Biologismus in der Fantastik

Content Notes: Biologismus, Genitalien, Erwähnung von Operation und Dysphorie

Aufrufe zur Repräsentation nicht-binärer Charaktere

Es gibt sie, diese offenen Briefe, Ausrufe oder Wünsche von nicht-binären Menschen nach Repräsentation bezüglich nicht-binärer Charaktere. Zum Beispiel auf alpakawolken.de/offener-brief-nb gibt es einen. Es gibt Schreibende, die diesem Wunsch nachkommen wollen. Und generell bin ich froh darüber.

Und dann lese ich die ersten Vorschläge, zum Beispiel auf Twitter oder in Gesprächen. Manche davon treffen mich und ich möchte erklären, warum.

Das Ziel verfehlende Umsetzungsversuche

Beispielsweise beginnt ein entsprechender Tweet mit: Ich habe eine Fantasyspezies/-art entworfen,
  • bei der es ein drittes Geschlecht gibt. Sie brauchen dann drei Personen zum Fortpflanzen.
  • die humanoid ist, aber sie haben im Prinzip kein Geschlecht, weil sie sich allein fortpflanzen können.
  • die genderfluid ist, also ihr Geschlecht wechseln kann. So wie Clownfische können sie sich transformieren.
Gegebenenfalls mit Zusätzen wie:
  • Deshalb nutzen Menschen für sie alle das Neopronomen 'sey'.
  • Bei diesen Wesen ändert sich das Pronomen je nachdem, welches Genital sie gerade haben.

Die Problematik durch Wiederverwendung der Label in diesem Kontext

Und ja, an sich sind das interessante Ideen, gegen die ich grundsätzlich nichts einzuwenden habe. Schon allerdings mit dem Wiederverwenden von Labeln und Begriffen wie "Neopronomen" und "genderfluid" in dem Zusammenhang.

  • Das Label "genderfluid" bezieht sich mit "gender" nicht auf Körperveränderungen, sondern auf die Änderung der Geschlechtsidentität/des Geschlechts.
  • Pronomina, vor allem Neopronimina, wählen nicht andere für einen wegen des Körpers (nun, sie tun es doch, aber das ist eben nicht okay), sondern Personen benennen die ihren, weil sie sich mit ihnen am wohlsten fühlen.
  • Biologistische Argumente für die Verwendung von geschlechtsbezogenen Sprachelementen wie Pronomina, also Geschlecht im sozialen und Identitätskontext, reproduziert die selben Argumente auch in unserer Welt. Menschen kommen nicht davon weg zu denken, meine Organe/Gene/Hormone bestimmten mein Geschlecht oder mein Pronomen.

Die Problematik der Unsichtbarkeit

Es handelt sich hierbei außerdem nicht um Repräsentation. Der Gedanke dahinter, dass es das wäre, ist wie ein Schlag, tut weh. Weil es im Wesentlichen wieder sagt: Dich gibt es nicht.

Ich bin nicht-binär. Ich, ein Mensch, unwillingly asigned female at birth. Ja, ich habe Geschlechtsdysphorie auf meinen Körper bezogen und werde voraussichtlich eine geschlechtsangleichende OP anstreben. Nein, es ist nicht zwingend, dass nicht-binäre, inter* oder trans* Menschen Dysphorie ihres Körpers wegen haben. Es muss keine Fantasiespezies/-art geschaffen werden, die mich repräsentiert. Wenn die Notwendigkeit gesehen wird, das zu tun, um mich zu repräsentieren, ist es eben genau die Aussage: Mich gibt es nicht. Damit will ich nicht sagen, dass keine Fantasyart/-spezies wie oben beschrieben geschaffen werden dürfe, oder dass ich unzufrieden damit wäre, dass ein Wesen dieser Spezies/Art nicht-binär wäre. Aber die Notwendigkeit der Schaffung einer neuen Spezies besteht dafür nicht. Die Krönung ist dann so etwas wie: "Im Gegensatz dazu, wie es bei Menschen ist, gibt es in dieser Art nicht-binäre Wesen".

Wünsche/Fazit

Was ich mir bezüglich Repräsentation nicht-binärer Charaktere in Romanen wünsche:
  • Dass Geschlecht nicht auf Genitalien zurückgeführt wird. Es darf da, wie bei Menschen, gern Korrelationen geben. Auch Abweichungen, andere Modelle, andere Korrelationen. Aber nicht den kausalen Zusammenhang, jenes Gen/Genital oder jene Fortpflanzungsmethode bestimmt, dass das Geschlecht nicht-binär wäre.
  • Zum Beispiel könnte es eine Spezies geben, bei der sich die Genitalien ändern (warum und wann auch immer das zu wissen wichtig ist, sollte auch begründet werden), und die Geschlechtsidentität/das Geschlecht könnte bei einzelnen Individuen dieser Spezies bei den meisten konstant sein.
  • Ich fände es überhaupt cool, wenn die beiden Themen voneinander mehr entkoppelt wären: Dass die Körperteile/Organe/Fortpflanzungsart weitgehend getrennt von Geschlechterthemen betrachtet würden. Außer, es wird zum Beispiel im Werk über Korrelationen oder cis-Sexismus gesprochen.
  • Und bitte: Nennt diese Überlegungen zu Spezies, bei denen die Fortpflanzungsbiologie eine andere ist, als bei Menschen, nicht Repräsentation nicht-binärer Charaktere. Eignet euch nicht die Begriffe nicht-binärer, trans* und inter* Menschen dafür an, über Fortpflanzungsbiologie von Fantasyarten zu schreiben.

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