber es waren durch Tricks optischer Täuschung schon Personen in Virtualitäten vorübergehend davon überzeugt worden, dass sie mit der Nase an ihren Ellenbogen kommen könnten. Das war also keine sehr neue Idee. Besonders war hier, dass es ja auch EM-Linoschka gab, das Anzug-Abbild, das gewissermaßen mit Linoschka aus der verdrehten Virtualität übereinstimmte.

Sie alberten eine ganze Weile herum, was so die Vor- und Nachteile von EM-Linoschka wären und allein dafür lohnte sich der Aufbau.


Der ulkige WG-Abend war wunderschön und außerdem eine effektive Ablenkung. Nurek war in den letzten Tagen zunehmend aufgeregt gewesen. In der Nacht hatten sie sich zum Einschlafen passend zum Thema gegenseitig vorsichtig mit den Ellenbogen gestreichelt. Am folgenden Morgen brachen sie Richtung Funkenfest auf.

“Es fühlt sich an, als würde ich in eine neue Welt aufbrechen, in eine völlig neue Ordnung.”, erklärte Nurek, als sie in Fjärsholm in den Zug stiegen. Sie hatten überlegt, dass weniger Umstiege weniger stressen würden und hatten sich deshalb gegen die Fähre entschieden. “Das ist albern.”

“Es ist nicht albern.”, beruhigte Marim sie. “Es ist eine große Sache, und es kann sein, dass sich dadurch in deinen Erfahrungen etwas ändert, sodass es nicht mehr ist, wie vorher.”

“Das Gefühl ist extremer.”, widersprach Nurek.

“Dann ist das eben so.”, sagte Marim. “Gefühle sind erstmal einfach. Daran ist nichts albern. Zumindest nichts lächerlich.” Er wusste nicht, ob er die richtigen Worte fand. Nurek sagte erst einmal nichts mehr. Aber das konnte auch daran liegen, dass sie nun ihr Abteil suchten. Ein Abteil zu zweit. Das hatten sie zuvor angemeldet, als Sonderwunsch. Zur Schonung von Ressourcen waren die meisten Kapseln der Züge für mehr Personen ausgelegt, aber falls Personen ein kleines Abteil für sich brauchten, wurde das im Normalfall auf Anfrage akzeptiert, aber musste dann für die Planung je nach Strecke ein bis zwei Tage zuvor gebucht werden.

Sie verteilten ihr Gepäck auf den niedrigen Gepäckablagen neben den Sitzsesseln. Sie hatten bei der Vorherplanung ihre Größe angeben dürfen und hatten beschlossen, sie heimlich zu groß anzugeben. Deshalb hatten die Sessel nun Sitzflächen, auf denen sie beide gut ihre Beine verknoten konnten.

“Vorsicht, schlechter Wortwitz incoming.”, sagte Nurek.

Marim grinste sie an.

“Wir sind ja jetzt Fans, die fahren. Das Verfahren nennt sich dann Fanfahren.”, sagte Nurek.

Uh, der war wirklich angenehm schlecht, fand Marim. Er lachte. Und beobachtete Nureks Gesicht, das erst mitlachte und dann wieder sehr nervös wirkte.

“Du sagst wahrscheinlich wieder, es wäre nicht albern.”, sagte sie. “Aber ich gehe nun aufs Klo. Und ich war im Bahnhof doch schon. Also fühlt sich das irgendwie albern an.”

“Um dich nicht zu enttäuschen: Das ist nicht albern.”, sagte Marim und versuchte ein tröstendes oder wenigstens sanftes Lächeln.

Nurek hantierte an ihrem Gepäck, als sie losging, um eine kleine Tasche daraus mitzunehmen und als sie wiederkam, wirkte sie, als wäre ihr sehr unwohl. Sie setzte sich nicht direkt. Marim musterte sie aufmerksam.

“Ich bin inkontinent, weil ich gestresst bin.”, murmelte sie.

“Shit.”, sagte Marim. “Hast du Dinge dabei, die helfen?”

“Ich habe Stoffbinden, die eigentlich für Menstruation gedacht sind.”, berichtete Nurek. “Ich mag eigentlich überhaupt nichts, was über Unterhosen hinausgeht, an meinem Körper spüren. Ich nehme die Reize die ganze Zeit wahr. Es ist mir so unangenehm.”

Marim nickte. Aber etwas anderes fiel ihm gerade auch nicht ein, um das Problem besser zu lösen. “Shit.”, wiederholte er.

“Ich habe die Unterhose gewechselt und trage nun eine.”, sagte sie. Sie verstaute, die kleine Tasche wieder im Rucksack und setzte sich dann wieder neben ihn. “Ich falle auseinander!”, nölte sie laut und ausgiebig. Nölen half ihr manchmal.

Sie ließ ihren Körper gegen seinen fallen und er legte sanft einen Arm um sie.

“Magst du Puzzle?”, fragte sie.

Marim brauchte einen Moment, um die Frage auf ihre Klage zu beziehen und zu verstehen, warum sie nun wieder kicherte. Coping-Humor. Nurek-Humor. “Sehr gern.”, sagte er.


Zu ihrer Strategie beim WG-Abend hatte gehört, dass sie spät ins Bett gegangen waren. Dadurch war der Aufbruch anstrengender gewesen, aber wahrscheinlicher, dass Nurek auf der Fahrt schlafen können würde. Wie gut es funktionierte, konnte Marim nicht einschätzen. Nurek schlief relativ leise, aber murmelte auch immer Mal wieder etwas. Die Fahrt dauerte etwa einen Vierteltag. Manche sagten auch eher halber Halbtag. Das System, um die Daten für Feiertage sich wiederholender Feste zu bestimmen, richtete sich meistens nach Halbtagen, weil von Neumond bis Neumond relativ genau 29.5 Tage lagen. Monate hatten entsprechend mal 29 und mal 30 Tage, und in jenen Grenzfällen, wenn ein Fest in einem Jahr in einem Monat auf dem 30. Tag gewesen war, und der selbe Monat im Folgejahr aber nur 29 Tage hatte, wurde der Tag für das Fest daran festgemacht, mit welchem der Halbtage das Fest verbunden war. Aus der Tradition heraus rechneten manche Leute eher mit Halbtagen und würden entsprechend eher von einem halben Halbtag reden als von einem Vierteltag. Es gab da verschiedene Tendenzen, Regions- und Volks-abhängig.

Nurek war, ähnlich wie bei ihrem Campingausflug, über irgendwelche halbwegs gut wegsteckbaren Grenzen hinaus erschöpft, als sie ankamen. Eine Urukene empfing sie am relativ leeren Bahnhof. Sie waren früher als der Hauptstrom an Festivalbesuchenden angekommen. Der große Ork trug einen der klassischen, schwarzen Kampfanzüge, die zu Orkando gehörten, mit einem weißen Gürtel. Die anderen Farben kannte Marim nicht auswendig. Er wusste nur, dass weiß für so etwas wie eine vollständige Ausbildung stand und das Ausbildungssystem noch nie linear gewesen war. Der Ork wirkte freundlich aber auch distanziert, sprach nicht viel, und führte sie in ein Calmp zu einem Zelt. Calmp hießen die Camping-Regionen auf dem Platz, in denen Ruhe, keine zu raschen Bewegungen und wenig Licht vorgesehen war. Es standen schon Zelte. Es durften auch Zelte mitgebracht werden, aber viele Regionen waren schon vollständig mit aufgebauten Zelten ausgestattet, um Besuchende zu entlasten, für die das viel Stress bedeutete. Sie bekamen ein Zelt wie abgesprochen, nicht sehr dicht am nächsten Sanitärhäuschen, weil es viele Campende mit einem dringenderen Anliegen gab, möglichst nah an einem dran zu sein, aber mit einem schnurgeraden Weg dorthin.

Der Ork erklärte eine Sammlung Kärtchen, von denen sie eines aussuchen konnten, das in einer dafür am Zelt angebrachten Hülle dann gut zu sehen wäre. Sie konnten damit kommunizieren, ob das Zelt schon belegt war, und wie viel oder wenig Kontakt sie mit anderen wünschten, sprich, ob das Zelt privat bleiben sollte, oder “anklopfen” willkommen wäre, so gut das eben bei Zelten ging. Sie entschieden sich kaum verwunderlich dafür, nicht gestört werden zu wollen.

“Fühlt ihr euch mit Gabriane wohler?”, fragte der Ork.

Marim fiel erst jetzt auf, dass er sich überhaupt nicht vorgestellt hatte. Nurek nickte. Das, fand Marim, war ein gutes Beispiel für Kommunikation, bei der er sich gehemmt fühlte, weil er wusste, dass es zwar okay war, zuzustimmen, aber irgendwie für viele dazugehörte, etwas Relativierendes oder etwas zur Einordnung dazuzusagen, bei der Nurek aber einfach direkt war.

“Sie wird euch noch schreiben oder eine Nachricht schicken.”, sagte der Ork. “Ab heute spät abends gibt es kleine künstliche Feuer um das Securiteam-Camp herum. Geplant ist gemeinsames Essen mit Personen, die lieber kleine Runden haben, und noch keinen Anschluss. Eines davon koordiniert sie. Wenn ihr nicht zu erschöpft seid, dann ist das was für euch.”

Marim fühlte sich leicht unkomfortabel dabei, dass dieser Ork zu wissen glaubte, was gut für sie wäre. Aber gleichzeitig klang es so, als habe er recht. Und bisher war sein Eindruck der Person sympathisch gewesen. Sie war fast doppelt so groß wie er. Die Gesichtszüge verrieten, dass sie wahrscheinlich unter 20 war, vielleicht irgendwas zwischen fünfzehn und siebzehn, schätzte Marim.

“Wie viele?”, fragte Nurek.

“Acht bis zehn. Zehn ist die Grenze.”, antwortete der Ork.

“Danke.”, sagte Nurek.

Der Ork lächelte zum ersten Mal und deutete eine Verbeugung an. “Ich wünsche euch eine schöne Zeit.”, sagte er, drehte sich um und verschwand.

Marim hätte irgendwie damit gerechnet, dass er noch so etwas fragen würde, wie, ob er ihnen bei etwas Weiterem behilflich sein könnte. Aber er glaubte auch, dass es der perfekte Zeitpunkt war, nun allein zu sein. Sie wussten ausreichend, sie hatten Kontaktmöglichkeiten und Nurek wirkte, als ob sie dringend den Rückzug bräuchte. Sie krochen ins Zelt. Die Matratze war gemütlicher als die geliehene, die sie bereits wieder in Fjärsholm abgegeben hatten. Es gab einen Vorzeltbereich, wo sie ihre Rucksäcke zurückließen. Nurek wischte sich die nackten Füße ab und legte sich direkt auf die Matratze.

“Ich glaube, ich will zu diesem Kunstfeuer.”, sagte sie. “Ich mag Feuerlicht. Und ich mag nicht schon wieder die ganze Zeit halb liegen und halb schlafen, das strengt auch an. Ich glaube, so eine kleine Sache heute ist gut.”

Marim strich ihr über den Rand des Gesichts und lächelte.

“Streichelst du mir den Rücken?”, fragte Nurek.

Marim nickte.

Nurek drehte sich dazu auf den Bauch. Sie trug ein dünnes Hemd mit dünnen Trägern in hellblau mit vielen Haien darauf, aber hin und wieder dazwischen ein Narwal. Es war vielleicht noch eine Spur krasser als das Oberteil mit den Dinos und den paar Drachen dazwischen von damals aus der Virtualität, denn Drachen gab es immerhin wirklich und sie hatten eine gewisse Verwandtschaft mit Dinos. Narwale dagegen waren Fantasy-Säugetiere^[Anmerkung des Schreibfischs: In diesem Fantasy-Roman ist das so herum. In unserer Welt gibt es Narwale sehr wohl.].

“Ich bin gesprächig.”, sagte Nurek.

“Sprich so viel du willst.”, sagte Marim. “Ich mag deine Stimme.”

Nurek machte ein paar behagliche Geräusche, während er ihr über den Rücken streichelte, dann an der Wirbelsäule rieb und mit beiden Händen sachte über die Haut klopfte. “Meinst du, du schaffst es, innerhalb des Zelts kein Feuer zu spucken?”, fragte sie.

“Ich denke, das lässt sich einrichten.”, antwortete er.

“Fühlst du dich dadurch eingeschränkt?”, fragte sie.

Marim schmunzelte. “Nicht besonders.”, antwortete er.

“Magst du Tannennadeln?”, fragte Nurek.

“Sie riechen gut. Aber sie nerven manchmal unter den Füßen.”, antwortete Marim.

“Findest du Tannennadeln so insgesamt besser oder schlechter als Nähnadeln?”, fragte Nurek.

“Darf ich auch Stecknadeln mitvergleichen?”, fragte Marim

Nurek erlaubte es. Sie blieb jeweils nur kurz bei den einzelnen Themen, sprang unvorhersehbar von einem zum anderen und insgesamt war darin durchaus eine angenehme Verwirrung. Im Wesentlichen ging es ums Reden, darum die Stimme zu nutzen, und das Gehirn zu stimulieren, aber auch nicht zu doll.


Später am Abend folgten sie Gabrianes Einladung zum künstlichen Lagerfeuer. Es waren kleine, chaotisch geformte, orangerote Stoffbahnen, die von unten sachte beleuchtet wurden, sehr leicht waren und sich in einem Aufwind bewegten, der thermisch in einer dafür vorgesehenen Vorrichtung entstand. Sie hatte dazu wohl vorher den Tag über in der Sonne stehen müssen. Am beeindruckendsten war aber der Funkenflug, der auf die oben sehr durchsichtigen, dunklen Stoffenden projiziert wurde. Es war für ein unechtes Feuer beeindruckend schön.

Gabriane setzte sich reihum zu verschiedenen kleinen Grüppchen und schließlich waren sie irgendwann dran. Sie erkundigte sich, ob sie alles hatten und es ihnen so gut wie möglich ging. Es war eine gute Frage. Denn sie bemerkten dadurch, dass sie etwas Bewegungsdrang hatten und vorm Schlafengehen noch einen Spaziergang machen wollten. Sie planten gemeinsam eine Route, sodass sie ein bisschen aber auch nicht zu viel vom Festivalgelände sehen würden.

“Hast du eigentlich auch irgendwann Mal Zeit für dich, so gut, wie du dich um alle kümmerst?”, fragte Nurek.

Garbriane lächelte und nickte. “Eine meiner wichtigsten Aufgaben in der Leitung des Securiteams ist es, mir nicht zu viel zuzumuten und genügend Pausen zu machen.”, erklärte sie. “Ich habe eine Vorbildfunktion. Und ich habe die Aufgabe, Grenzen zu kommunizieren. Wenn das Funkenfest das Securiteam überlastet, dann muss das Angebot verringert werden, damit weniger Leute kommen, oder es muss das Securiteam vergrößert werden. In den letzten zehn Jahren ist die Größe des Festivals eigentlich recht stabil. Wir sind gut aufgestellt, es läuft prima. Also, abgesehen von den Barriere-Problemen bezüglich mangelnder EM-Felder, über die wir bereits sprachen.”

“Das ist gut.”, sagte Nurek. “Ich schaue mir eben allein an, was du für uns tust, und das würde mich schon über den Rand meiner Grenzen bringen.” Nurek wandte den Blick von Gabriane ab und beobachtete nachdenklich das Feuer, vielleicht etwas melancholisch. “Ich würde auch gern irgendwo helfen. Eigentlich.”

“Meine Belastungsgrenze ist überdurchschnittlich hoch. Und deine vermutlich niedriger als die der meisten Leute.”, sagte Gabriane vorsichtig. Als ob sie Angst hatte, damit negative Gefühle hervorzurufen, vermutete Marim. “Ich kann mir vorstellen, dass auch das eine Belastung ist. Helfen zu können, ist etwas Schönes, aber selbst für mich gibt es Grenzen und das fühlt sich manchmal nicht gut an. Inzwischen bin ich es gewohnter. Ich bin froh, dass du es hergeschafft hast. Ich bin nicht sicher, ob es das irgendwie besser macht, aber du machst Mut. Und wenn du gut auf dich Acht gibst, hilft das auch vielen, und zwar nicht nur aus dem Grund, den viele sofort nennen, weil dann weniger Einsätze nötig sein werden, sondern auch, weil du uns damit Erfahrungen schenkst, wie wir das Angebot verbessern und inklusiver gestalten können, sodass sich am Ende mehr Personen hertrauen. Indirekt beeinflusst du mit dem Mut, alles im Vorfeld so genau abzusprechen und zu erklären, Teilhabe für andere.”

Nurek nickte nur ein wenig, aber schwieg ansonsten, den Blick weiter ins Feuer gerichtet.

“Heißt das, ein guter Beitrag könnte sein, hinterher einen Bericht darüber zu schreiben?”, fragte Marim.

“Wenn ihr das gerne machen mögt, auf jeden Fall.”, bestätigte Gabriane.

“Hast du dich viel mit Psychologie auseinandergesetzt?”, fragte Marim. Das hatte für ihn ein bisschen aus ihrer Art, mit Nurek umzugehen, herausgeklungen.

Gabriane bestätigte und berichtete ein bisschen davon, womit sie sich auseinandergesetzt hatte, aber auf einmal war Marims Aufmerksamkeit nicht mehr in der Lage zu folgen, weil Nurek sich verabschiedet hatte, sie würde sich um Nahrung kümmern. Sie musste dazu nicht weit weg gehen. In der Nähe des Pseudofeuers in Sichtweite befand sich ein längerer Tisch mit einer Reihe Lebensmitteldruckern. Er beobachtete, wie sie einen zu bedienen anfing und ihren Taschenrechner in der Wartezeit des Druckens hervorholte. Kurz darauf hatte er eine Nachricht. Da er ohnehin nicht zuhören konnte, unterbrach er Gabriane, um die Nachricht anzusehen, weil es ihm wichtig vorkam.

Nurek: Soll ich dir was mitbringen?

Marim überlegte, dass an Lebensmitteldruckern immer das einfachste war, den Druckauftrag zu wiederholen.

Marim: Das gleiche wie du.

Nurek reagierte rasch mit einem bestätigendem Smiley. Anschließend versuchte Marim sich wieder auf das Gespräch zu fokussieren und sich angemessen für die Unterbrechung zu entschuldigen, die Gabriane aber gar nichts ausgemacht hatte. Es fiel ihm sehr schwer. Gabriane merkte es und verabschiedete sich, als Nurek wieder zurückkam.

“Ich wünschte, ich hätte bessere Worte für dich.”, sagte sie noch.

“Die Worte sind in Ordnung.”, widersprach Nurek. “Es ist mein Problem. Das musst nicht du lösen.”

Marim runzelte die Stirn. Ihm kam es nach einem seltsam unbefriedigenden Abschied vor. Gabriane war nichts anzumerken, aber ihn wühlte es auf.

Sie schwiegen, während sie aßen. Nurek aß wie immer relativ langsam aber für ihre Verhältnisse schnell. Und als sie fertig waren und das Geschirr gespült und zurückgestellt hatten, brachen sie auf.

“Können wir die Route andersherum gehen?”, fragte Nurek.

Marim stimmte zu. Sie hatten sich überlegt, auf dem Rückweg den direktesten, ruhigsten Weg von außerhalb des Festivalgeländes zu ihrem Zelt zu gehen, und auf dem Anfangsweg etwas mehr vom Gelände zu erkunden. Nun verließen sie das Gelände stattdessen rasch. Marim konnte sich vorstellen, dass sie auf dem Rückweg noch einmal umplanen und insgesamt wenig Festivalgelände sehen würden. Nurek fühlte sich aus irgendwelchen Gründen nicht gut. Im besten Fall war es einfach Überlastung und Schlaf würde helfen. Und vorher etwas Bewegung.

Sie gelangten über einen breiten Weg, der sich durch das Gelände zog, und auf dem um diese Uhrzeit noch relativ viel aber auch nicht schlimm viel los war, auf einen ausgetretenen Wanderweg durch die trockeneren Gegenden des Moors. Soweit er die Landschaft überblicken konnte, war sie sehr schön und ein Typ Landschaft, den er selten sah, aber es war schon dunkel. Abgedeckte Lichter waren im Boden montiert, sodass der Weg sachte beleuchtet war und sie sehen konnten, wo sie ihre Füße hinsetzten, aber ab Becken aufwärts und um sie herum hüllte angenehm entspannendes Dunkel den Raum.

“Wir müssen reden.”, sagte Nurek.

Marim versuchte die Panik niederzuringen, die dieser Satz in ihm auslöste. Leider war er damit nicht schnell genug. Er hatte “Oh, liegt es an mir?” gefragt, bevor er sich sortiert hatte. Als Nurek antwortete, hatte er immer noch nicht ganz ergründet, warum es ihn überhaupt panisch machte. Dann mussten sie eben reden.

“Was?”, fragte Nurek irritiert. “Also, was ist mit ‘es’ gemeint.”

“Es tut mir leid, ich habe zu schnell reagiert.”, sagte Marim. “Ich merke seit ein paar Stunden, dass du – vorsichtig gesagt – mies gelaunt bist. Oder gereizt oder angespannt. Was in Ordnung ist.”

Nurek wandte ihm für ein paar Momente schweigend den Kopf zu. “Ich bin wütend.”, teilte sie ihm mit, und so klang sie auch. Als ob sie davon noch eine Menge zurückhalten würde. “Das hast du nicht verdient. Ich will nichts an dir auslassen.”

“Dann weiß ich das jetzt. Und du kannst mich anschreien und alles, was du halt gerade brauchst.”, versprach Marim. “Wir können das hinterher alles sortieren. Mach dir gern erstmal Luft.”

Nurek nahm sich keine Luft. Marim hörte sie nicht einmal atmen. Sie blickte ihn einfach weiter an und stolperte im nächsten Augenblick über eine der am Rand des Wegs platzierten Leuchten, weil sie nicht bemerkt hatte, wie sie ausversehen nicht mehr so ganz geradeaus gelaufen war. Marim fing den Sturz ab. Er konnte sie nicht auffangen, aber er konnte sie so stützen, dass ein Ausfallschritt und in die Hocke gehen den Sturz im Wesentlichen vermied.

“Ich hasse alles!”, sagte sie schließlich, als sie wieder standen. “Du hast mich schon wieder aufgefangen. Du lässt zu, dass ich dich anschreie. Du nimmst den Weg andersrum mit mir. Du isst das Gleiche, wie ich, damit ich mich weniger um Dinge kümmern muss. Oder? Das war doch der Grund, oder?”

Sie wurde tatsächlich lauter. Und Marim war doch der Grund für die schlimmen Gefühle. Das war, wovor er Panik gehabt hatte, aber nun fühlte er sich nicht panisch. Es machte ihn nicht fertig. Zumindest nicht so sehr, dass es in irgendeinem sinnvollen Verhältnis mit der Panik stand. Das war interessant. “Ja, war es.”, sagte er niedergeschlagen.

“Und das geht so, seit wir losgefahren sind.”, sagte Nurek. Wieder ruhiger, als müsste sie dabei bleiben, damit sie den Ausdruck der Wut aufrecht erhalten könnte. “Das Fiese ist, es ist abgesprochen, das war der Plan, und ja, ich hätte es vielleicht geschafft, dir Essen zu drucken, das nicht ein Wiederholungsdruck gewesen wäre, aber ja, es hätte mich auch ein bisschen gestresst. Du kümmerst dich gut, und ohne das Kümmern könnte ich nicht. Ich hasse das.” Sie holte Luft. Sie war tatsächlich wieder lauter geworden. “Ich hasse diese Abhängigkeit. Ich hasse, mich nicht um mich selber kümmern zu können. Verstehst du?”

Marim verstand. Er nickte, und weil er sich nicht sicher war, ob sie das sah, stimmte er auch verbal zu. Er hätte sie am liebsten fest in den Arm genommen, aber er hielt sich noch davon ab. Wenn, dann sollte er vorher fragen. Und vielleicht würde sie sich nicht mehr trauen wütend zu sein, wenn er es täte, also wartete er noch ein bisschen.

“Richtig schlimm war für mich der wahrscheinlich nach außen unscheinbare Moment, als du Gabriane frugst, ob ein Bericht helfen würde.”, sagte sie.

“Weil ich ihn am Ende schreiben würde, weil du es vor dir herschieben würdest, bis es nicht passiert?”, fragte Marim.

Nurek lachte mitten in die Wut. “Ja.”, sagte sie. Sie fand aber dieses Mal genauso rasch zurück. “Weil ich ins Bedauern gerate, dass ich nicht viel beitragen kann und damit klarkommen muss. Und dann kommst du an, und verstehst überhaupt nicht, dass es darum geht, dass ich es nicht kann, sondern schlägst vor, wie du stattdessen wieder für mich beitragen kannst.”

“Das war unachtsam.”, stimmte Marim zu. “Es tut mir leid.”

“Das ist Unfug!”, rief Nurek. “Du bist mega achtsam. Die ganze Zeit. Du bist mit deiner Achtsamkeit sehr perfektionistisch. Du hast meine Wut nicht verdient.”

“Es geht nicht ums Verdienen.”, sagte Marim. “Du hast Wut. Die Wut ist verständlich. Sie muss raus. In der Wut ist auch Kritik an mir, aber vor allem an den Umständen. Das ist in Ordnung, wie du das machst.”

“Ich habe keine konkrete Kritik an dir.”, widersprach Nurek. “Ich bin das in meinem Kopf durchgegangen. Immer wieder. Was ich mir anders wünschen könnte. Wie ich dir sagen könnte, dass ich mich mit der Menge Raum und ständigem Dasein, die du mir gibst, unwohl fühle, aber in konstruktiv. Also, mit einer Idee, was du ändern könntest, sodass es mir besser ginge. Aber ich habe keine. Ich brauche dich auch. Ich habe dich derbst lieb, aber ich hasse dieses Brauchen gerade sehr.” Dieses Mal steckte weniger Energie in ihrer Wut, weil sie langsam weniger wurde, glaubte er, und nicht, weil sie Wut unterdrückte. “Deshalb wirkst du in meiner Darstellung irgendwie wie die Ursache der Wut, bist sie aber nicht. Du verhältst dich ungefähr bestmöglich, du hast nicht viel Spielraum.”

“Wenn wir versuchen, den Spielraum auszureizen, ist das dann produktiv, weil wir vielleicht erreichen können, dass du dich eine Spur wohler fühlst, oder kontraproduktiv, weil wir darüber reden, was ich noch besser für dich machen kann?”

“Letzteres.”, sagte Nurek.

“Trotzdem ein Vorschlag, nicht genau in die Richtung, aber vielleicht mit Zusammenhang zum Thema, wenn du magst?”, fragte Marim vorsichtig.

“Okay.”, sagte Nurek.

“Wir hatten über einen langen Zeitraum abgesprochen, was du alles brauchst. Wir haben herausgefunden, dass ich kaum etwas, was dir dieses Gefühl gibt, abhängig zu sein, reduzieren kann.”, leitete er ein. “Und zugleich hast du das Bedürfnis nach mehr Eigenverantwortung oder Eigenständigkeit. Würde es dir helfen, wenn du mehr Zeit ohne mich verbringst? Soll ich dich quasi manchmal irgendwo abgeben und hinterher wieder einsammeln? Sodass du mich in der Zeit nicht um dich herumwuseln hast, aber trotzdem die Sicherheit, dass du an dem jeweiligen Ort zurechtkommst, und mich später wieder hast?”, fragte Marim. “Vielleicht weniger ein Ansatz um mit dem Problem selbst umzugehen, aber vielleicht hilft es, wenn du dann mehr Raum hast.”

Marim fühlte sich nicht so wohl mit der Frage. Er hatte solche in der Vergangenheit mit Nurek zu stellen gelernt. Anfangs war es ihm sehr schwergefallen. In der Frage steckte die Abhängigkeit, über die sie sprachen, implizit drin. Sie mochten sie ja beide nicht. Aber es ging nun mal nicht anders und war der Preis für Teilhabe.

Nurek schüttelte den Kopf, was Marim nur gerade so in der Dunkelheit ausmachen konnte. “Manchmal frage ich mich, ob wir zu sehr aneinanderkletten. Aber ich habe hier auf diesem Festival definitiv das Bedürfnis dazu. Ich habe höchstens Angst, dich einzuschränken.”

“Tust du nicht.”, sagte Marim. “Ich genieße jeden Moment mit dir. Selbst die Wut. Sie hat mir Angst gemacht am Anfang, aber nun auch erleichtert.” Er fragte sich, warum. Wie er es Nurek begründen konnte. Aber so richtig klar war es ihm nicht. Es erklärte, was los gewesen war, aber besser wäre doch eigentlich gewesen, wenn kein Problem vorgelegen hätte.


Auf dem Rückweg nahmen sie doch den längeren Weg über das Festival-Gelände, den sie eigentlich für den Hinweg geplant hatten. Es war noch relativ ruhig. Sie waren ja schließlich früh angereist. Es gab einen Bereich des Camps mit Holzhütten. Einige Bauten waren noch nicht abgeschlossen und die zukünftigen Wände lagen noch auf dem Boden rum, Werkbänke mit Werkzeugen daneben. Sie beobachteten einige Personen, die dabei waren, Zelte oder Wände mit LED-Lichtern zu überspannen, auf die sie verschiedene Lichtmuster spielten. Sie faszinierten, taten Marim aber auch in den Augen weh. Nurek hielt ihn bei einem nicht so grellen Häuschen auf. Es war schon fertig eingerichtet und über der Tür stand AG Betriebssysteme.

“Das ist der Verein, aus dem auch die Band Die Fenster stammt, eine Art Rechner- und Technik-Vintage-Verein. Kennst du den?”, fragte Nurek.

“Ich habe davon gehört.”, sagte Marim. “Die Fenster spielen hier auch, oder?”

“Oh, das war mir nicht klar!”, rief Nurek. Sie hopste ein paar Mal auf der Stelle und ihre Hände wanderten als Ausdruck von Freude an ihr Gesicht. “Wollen wir auch das Konzert ansehen?”

Marim musste breit grinsen. “Gern!”, sagte er.

“Ich würde gern jetzt noch einen Blick ins Museum werfen.”, sagte sie. “Wenn es sich um eines handelt. Zumindest schrieb Rosa Pride-Away, dass die Räume der AG Betriebssysteme ein bisschen wie ein interaktives Museum sind. Magst du?”

Marim nickte. “Auch das gern.”, sagte er.

“Was würdest du tun, wenn ich nicht da wäre?”, fragte Nurek. Ein Teil der Niedergeschlagenheit von vorhin kehrte dabei zurück in ihre Stimmung.

“Ich wäre daran vorbeigegangen, ohne zu merken, dass es neben mir steht.”, sagte Marim. “Vielleicht würdest du oder eine andere Person mir morgen davon erzählen und ich würde denken: ‘Cooles Museum, das möchte ich mir ansehen. Ich muss morgen mal daran denken, danach zu schauen, wenn ich da lang spaziere.’ Aber wenn ich dann am nächsten Abend wieder hier lang käme, wäre ich so sehr in meinem Headspace bei irgendeinem wunderschönen Problem – zum Beispiel bei meiner Studie und einem Virtualitäts-Design –, dass ich nicht einmal so richtig verstehen würde, dass ich eigentlich gerade gehe oder auch nur eine physikalische Repräsentation auf dieser Welt habe. Ich würde im Zelt ankommen und nicht wissen, dass ich gerade schon wieder am Museum vorbeigelaufen bin. Irgendwann mitten in der Nacht würde ich dann vielleicht kurz aus dem Schlaf fahren und denken, ich sollte mir eine Notiz oder so machen. Aber ich würde es die ganze Zeit hier nicht hinkriegen, den Weg so aufmerksam zu gehen, dass ich nicht vorbeilaufe. Einfach weil mein primäres Ziel Schabernakel ist, und das Museum ein Nebenplan. Vielleicht käme ich soweit, im Nachhinein eine Idee zu haben, welches der Bilder meiner Umgebung, die ich in dem Moment aufgenommen aber nicht verarbeitet habe, das Museum hätte sein können.” Marim pausierte seinen Frustmonolog nur einen kurzen Moment, holte nicht einmal ausgiebig Luft. “Im Nachhinein würde ich mir denken: ‘Nun ja, wieder einmal eine Gelegenheit verpasst. Eigentlich so vier bis fünf. Was soll’s.’ Aber eigentlich auch nur, weil ich es nicht ändern kann. Ich bin dann etwas resigniert. Und wünschte mir irgendwie doch, hineingegangen zu sein.”

“Komm mit!”, sagte Nurek einfach lächelnd. Sie hielt ihm die Hand hin, und er nahm sie an. Sie war weich und eigentlich viel zu warm, aber fühlte sich tröstend an, und als hätte sich wieder etwas zurechtsortiert.