Binäre Geschlechtszuweisungen, überall

Hörfassung: GeschlechtszuweisungenUeberall.mp3

Content Notes: dya-cis-Sexismus, Biologismus, Transfeindlichkeit, binäre Denkweise, Interfeindlichkeit, Misgendern, Genitalien

Rosa-Hellblau

Uns (allen?) hat unsere Umwelt beigebracht, dass es männlich und weiblich gibt, sonst nichts oder "Sonderfälle". Wir wurden so sozialisiert, dass wir für andere entscheiden müssten, welches dieser Geschlechter sie hätten, und unser Handeln auf diese Entscheidungen abstimmen sollen. Den meisten von uns ist klar, dass das an irgendeiner Stelle zu weit geht. Etwa, wenn wir Jungen nur noch blau und Mädchen nur noch rosa kleiden. Dass aber auch schon das Zuordnen eines (binären) Geschlechts bei Neugeborenen trans- und interfeindlich ist, und wie weitreichend das schadet, ist vielen nicht bewusst. Dieser Artikel stellt viele Stellen vor, an denen in unserer Gesellschaft unhinterfragt Geschlechter zugeordnet werden, und soll eine Hilfestellung bieten, das binäre, dya-cis-sexistische Modell zu verstehen und zu dekonstruieren, sodass wir gewaltfreier leben können.

Eine häufige Definition für trans

Den meisten ist nicht klar, an wie vielen Stellen sie aber ständig weiterhin Geschlechter zuordnen und ihr Handeln danach ausrichten, und dass das schlecht ist. Nicht ohne Grund ist eine der häufigsten Definitionen des Adjektivs "trans": Eine Person ist trans, wenn ihr Geschlecht nicht zu jederzeit, nicht ausschließlich oder nicht vollständig mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Es gibt auch zu dieser Definition Kritik, kurzgefasst, weil hier etwa kulturelle Geschlechter nicht gut abgedeckt sind und die Definition auf einem System aufbaut, das solche Zuweisungen tut. Es gibt Kulturen, in denen mehr Geschlechter zum System gehören. Wie definieren wir trans, wenn wir das System geändert haben? Aber das sind Fragen für einen anderen Artikel und am besten nicht von mir, einer weißen Person.

Neugeborene Kinder

Jedenfalls ist dieses Zuweisen eine Form von Gewalt. Und trotzdem erlebe ich als Person, die öffentlich trans ist, und die darüber geredet hat, was es bedeutet, immer wieder, wie das erste, über was Menschen in meinem Umfeld über ein neugeborenes Kind reden, dessen Geschlecht ist, oder in Wirklichkeit eben viel eher, wie die Genitalien des Kindes aussehen. Wie oft sprecht ihr das an? Wie oft führt ihr diese unangenehmen Gespräche: Hey, ich freue mich ja über das neue Leben, aber habt ihr Mal überlegt, wie Mist das a) für das Kind ist, wenn es trans ist, nun ein Geschlecht zugewiesen bekommen zu haben, oder sich b) trans Menschen fühlen, die daneben stehen? Ich frage mich oft, ob Leuten bewusst ist, was für eine Geschichte ich hinter mir habe, weil mir ein Geschlecht zugewiesen worden ist, das nicht passte.

Wie da ein optimaler Weg ist, sich in einer binär-dya-cis-sexistischen Welt zu bewegen, in der so etwas wie Namen geben und Pronomen zuordnen erwartet wird, will ich hier nicht beantworten. Ich wehre mich hier aber definitiv dagegen, mit welcher Priorität diese Zuordnung stattfindet. Auf die Frage "Ist es ein Junge oder ein Mädchen?" zu antworten "Weiß ich nicht und die Frage in der Form ist trans- und interfeindlich." oder etwas Sinngemäßes, sollte aus meiner Sicht für viel mehr Menschen eine Option sein.

Alltag draußen auf der Straße

Wenn ich an einer Straße nach links und rechts gucke, kommt es gar nicht so selten vor, dass eine erwachsene Person neben mir ein Kind neben sich auffordert: "Guck nach links und rechts, wie die Frau". Und wieder hat mir jemand ein Geschlecht zugewiesen. Das passiert dauernd und überall. Ich wünschte, ich könnte dem entkommen, dass ich Leute erst über mich aufklären muss, bevor sie mich vielleicht nicht mehr misgendern. Es ist für Menschen so ungewohnt, dass sie es auch oft nach einem Hinweis nicht hinbekommen, es zu lassen. Dabei geht es mir nicht einmal einfach um Worte. Umgewöhnung von Vokabular ist schon etwas, was bei manchen eben Zeit braucht. Aber das Vokabular wäre für mich sekundär, wenn ich nicht trotz geändertem Vokabular ständig weiterhin mit dem Konzept von 'Frau' oder 'Mann' verknüpft würde, das Leute haben.

Übergriffige Bitten statt Dekonstruktion

Das geht so weit, dass mich Leute bitten, mir einen neutralen Namen auszusuchen, ein neutrales Pronomen, oder sie mich fragen, ob ich mir mal Gedanken über eine Kurzhaarfrisur gemacht hätte, damit sie es irgendwo dran erkennen könnten. Viele Menschen möchten ihrem Bedürfnis nachkommen, irgendwie doch von außen ein Geschlecht zuweisen zu können oder zu dürfen. Ich werde gefragt, warum ich ein Kleid trage, obwohl ich doch keine Frau bin. Ich trage genau deswegen selten Kleider, weil es zu mehr Misgendern führt, nicht weil ich keine Kleider tragen wollte. (Ich bezweifle übrigens, dass ich etwas tun kann, was bewirkt, dass ich von einer für mich fühlbar breiten Masse als nicht-binär gelesen würde. Nicht einmal, wenn ich es in großen, leuchtenden Buchstaben auf mich draufschriebe.) Aber Fakt ist: Alle Menschen, aber insbesondere auch trans, inter* oder nicht-binäre Menschen sind niemandem schuldig, irgendwie zu heißen, irgendwie auszusehen, oder sonst etwas. Für die Gewalt der Geschlechtszuweisung durch andere gibt es keine Begründung, die sie weniger gewaltvoll macht. (Klar, kann sie ausversehen passieren, weil wir alle eben dya-cis-Sexismus internalisiert haben. Ich bin meistens nicht böse, sonst wäre ich mit nichts anderem beschäftigt, als böse zu sein. Es bleibt trotzdem Gewalt). Ganz im Gegenteil: Jede Begründung in dieser Richtung manifestiert das System.

Der Hund von nebenan

Und bei Menschen hört das Zuweisen von Geschlechtern nicht auf. Es gibt nicht selten diese Situation, in der Menschen ihre Anstrengung über das Lernen neuer Pronomen unmütig zum Ausdruck bringen (selbst, wenn es sich um 'er' oder 'sie' handelt), die sich zig Mal entschuldigen, wenn sie den Hund von nebenan misgendert haben und die Hundegenitalien nicht in der verwendeten Sprache indirekt abgebildet haben. Das Anerkennen von Geschlechtern erscheint in der Gesellschaft so viel einfacher und naheliegender, wenn es irgendeine scheinbar biologische Begründung dafür gibt, als wenn es um Personen selbst dabei geht, um Verletzung. Warum ist diese verinnerlichte, gelernte Regel zu befolgen wichtiger, als Respekt und Akzeptanz gegenüber queeren Menschen?

Anriss der leidlichen Diskussion über (nicht menschliche) Tiere

Anmerkung: Ich schreibe nicht menschliche Tiere für Tiere, die keine Menschen sind. Nach meiner Ethik/Philosophie/sowas sind auch Menschen Tiere.

Wenn wir bei nicht-menschlichen Tieren über Fortpflanzung oder Geschlecht reden, können wir ein völlig anderes Fass von Biologismus aufmachen, was unangenehme Gespräche birgt. Ich reiße das hier nur an, ich mache es nicht ganz auf und möchte dazu gern keine Nachrichten oder Replies haben, solange sie sich nicht darauf beziehen, dass ich in dem Teil, den ich hier schreibe, schon Schlimmes reproduziere.

Zu beobachten ist, dass viele Menschen fixiert darauf sind, den Tieren als erstes auf Basis von Aussehen Geschlechter zuzuweisen. Auch wieder neben mir, einer trans Person, erlebe ich diese Mutmaßungen vieler über die vermeintlichen Genitalien der nicht menschlichen Tiere, die so priorisiert werden, dass sie scheinbar als erstes und immer wieder abgearbeitet werden müssen. Mutmaßungen deshalb, weil sie auf Basis von Korrelation zwischen Aussehen der Tiere mit Genitalien passieren, die sie gelernt haben. Also, wenn wir uns etwa Stockenten anschauen, werden Genitalien meist eher aus der Gefiederfarbe geschlossen, als daraus, dass das tatsächliche Genital betrachtet würde (was ich auch ganz schön daneben fände, wenn es passierte). Dass es immer Abweichungen geben kann, ist Leuten dabei aber ebenso selten bewusst, wie dass sie dabei eine Geschlechtszuweisung vornehmen, während die Ente vielleicht sogar nur still vor sich hinschwimmt und in der Sonne schillert. Warum ist das furchtbar wichtig? Immer wenn diese Wichtigkeit so sehr im Raum steht, ob bezogen auf Neugeborene, nicht-menschliche Tiere, oder sogar teils nicht einmal lebendige Objekte, leide ich still vor mich hin, weil Menschen das halt mit mir auch machen. Weil zwar die Gewalt nicht mehr auf mich persönlich angewandt wird, aber das Modell nicht dekonstruiert. Weil weiter in den Köpfen der Menschen fröhlich weiter ein Modell ausgelebt wird, in dem ich nicht sein darf.

Ein paar Worte zum Modell

Fest steht auch, dass auch nicht-menschliche Tiere mindestens so etwas wie inter* sein können, vielleicht so etwas wie trans, oder sie haben ganz andere Modelle oder nichts von alledem. Ein Modell auf nicht-menschliche Tiere zu projizieren, ist immer eine fragwürdige Sache, aber was vielen nicht bewusst ist, ist dass auch die Projektion eines binären Modells auf nicht-menschliche Tiere eben dies ist: Eine Projektion. Hier liegt, scheint mir, die Überzeugung zu Grunde, dass die Idee von Diversität bezüglich des Geschlechts nur bei Menschen aufträte, weil es was Konstruiertes wäre, aber Binarität die eigentliche Realität. In Wirklichkeit gibt es aber andere Modelle und hat es auch schon lange gegeben, sehr lange, die nicht weniger an der "Realität" orientiert sind, als das binäre Geschlechtsmodell. Es gibt hier einen Artikel, der Geschlechter in anderen, auch sehr alten Kulturen aufführt. Ich störe mich außerdem ein bisschen an "Geschlecht ist ein Konstrukt", zumindest in der Weise, wie es in Argumentationen meistens verwendet wird. Ja, vielleicht, aber es ist nicht so etwas Abstraktes, wie Geld, sondern eher wie Farbe. (Die Metapher ist von mir. Manche trans Menschen in meinem Umfeld mögen sie, aber vielleicht ist das hier eine persönliche Sicht, die hinterfragt werden sollte). Es ist auch etwas mit meinem Körper und dem unveränderlichen Teil meiner Psyche Verwachsenes, etwas, was ich permanent wahrnehme. Es hat nicht ausschließlich was mit Geschlechterrollen zu tun, teils vielleicht, aber nicht nur. Es ist komplex. Das Konstrukt daran ist vor allem, wie wir es verbalisieren, und es ist schwieriger zu verbalisieren, als Farbwahrnehmung. Aber ähnlich, wie die meisten Menschen Farben irgendwie in nach außen kommunizierbar vergleichbarer Weise wahrnehmen, obwohl wir nicht exakt wissen können, wie andere Menschen jeweils Farben wahrnehmen, und es wiederum definitiv Menschen gibt, die bestimmte Farben nicht oder anders wahrnehmen, ist es bei Geschlecht. Es gibt eine eigene Wahrnehmung, die für viele ähnlich wenig konstruiert ist, wie Farbwahrnehmung. Bestimmte Körper korrellieren mit bestimmter Wahrnehmung, aber manche weichen von diesem Muster ab. Das ist normal, das ist bei ungefähr allem so, und wir sollten Raum dafür haben. Eine weitere schöne Parallele zwischen Farbwahrnehmung und Geschlechtern ist, dass verschiedene Kulturen tatsächlich auch verschiedene Farb-Grundbegriffe entwickelt haben. Während also Begriffe konstruiert sind, ist die Wahrnehmung von Farben oder Geschlechtern aber durchaus etwas, das für viele, vielleicht nicht für alle, auch ohne Worte existieren kann. Diese Wahrnehmung wird auch massiv angekratzt und führt zu Schmerz, wenn wir weder eine Sprache haben, die die Existenz von Diversität überhaupt zulässt, noch Akzeptanz. Dekonstruktion von binären und biologistischen Geschlechtsvorstellungen und Zuweisungen ist als gesamtgesellschaftliche Bewegung notwendig für Selbstfindungsprozesse und für gewaltfreies Leben von trans, inter* und nicht-binären Menschen.

Vergessene Perspektiven im Diskurs

Es soll hier festgehalten werden, dass wir auch die Perspektiven von inter* Menschen in Geschlechtsdiskursen oft vergessen. Ich versuche viele zu lesen, aber es sind wenige. Die Perspektiven sind zwingend notwendig für eine sinnvolle Dekonstruktion des dya-cis-sexistischen Geschlechtsbegriffs. Wenn ich etwas falsch dargestellt habe diesbezüglich, freue ich mich sehr über Rückmeldungen.

Das ganze Modell von männlich und weiblich als die einzigen Geschlechter funktioniert vorn und hinten nicht, weder biologisch, noch bezüglich Geschlechtsidentität, und sogar nicht bei der Frage, ob das eine der Körper und das andere der Kopf sei. Denn eine Person kann durchaus einverstanden damit sein, dass ihr Körper so ist, wie er ist, und gleichzeitig trans, weil ihm aufgrund dessen, wie er ist, ein Geschlecht zugewiesen wird, das nicht ihres ist.

Zusammenfassend

Den meisten Menschen ist bewusst, dass Entscheidungen darüber, wie wir eine Person in Abhängigkeit verinnerlichter Vorstellungen von Geschlecht behandeln, oft zu weit gehen. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, was an alltäglichem Verhalten bereits trans, inter* und nicht-binären Menschen massiv schadet (auch dya cis Personen, aber ihr Leidensdruck ist meistens niedriger) und wo ein binäres Geschlechtsmodell überall reproduziert wird. Dabei ist das binäre Geschlechtersystem nicht einmal so natürlich, wie die meisten Leute denken. Geschlecht ist ein Thema, bei dem immer trans, inter* und nicht-binäre Perspektiven mit bedacht werden müssen. Ich wünsche uns vor allem, sein zu dürfen, Raum zu haben.

Fazit

Wir haben ein ganz großes Problem mit Geschlechtszuweisung.

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