Futur II

\Beitext{Nurek}

“Manchmal sind Beziehungen besonders gut, weil Dinge darin nicht passieren und auch nie passiert sein werden.”, sagte Nurek.

“Futur II?”, fragte Marim. “Warum ausgerechnet Futur II?”

“Ich hatte Lust dazu.”, sagte Nurek schlicht.

“Verständlich.”, überlegte Marim. “Du wirst dir dazu schon deine Gedanken gemacht haben.”

Nurek schnaubte belustigt und blickte aus der geschlossenen Terrassentür. Eine dünne feine Schneeschicht bedeckte das Gras, das aber noch hindurchschaute, sodass es Chancen hatte, Marim nicht zu sehr zu blenden.

“Was ist denn freundlicherweise nicht passiert?”, fragte Marim. “Und wovon glaubst du, dass es auch in Zukunft nicht passiert sein wird?”

“So ein simpler Umstand, dass du mich einfach nie gefragt hast, ob ich dich nicht vielleicht doch küssen wollen würde.”, war das erste, was Nurek einfiel. Eigentlich hätte sie gern ein besseres Beispiel gehabt, aber ihr würde keins einfallen, solange dieses noch nicht ausgesprochen war.

Marim blickte sie verwirrt an. “Warum sollte ich das fragen?”

“Es ist einfach schon zwei Mal passiert, dass ich nach einem Monat, im anderen Fall zwei Tagen Beziehung das nochmal gefragt worden bin.”, sagte Nurek. “Das waren beides nicht sehr langfristige Beziehungen. Die mit dir ist nun meine längste.”

“Ich fände es übrigens angenehm, wenn wir nicht versuchten, zu sagen, dass die Beziehung für immer halten würde.”, sagte Marim.

“Dann passiert das nicht.”, sagte Nurek. “Sowas lässt sich für mich einfach auch nie absehen. Wir werden in einer Beziehungskrise schon rausfinden, was wir einsetzen wollen, um sie zu halten, oder ob sie dann eben auch einfach fällig ist.”

“Danke.”, sagte Marim lächelnd. “Ich bin dann wohl froh, dass so ein Ewigkeits-Versprechen nicht passiert.”

Marim war gerade zwei Wochen weg gewesen, mit seinem Herzwesen Anuka. Unter anderem hatten sie das ForKaos besucht, einen riesigen Hackkongress in Fork, dem größten Maerdhas. Nurek hatte im Prinzip auch Interesse, jenen mal zu besuchen, aber sie war immer noch ausgelaugt vom Funkenfest und hatte das Gefühl, es wäre besser, das zu tun, wenn sie wieder mehr Energie hätte. Nächstes Jahr vielleicht. Der Kongress war allerdings ein Hybridkongress. In ähnlicher Weise, wie Linoschka sie als EM-Anzug besucht hatte, konnten Personen den Kongress remote besuchen, also, von zu Hause aus. Und auch in einer weniger Körper-repräsentativen Form, zum Beispiel als kleiner Roboter auf Rollen, und in begrenztem Maße waren Drohnen okay. Das hatte sie an einem der Tage ausprobiert, aber nicht lange, weil auch das sie stresste. Sie hatte auch einfach die Zeit für sich genossen. Und nun war sie froh, dass Marim wieder da war.

“Ich finde außerdem schön, dass Eifersuchtsdrama nie passiert sein wird.”, fügte Marim hinzu. “Eigentlich war mir das von Anfang an klar, dass es unwahrscheinlich ist, aber zwischendurch hatte ich ein bisschen Angst, dass meine Art Freiheit dir doch unangenehm sein könnte. Ich hätte dann auch was daran geschraubt. Du bist mir wichtig. Aber es war nie nötig.”

Nurek lächelte. Sie saßen sich gegenüber, jeweils in gemütlichen Sitzmöbeln. Nurek hatte Lust, die Kerze zwischen ihnen anzuzünden. Also tat sie es.

“Ich fand von so vielen Schwierigkeiten schön, dass sie nicht passiert sind.”, sagte Nurek. “Dass meine Art zu kommunizieren nie zu schlimmen Konflikten geführt hat.”

“Deine Art zu kommunizieren ist sehr klar.”, sagte Marim. “Aber ich verstehe, was du meinst.”

“Ich mag, dass du mich immer ernst genommen hast.”, sagte Nurek. “Seltsamerweise passt das für mich auch ins Muster, dass etwas nicht passiert. Ich konnte ohne Angst sagen, als ich inkontinent war zum Beispiel. Angst vor Reaktionen und Dingen, die bei dir eben nicht passieren.”

“Ich würde dich in den Arm nehmen, es sein denn, du willst, dass es nicht passiert.”, antwortete Marim und lächelte.

“Du hast mich wohl schon wieder lieb.”, stellte Nurek ebenso lächelnd fest. Aber sie kam nicht um den Tisch herum und die ausbleibende Kommunikation vermittelte ausreichend, dass Umarmung gerade nicht dran war.

“Ich würde mich gern wieder mehr meiner Studie widmen.”, sagte Marim. “Das ist in letzter Zeit nicht passiert, und das ist in Ordnung. Ich hatte auch keinen Kopf dafür. Aber nun würde ich gern wieder mehr.”

“Ich habe mir auch eine Studie ausgedacht. Aber ich weiß nicht so genau, ob ich fähig bin, sowas durchzuziehen.”, sagte Nurek.

“Ist anfangen, und dann eventuell ein ewig unbeendetes Projekt haben, eine Option?”, fragte Marim.

Nurek grinste. “Davon habe ich sehr viele. Und ich glaube, es ist eine Option. Aber ich glaube, ich würde gern vorher einigermaßen festlegen, wie wichtig mir Durchziehen wäre. Ob ich mich einfach treiben lasse, oder ob ich mir das doch etwas fester vornehme, sodass ich mich auch über kleinere Hürden pushe.”

“Worum geht es denn?”, fragte Marim.

Diese Neugierde, mit der er fragte, fühlte sich wunderschön an. Nurek kam aus dem Grinsen nicht mehr raus. “Empathie-Virtualitäten.”, sagte sie. “Stell dir vor, du wärest eine Hummel und fliegst dauernd gegen Fensterscheiben. Wie kannst du einer Person dieses Gefühl, das du dabei hast, näher bringen.”, leitete sie ein. “Ich dachte dabei an eine Virtualität, in der du automatisch sehr schnell vorankommst, auch wenn du nur vorsichtig gehst, und überall sind unsichtbare Wände.”

Marim schmunzelte. “Ich mag die Idee. Das Beispiel ist witzig. Wollen wir das basteln?”, fragte er. Und fügte leiser murmelnd hinzu: “Macht es dir was aus, dass du nicht die erste Person mit der Idee bist?”

“Ich weiß, dass so etwas nicht wenig erforscht ist.”, ging Nurek auf die zweite Frage ein. “Daher ist das auch nicht meine Studienidee. Sondern als Vorbereitung dafür gedacht. Ich fände eine Meta-Studie spannend: Ich würde Personen fragen, deren Lebensrealität eine andere ist als die der meisten, wie sie in Virtualitäten diese für andere am ehesten nachempfindbar machen würden. Dann hinterher erforschen, wie das klappt, um herauszufinden, ob es Konzepte gibt, die übertragbar sind. Und vielleicht auch, ob diese Virtualitäten wiederum abhängig vom Publikum verschieden sein sollten, je nachdem in was eben jene sich mit ihrer Lebensrealität hineinfühlen können.”

“Uh, das ist komplex.”, sagte Marim. “Aber unglaublich spannend. Und so hilfreich!”

“Ich überlege, das Projekt mit anderen zusammen zu machen.”, sagte Nurek. “Mit Leuten, die ebenso dafür brennen würden, und es weitermachen würden, sollte ich aussteigen.”

“Dachtest du dabei an mich?”, fragte Marim. “Es ist okay, wenn nicht.”

“Ich habe da länger drüber nachgedacht.”, antwortete Nurek wahrheitsgemäß. “Und ich hätte dich unglaublich gern dabei, wenn du das magst. Ich kann mir vorstellen, dass dir ein Projekt auch reicht, das musst du wissen. Aber mir wäre es lieb, wenn mein Projekt nicht zu zweit mit dir ist, sondern dann auch noch andere dabei sind.”

“Finde ich auch gut. Auch gerade, weil ich gern mein Projekt als Hauptprojekt behalten mag.”, sagte Marim.

“Wir sind uns zu einig.”, murrte Nurek kichernd. “Themenwechsel. Hast du Lust, eine Runde bergauf zu schwimmen?”

“Wie meinen?”, fragte Marim.

“Ich hatte schon eine Virtualität und habe mich immer gefragt, ob ich noch eine haben darf.”, sagte Nurek. “Aber im Zweifel ist die dann einfach nicht für die Studie. Ich würde gern einen See haben, der so um 30% gekippt ist. Die Schwerkraft fürs Wasser soll eine andere sein, als die für mich, sodass ich durch ein nicht fließendes Gewässer bergauf schwimme.”

Marim grinste. “Du bist so großartig! Das machen wir!”


Sie vermisste Linoschka und Linoschka sie. Das fühlte Nurek später am Tag intensiv. Marim und sie hatten außer der Schwimmvirtualität auch noch eine mit einem unterirdischen Kanalsystem gebastelt, in dem die Wände aus Sternenhimmel bestanden und sie sich fast lautlos mit einem Boot hindurchbewegen konnten. Als sie genug davon hatten, hatte sich Marim zu einem Spaziergang aufgemacht und Nurek war allein im derzeit leeren Haus geblieben. Mø, Tjaren und Ivaness unternahmen einen Ausflug zu einer Ausstellung und würden heute Abend wiederkommen. Linoschka war am Ehrenberg-Internat, Nureks alter Schule. Es war eine große Schule, die außerdem traditionell ein großes Neujahrsfest ausrichtete, das zumindest in Teilen einen Hackkongress-Charakter hatte. Linoschka hatte von Lockpicking erzählt – Schlösser knacken –, von RoboCups, wo sich kleine, möglichst simpel kreierte Roboter versuchten, von Tischen zu schubsen, allerlei Wettbewerben in Geschicklichkeitsspielen, aber auch viel künstlerischem Angebot. Vom Ehrenberg-Internat nahm eine Spielgruppe am Spiel teil. Deshalb gab es unter den Vorstellungen dieses Mal auch einiges, was mit dem Spiel zusammenhing. In dem Rahmen bot Linoschka zusammen mit Bjork einen Workshop an. Das war schon länger geplant. Linoschka war aufgeregt. Aber wahrscheinlich würde sie deshalb Neujahr nicht in der WG sein, und das war das erste Mal, seit sie die Tradition eingeführt hatten.

Linoschka hatte außerdem Liebeskummer. Sie hatte sich ausversehen in Ærenik verliebt. Ærenik hatte ihr, als sich Linoschka getraut hatte, das anzusprechen, allerdings gesagt, dass sie auch aromantisch wäre, und auch an dieser Art Beziehungen kein Interesse hatte. Durchaus einfühlsam, hatte Linoschka versichert. Und sie machten immer noch gelegentlich Fesselspiele. Aber Linoschka fühlte sich deshalb im Moment sehr traurig und wäre gern in Nureks Nähe gewesen.

Nurek ging langsam durchs Haus. Vielleicht hätte es rastlos gewirkt, aber es war ja keine Person da, auf die sie irgendwie hätte wirken können. Sie war eher ruhig. Sie genoss den Raum, für sich zu sein, sich selbst wahrzunehmen. Sie wollte am liebsten etwas sortieren. Perlen zum Beispiel. Aber sie besaß keine eigenen. Sie spazierte durch den Garten und fegte die Terrasse, nicht, um sie gefegt zu haben, sondern fürs Fegen, bis sie sehr gründlich schneefrei war. Die Minze war auch etwas von Schnee bedeckt. Nächstes Jahr würde sie sicher auch neu wachsen.

Schließlich legte sie sich auf eine Kuscheldecke in den Gemeinschaftsraum aufs Sofa und las sich erste Grundlagen an, wie Studien sinnvoll angegangen würden.

Sie wachte davon auf, dass Marim die Haustür wieder öffnete. Es war schöner Schlaf gewesen, aber nun wieder wach zu sein, war auch schön. Nurek mochte die Stimmung kurz vor Neujahr. Wenn alles kalt war, Kuscheldecken gemütlich. Und wenn Marim besonders weiche Ringelstrümpfe trug. Sie musste grinsen bei dem Gedanken.

Sie hörte, wie Marim die Jacke weghängte. Es war eine Multifunktionsjacke. Marim hatte immer noch so wenige Dinge, dass er innerhalb eines Tages hätte beschließen können, komplett auszuziehen. Zumindest, wenn er keine Kopfschmerzen hatte.

Marim schaute zu ihr aufs Sofa. Nurek vermutete, dass er sich auf sein Zimmer verziehen würde, wenn sie nicht zu erkennen gab, dass sie wach wäre und Gesellschaft mochte. “Hast du mir einen Schnürsenkel mitgebracht?”, war das erste, was ihr Gehirn an Worten bildete. ‘Schnürsenkel’ war auch einfach ein sehr gutes Wort.

“Nein.”, antwortete Marim. Die Stimme klang warm und nur minimal verwirrt. Er war sie wohl einfach zu sehr gewöhnt.

“Das verstehe ich.”, antwortete Nurek. “Hätte ich auch nicht.”

Wie erwartet betrat Marim den Gemeinschaftsraum. Nurek rückte auf dem Sofa etwas zur Seite, also legte er sich dazu.

“Du bist so angenehm kalt.”, murmelte Nurek behaglich.


Am Abend trafen sie Linoschka in einer Virtualität. Sie nahmen dazu Nureks dunklen Säulen- und Bögenbau, der ein Stückweit unter unrealistischem Wasser stand. Marim hatte der Virtualität vor einer Weile einen Schwarm winziger Enten hinzugefügt, nur etwa so groß, wie ihre großen Zehen. Sie waren unaufdringlich und leise, schwammen mal hier hin und mal dahin und waren unbeschreiblich niedlich.

“Morgen ist der Workshop.”, sagte Linoschka. “Bjork erwartet, dass die Spielgruppe auftaucht, die in sein Zuhause eingebrochen ist, um dort zu verwanzen. Das macht mich einfach immer noch wütend.”

“Uffz ja!”, stimmte Nurek zu.

Linoschka hatte davon kürzlich erzählt: Zum Spiel gehörte es durchaus dazu, wenn sich Teilnehmende über den Weg liefen, dass sie sich gegenseitig ausspionierten und dazu vielleicht sogar Wanzen benutzten. Teils wurden auch die oft speziell fürs Training selbst errichteten Stützpunkte überwacht oder verwanzt, – weil es als Spielelement im Vorfeld zur eigentlichen Phase durchaus Spaß machen konnte. Als Stützpunkt konnte eine verlassene Hütte irgendwo in der Botanik dienen, oder etwas komplett selbst Gebautes. Aber Linoschka war sich mit vielen einig, dass Privathaushalte zu verwanzen zu weit ging. Vor allem, wenn darin noch andere Personen lebten, die nicht teilnahmen, und zwar unabhängig davon, ob die Wanzen so eingestellt werden konnten, dass sie Nicht-Teilnehmende gar nicht abhörten, oder nicht. Das war privat.

Sie hatten wegen des Vorfalls einmal sehr gründlich in ihrer Hack-Kommune nach Wanzen gesucht, aber keine gefunden.

“Jedenfalls bin ich sehr aufgeregt.”, sagte Linoschka. “Und ich glaube, danach fahre ich doch wieder zu euch.”

“Juhu!”, rief Marim.

Nurek grinste.

“Marim, ich habe da nochmal eine Frage.”, sagte Linoschka.

“Sprich!”, forderte Marim sie auf.

“Darf ich auch an deiner Studie teilnehmen?”, fragte Linoschka.

Marim lachte auf. “Aber natürlich! Ich würde mich riesig freuen!”

“Diese Virtualität hat mich inspiriert. Und der Segelausflug nach Geesthaven, als ich euch abgeholt habe. Und Träume.”, sagte Linoschka. “Ich träume manchmal von Naturkatastrophen. Vor allem Überflutungen. Aber in den Träumen sind sie nicht bedrohlich, sondern wunderschön.”, berichtete Linoschka. “Ich bin dann im oberen Stockwerk von Häusern und bis unterhalb des Balkons ist Wasser, Sturm peitscht und Wellen schlagen ans Haus. Ich finde es unbeschreiblich ästhetisch. Können wir das mal nachbauen?”

“Wow, das ist schön.”, sagte Nurek. “Oder auch Explosionen. Ich mag die Vergänglichkeit in den Bildern. Ich mag die Bilder und schäme mich manchmal dafür.”

“Genau, ich auch.”, stimmte Linoschka zu. “Die Bilder fühlen sich so entlastend und erlösend an. Aber es wäre gut, wenn das nicht passiert.”