Kussnormativität

Content Notes: Küssen, Queerfeindlichkeit (Erasure), Eurozentrik oder etwas ähnliches, Erwähnung von Inzest-relateten Themen bzw. romantischen Beziehungen innerhalb von Familie, Thematisierung von Non-Konsens

Definition

Unter Kussnormativität in Büchern/Filmen/anderen Medien verstehe ich folgendes:

Romantik wird durch Küsse auf den Mund gekennzeichnet.

Beispiele dafür:

  • Der Beziehungsstatus zwischen zwei Personen wechselt zu einer romantischen Beziehung, wenn sie sich auf den Mund küssen.
  • Oder es wird bei Randcharakteren erkennbar gemacht, dass sie sich in einer romantischen Beziehung befinden, indem ein Kuss auf den Mund zwischen ihnen gezeigt wird.
  • In jeder romantischen Beziehung des Buchs/Werks wird auf den Mund geküsst.

Auf den Mund zu küssen, wird als normal vorausgesetzt.

Beispiele dafür:

  • Wenn sich Charaktere romantisch nähern, und wissen, dass sie miteinander etwas Körperliches anfangen möchten, wird nicht danach gefragt, ob küssen auf den Mund okay ist, sondern es wird vorausgesetzt.
  • Es kommt kein Charakter vor, der küssen auf den Mund gar nicht mag.
  • Es geht so weit, dass in Jugendbüchern oft nach den ersten Dates zwischen den Hauptpersonen gefragt wird: “Habt ihr euch schon geküsst?”

Ein Kuss auf den Mund, der nicht in einem romantischen Kontext stattfindet, muss erklärt werden.

Beispiele dafür:

  • Es gibt durchaus Kulturen, oder allgemeiner, Umgänge in Familien- und Freundschaftsumfeldern, in denen ein Kuss auf den Mund zwischen Bekannten oder Verwandten als Begrüßungsritual dazu gehört. (Was nicht heißt, dass alle Beteiligten es mögen, aber wenn dabei Konsens-Kultur gelebt wird, also auch gefragt wird, ob das okay ist, und es entsprechend individuell gehandhabt wird, kann das sehr schön sein). Ich habe das sowohl in meiner Schulzeit manchmal erlebt, wenn ich Mitlernende besucht habe, als auch heute in manchen queeren Wahlfamilien, die ich besuche.

    Findet so ein Kuss statt, ohne, dass der Background erklärt wird, dann wird wahrscheinlich eine Beziehung hineininterpretiert. Der Background wird oft auf verschiedene Weise dargelegt, nicht unbedingt explizit, sondern zum Beispiel darüber, wie flüchtig der Kuss ist, dass der erste Kuss der Art zwischen zwei Verwandten gezeigt wird, oder es direkt in einem Kontext stattfindet, in dem viele Personen geküsst werden. Wie es jeweils dargelegt wird, dass es sich nicht um romantische Beziehungen handelt, zeigt verschiedene Normativitäten. Etwa das Tabu von romantischen Beziehungen zwischen Verwandten, das in den Köpfen Zuschauender oft noch stärker wiegt, als Kussnormativität. (Ein so grundsätzliches Tabu ist gar nicht mal so sinnvoll, eher wäre es sinnvoll, wenn wir Stigma loswerden und stattdessen über verschiedene Familienformen und Machtverhältnisse, die auch manchmal gar nicht existieren, offener reden, aber das ist ein komplexes anderes Thema. Es gibt jedenfalls auch unproblematische, romantische Beziehungen zwischen Verwandten.) Quasi: Kuss auf Mund ist romantisch, außer sie sind verwandt. Oder: Außer, sie sind viele. Was gewissermaßen auch Monogamie-Normativität sein kann.

  • Es gibt auch Personen, die einfach gern küssen, und das außerhalb von romantischen Kontexten einfach tun, zum Beispiel in einer Freundschaft (die nicht einmal innig sein muss). Kussnormativität bewirkt, dass es dazu erklärt wird, wenn in einer Geschichte so etwas vorkommt, - was fast nie passiert. Es muss quasi sogar dazu erklärt werden, weil sonst nicht etwa einfach keine Vorannahme über die Beziehung gemacht wird, in der die Beteiligten zueinander stehen, sondern die, dass die Beteiligten eine romantische Beziehung hätten.
  • Es gibt Leute, die mit anderen küssen, um zu experimentieren. Das kann sogar in romantischen Beziehungen passieren, ohne dass es Teil der romantischen Beziehung ist. Ich glaube, so etwas habe ich außer in eigenen Texten noch nie repräsentiert gesehen, aber wenn ich selbst welche schreibe, weiß ich sehr wohl, wieviel ich erklären muss, damit es mir wegen Kussnormativität nicht anders ausgelegt wird.

Warum ist Kussnormativität problematisch?

Es ist nicht problematisch, wenn sich zwei Personen im Zusammenhang einer romantischen Beziehung auf den Mund küssen und das auch noch mögen. (Do you see what I did there? Ich habe nicht als normal dargestellt, dass sie es mögen.)

Es ist problematisch, wenn vorausgesetzt wird, dass das immer der Fall ist, weil es andere Lebensrealitäten nicht nur unsichtbar macht, sondern auch erschwert. Auch wenn ich mich wenig damit auskenne, mag ich erwähnen, dass es auch Kulturen gibt, in romanteische Kontexte standardmäßig Küsse eher nicht dazugehören, oder auch insgesamt Küssen weniger präsent sind. Ich reiße das nur an, aber konzentriere mich in diesem Artikel mehr auf eigene Erfahrungen.

Ich muss mich permanent erklären. Wenn ich sage, dass ich küssen nicht mag, fallen Sprüche wie “Du hast nur noch nicht die richtige Person gefunden”. Dadurch habe ich lange irgendwo im Halbunterbewusstsein geglaubt, dass meine Beziehungen doch irgendwie nicht richtig wären. Ich habe versucht, küssen zu mögen. (Ich mag es tatsächlich auch manchmal, und habe dann wiederum Angst, darüber zu reden, weil darein, wann ich es eventuell mag, so viel Unsinn reininterpretiert wird). Ich hatte Angst, in einer romantischen Beziehung zu äußern, dass ich es nicht mag. Weil es Leute in meinem Umfeld gab, die glaubten, das wäre ein Zeichen dafür, dass die Beziehung schlecht wäre oder meine Gefühle nicht stark genug.

Ich dachte lange, ich wäre damit einigermaßen allein, aber gelegentlich wird auf Twitter etwa eine Frage danach gestellt, ob Leute küssen auf den Mund mögen, und die Quote der Leute, die ‘nein’ antwortet, oder damit, dass sie das machen, obwohl sie es nicht mögen, weil sie glauben, es gehöre dazu, oder aus anderen Gründen, ist jeweils überraschend hoch. Es braucht aus meiner Sicht deshalb erst recht viel mehr Sichtbarkeit dafür. Hier ist ein Tweet von @NBeinen mit vielen interessanten Antworten.

Selbst wenn Küsse zu einer romantischen Beziehung gehört haben, kann sich daran etwas ändern. Sowohl kann es passieren, dass das Interesse an Küssen in romantischen Beziehungen nachlässt, ohne dass das eine Aussage über die Innigkeit der Beziehung aussagt, als auch kann die Beziehung sich zu einer unromantischen ändern, in der weiter geküsst wird. Es gibt ungefähr beliebige Varianten und Entwicklungen.

Kussnormativität macht schwer, sich in Freundschaften auszuprobieren. Küsse auf den Mund in Freundschaften könnten ebenso normal sein, wie in romantischen Beziehungen. Aber wenn in einer Freundschaft danach gefragt wird, ob es vielleicht interessant wäre, küssen auszuprobieren, - je nachdem, es gibt dahingehend auch vollkommen offene Freundschaften -, kann es zu sehr irritierten und schockierten Reaktionen kommen, weil so tief verankert ist, dass sich das nur in romantischen Kontexten gehörte. Umgekehrt wäre in romantischen Kontexten besser, danach zu fragen, was auch zu Irritation führen kann, weil es dort oft vorausgesetzt wird.

Ich werde außerdem dazu gezwungen, Küsse in Filmen oder anderen Medien als romantisch zu lesen. Ein Film gilt etwa erst als einer mit einer queeren romantischen Beziehung, wenn sich zwei Charaktere gleichen Geschlechts küssen. Ab da wird es nicht mehr als Queerbaiting ausgelegt, weil es nicht mehr nur angedeutet wäre. Das ist sehr unangenehm, weil es eine Menge Realitäten erased: Bi-Erasure (wenn etwa die Beteiligten der Beziehung verschiedene Geschlechter haben und bi sind, sind die Beteiligten immer noch queer). Und an Nichtbinarität (die Charaktere können verschiedene nicht-binäre Geschlechter haben, oder auch gar keine), Asexualität und Aromantik, oder daran, dass Beziehungen mit trans oder inter Menschen unabhängig von Geschlechtern immer queer sind, denken Leute meist auch nicht.

Aber um beim Thema Küssen zu bleiben: Es gibt viele queere Menschen, die Beziehungen haben, auch romantische, in denen nicht geküsst wird, gleichzeitig gibt es viele queere Menschen, die in nicht romantischen Kontexten küssen, also ist ein Kuss kein eindeutiges Zeichen einer romantischen Beziehung. Trotzdem wird von uns erwartet, selbst von Menschen, die das wissen, dass wir in diesen Filmen ohne zu Murren Küsse als ein solches Zeichen eindeutig lesen. Das regt mich ziemlich auf.

Kussnormativität nimmt uns Entfaltungsfreiheit. Es geht nicht darum, dass alle Leute Küssen in Freundschaften mögen sollen, sondern dass eine Frage danach in dem Kontext die gleiche Akzeptanz haben sollte (also überhaupt erlaubt sein könnte), wie in romantischen Kontexten (wo die Antwort ‘ja’ wiederum oft vorausgesetzt wird, weshalb gar nicht erst gefragt wird). Kussnormativität bewirkt oft, dass weniger über Konsens gesprochen wird.

Aber woran erkennen wir nun eine romantische Beziehung?

Eigentlich ist das einzige, was eine romantische Beziehung eindeutig als solche klarmacht, sie explizit so zu benennen. Ich fände so schön, mehr Plots der Art zu lesen, in denen sich zwei Personen näher kommen, vielleicht viel zu zweit spazieren oder sich über dieses Internet kennen lernen (lasst uns dabei auch über Barrieren reden!), eine Person fängt an, irgendwas zu spüren, was sie selbst als Verliebtheit einordnet, die andere vielleicht nicht genauso oder überhaupt nicht, was aber nicht schlimm bewertet wird. Und dann fragen sie sich irgendwann explizit: Sind wir jetzt eigentlich in einer romantischen Beziehung? Eine Antwort könnte sein: Wenn du magst, gern! Und dann ist das geklärt.

Ich könnte unzählige Beispiele basteln, wo explizit verschiedene Facetten aufgemacht werden, wie romantische Beziehungen funktionieren könnten. Denn auch der Romantik- und Verliebtheitsbegriff selbst ist sehr individuell.

Was können wir tun, um Kussnormativität entgegen zu wirken?

Um Kussnormativität entgegen zu wirken, sollten wir weniger von Standards ausgehen, mehr fragen, mehr repräsentieren. Wenn ihr eine Kussszene schreibt, lasst die Handelnden fragen, ob küssen okay ist, und nicht aus irgendeiner Sache wie “Person hat gesagt, dass sie verliebt ist” schließen. Unterscheidet, dass ein “ja” auch situationsabhängig sein kann, und kein “ja, immer” sein muss. Wenn einfach so geküsst wird, lasst das clashen. Und zwar nicht, weil Romantik fehlt, sondern weil das nicht okay ist, nicht nach Konsens zu fragen. Zeigt Charaktere, die küssen nicht mögen. Zeigt Beziehungen, die nicht so physisch miteinander sind, und macht klar, dass die Zuschauenden nicht wissen, dass die Beteiligten in einer Beziehung sind, weil die Zuschauenden es diesen ansähen, sondern weil die Beteiligten es erzählt haben. Zeigt Freundschaften oder Haushalte, in denen geküsst wird, und wie sich die Beteiligten damit fühlen. Küsse in romantischen Beziehungen sind nicht unbedingt mehr wert oder inniger oder gefühlvoller, als Küsse in anderen Beziehungen. Redet darüber und setzt nicht einfach voraus. Redet vor allem über Konsens, am besten für Körperkontakt generell oder auch andere Interaktionen. Vergesst auch das aromantische Spektrum nicht.

Und selbst, wenn ihr eine Beziehung schreibt, die in jedem Punkt so ist, wie es meist gezeigt wird (Mann, Frau, beide alloromantisch, küssen sich und die Verliebtheit funkt), ist das auch in Ordnung und möglich, während ihr gleichzeitig die Beteiligten nicht voraussetzen lasst, dass das immer so wäre, dass das normal wäre, sondern Raum und Akzeptanz für allein die Möglichkeit für andere Realitäten schafft. Schreibt nicht Sätze wie “Sie hatten ein gemeinsames Dinner mit Kerzenschein, wurden lockerer und es kam, wie es kommen musste…”, weil darin impliziert wird, dass Menschen wie ich nicht existieren und ich inzwischen nicht einmal mehr weiß, was da eigentlich kommen musste. Das würde schon sehr entspannen.

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