Pronomen sind für alle da

Content Notes: Trans- und Nicht-binärfeindlichkeit, Misgendern erwähnt

Pronomen sind für alle da. Auch Neopronomen. (Dieser Artikel im nibi-space klärt gut über Neopronomen auf.)

Es ist witzig: Ich hatte es zum Zeitpunkt des Schreibens noch nie in der Realität erlebt, aber in meinem Roman “Die Haptik der Wände” habe ich gleich zu Anfang eine Szene geschrieben, in der eine cis Frau für sich das Pronomen “er” ausprobieren möchte, sich hineinfühlen möchte. Und fragt, ob das in Ordnung ist, oder trans Menschen irgendetwas wegnähme. Ich habe auch damals die Frage schon beantwortet mit: Pronomen sind für alle da – beziehungsweise den nicht-binären Hauptcharakter so antworten lassen.

Ungefähr ein Jahr später habe ich dann auch real erlebt, dass cis Personen (oder auch Personen, die sich nicht so sicher sind, ob sie cis sind) diese Frage stellen.

Leider kann ich nicht behaupten, dass es Konsens wäre, nicht einmal unter trans und nicht-binären Personen. Ich weiß, dass es auch nicht-binäre Personen gibt, denen das ein unangenehmes Gefühl macht. Das Gefühl etwas nicht mehr für sich haben zu dürfen.

Ich weiß aber auch, dass eine große Menge trans und nicht-binärer Personen existiert, die sehr dazu ermutigen, Pronomen und Neopronomen zu verwenden, unabhängig eine Person cis oder trans oder binär oder nicht-binär ist. Ich liste im Folgenden eine Reihe mir wichtiger Pro-Argumente. Teils sind sie relativ persönlich, aber ich bin nicht die einzige Person mit diesen Erfahrungen.

Pronomen haben kein Geschlecht.

Pronomen haben kein Geschlecht. Das ist vor allem auch deshalb wichtig, weil es nicht-binäre Menschen gibt, die sich eines der Pronomen “er” oder “sie” aussuchen. Zum Beispiel aus Gewohnheit, oder weil es ihnen besser gefällt, oder weil Nicht-Binär-Sein eben nicht unbedingt heißt, dazwischen, sondern auch Identitäten wie demimännlich oder bigender dazugehören. Die Vielfalt und der Erfahrungsreichtum sind groß.

Oder weil es ein enormer Stress ist, Neopronomen zu erklären.

Oder: Weil auf diese Weise das Gespräch über Geschlecht unweigerlich beim Kennenlernen jedes Mal stattfindet. Wobei ein Gespräch über Geschlecht, das weniger Tatsachen entspricht, andernfalls fast immer im Subtext stattfindet, zum Beispiel, indem implizit eine Anrede angenommen wird. Einige von uns stört das indirekte Gespräch mehr, weil es auf Misgendern hinausläuft, einige das direkte Gespräch, weil es eben jedes Mal dasselbe ist, und sehr anstrengend. Weil uns dabei auch nicht selten mitgeteilt wird, was für eine Belastung wir darstellten. Auf beide Weisen: Erstes Kennenlernen für viele nicht-binäre Menschen ist zu hoher Wahrscheinlichkeit Gewalt.

Gerade aus diesem Grund ist es wichtig und hilft, wenn nicht von einem Pronomen auf ein Geschlecht geschlossen wird. Für einige nicht-binäre Menschen (winkt) ist der Hauptgrund für die Wahl eines (Neo-)Pronomens, dass mit einem solchen seltener auf ein falsches Geschlecht geschlossen wird. Das eigentliche Misgendern ist für manche von uns aber weniger ein falsch verwendetes Pronomen (das kommt dann lediglich hinzu), als die Zuweisung eines falschen Geschlechts.

Geschlechtsunabhängige Pronomenwahl ermöglicht, nicht zwangsläufig über Geschlecht zu reden.

Der letzte Absatz war hauptsächlich eine Argumentation, warum aus den Pronomen “er” und “sie” nicht darauf geschlossen werden sollte, dass eine Person männlich oder weiblich wäre. Es folgt eine, warum es aus meiner Sicht super wäre, wenn aus Neopronomen oder dem Pronomen “es” nicht zu hoher Wahrscheinlichkeit richtig geraten werden könnte, dass eine Person nicht-binär ist.

Wie zuvor erwähnt, bedeutet für mich eine Vorstellung bei einer neuen Person im Normalfall ein Gespräch über Geschlecht, nur weil ich sage: Dies sind meine Pronomen. Leute fragen mich häufig, warum ich denn über so etwas Privates rede. Andere Menschen würden ja auch nicht direkt einfach mit jeder fremden Person über ihre sexuelle Orientierung reden. Das ist Privatsache.

Und ja, ich halte mein Geschlecht für etwas, das meine Privatsache sein dürfen sollte. Ich möchte mich eigentlich nicht ständig vor fremden Personen outen. Beziehungsweise, ich möchte gerne die Wahl haben, wann ich es tue. Aber es ist was anderes als sexuelle Orientierung.

Mit sexueller Orientierung könnte es verglichen werden, wenn ich mich einer Person vorstellte, und es passiert zu einer Wahrscheinlichkeit von annähernd 100% dass mich die Person im selben Gespräch noch auf meine vermeintliche Heterosexualität anspricht. Mich anderen automatisch als explizit heterosexuell vorstellt. Nicht nur implizit das als Standard voraussetzt, sondern es ständig ins Gespräch einbringt.

Ich wünschte, ich hätte eine Wahl. Eine Wahl, dass ich mich vorstellen könnte, auf eine Weise, dass ich nicht misgendert werde, aber auch nicht beim Vorstellen über mein Geschlecht reden muss. Und diese Wahl hätte ich, wenn viele Leute Neopronomen nutzen würden, einfach weil es ihnen gefällt. Oder auch sogar – es muss ihnen nicht einmal explizit gefallen – aus Solidarität.

Es schützt trans und nicht-binäre Menschen, wenn cis Menschen es auch tun.

Stellt euch einen Raum vor, in dem sich alle vorstellen, mit Namen, und freiwillig, wenn sie möchten, auch mit Pronomen. Andernfalls werden sie einfach mit Namen referenziert. (Soweit mir bekannt, ist es mit der Freiwilligkeit derzeit die Variante, die am wenigsten zu Gewaltsituationen führt. Wenn ihr euch auskennt und euch da mehr Details bekannt zu sind, schreibt mir gern.)

Und es stellen sich einfach mal 20% mit einem Neopronomen vor, aber es sind nur 2%, die es tun, weil sie nicht-binär sind. Das würde für viele von uns einen großen Druck nehmen, eine Entlastung sein. Weil wir nicht mehr automatisch als die nicht-binären Personen gekennzeichnet werden.

Trans- und Nicht-binär-feindliche Personen können uns dann nicht mehr identifizieren und schmeißen ihren Hass auf alle, die mitmachen. Das verteilt die Last. Das Argument ist vergleichbar mit der Begründung, warum es eine gute und solidarische Idee von Seiten von cis Personen ist, ihre Pronomen in Signatures von Mails oder in Bios auf Twitter und so weiter zu nennen.

Personen, die unbedingt immer Mal eine nicht-binäre Person um kostenlose Aufklärungsarbeit bitten wollten oder so, können das nun nicht mehr so einfach machen.

Neopronomen werden dadurch normalisiert.

Ein Grund, warum ich mit Neupronomen für mich hadere, ist, dass mir Pronomen eigentlich nicht so wichtig sind und dass ich am liebsten nicht jedes Mal groß erklären möchte, wenn ich mich vorstelle. Deshalb stelle ich mich derzeit meist mit Pronomen “er” vor, weil Leute am häufigsten “sie” für mich entscheiden würden, und würde es entsprechend umdrehen, sobald es andersherum sein sollte. Damit Leute mir eben nicht ein falsches Geschlecht zuweisen, es aber ansonsten möglichst leicht haben.

Vielen anderen Menschen sind Pronomen generell wichtig. Würden sie mir deshalb “sie” zuweisen, weil es einfach zu meinem Namen gehörte wie “er” zu einem Tisch, und nicht, weil mir auch ein Geschlecht zugewiesen werden würde, wäre es mir egal. Aber das passiert nicht. Mit “er” wird mir häufiger Maskulinum zugewiesen, was ich nicht so schlimm finde. Vor allem nicht, wenn es zwischendurch im Redefluss einfach passiert. Mit mir wird durch die Pronomenwahl “er” häufig trans Männlichkeit assoziiert, was auch nicht so schlimm ist, weil ich trans maskulin bin. Aber eigentlich ist das eine Information, die ich nicht im Subtext gefühlt in einem Gespräch mitschwingen haben möchte.

Ich glaube, wären ein paar Neopronomen wirklich bekannt, würden so regelmäßig verwendet, dass ich sie nicht bei einer Vorstellung erklären müsste, dann würde ich mich mit einem solchen am wohlsten fühlen. Weil ich dadurch nichts mache, was Leute erst einmal beim Kennenlernen fordert, weil sie es noch nicht kennen, und ich zugleich ein Pronomen haben kann, das weniger zu einer Zuweisung führt.

Aber bis es zu einer Gewöhnung an Neopronomen in der Gesellschaft käme, wenn nur nicht-binäre Menschen welche wählen, überlebe ich nicht, einfach, weil Entwicklungen zu langsam passieren. Würde aber eine größere Gruppe von Menschen mitmachen, zum Beispiel einfach, weil sie auch nicht wollen, dass ihr Geschlecht dauernd Element von Gesprächen ist, hätte es vielleicht Chancen.

Je mehr wir sind, die das System zerstören, umso besser.

Dies ist eine meiner liebsten Antworten, die auch anwendbar auf die Frage ist: Bin ich queer genug für dieses und jenes Label? Ja, bist du!

Neben der Tatsache, dass Gate Keeping schlimm und falsch und widerwärtig ist, profitiert eine politische Bewegung gegen ein anti-queeres System davon, dass möglichst viele Leute mit zum Beispiel Labeln ausdrücken, dass es nicht für sie passt. Wir zerlegen das System am effektivsten, wenn wir sehr viele Perspektiven und Lebensrealitäten wahrnehmen, die ihren Raum einfordern.

Natürlich gibt es verschieden schlimme Erfahrungen in diesem System. Manche kratzt es nur ein bisschen an, für manche von uns ist es eine kaum oder nicht aushaltbare Alltagsbelastung. Das macht die weniger schlimmen Erfahrungen nicht weniger existent. Es ist ebenfalls wichtig, sie anzubringen. Das System wird auf uns draufgepresst, auf alle von uns. Das ist Gewalt, gegen die sich jede Person wehren darf.

Eine Geschlechtszuweisung ist auch dann Gewalt, wenn das zugewiesene Geschlecht zufällig das Geschlecht der Person ist. Auch das kann sich beschissen anfühlen, einfach, weil es bevormundend mit einem passiert. Das ist Grund genug, gegen diese Gewalt zu protestieren und dies zum Beispiel mit der Wahl eines Neopronomens auszudrücken.

Fazit

(Neo-)Pronomen sind für alle da.

Ich schließe (dreist?) mit einem Zitat aus Myrie Zange - Anemonys. Emu ist ein Charakter, der sich manchmal etwas verheddert. Trotzdem fühlt sich dieses Zitat für mich treffend und sehr hilfreich an:

Natürlich dürfen Pronomen gewählt werden, weil andere Personen mit Pronomen doch Geschlecht verknüpfen, auch wenn sie es eigentlich dekonstruieren sollten. Aber sie sortieren darausfolgend anderen Personen abhängig von deren Pronomen weniger oft falsche Geschlechter zu, und es ist trans, nicht-binären oder anders nicht in Geschlechtermodelle von Leuten passenden Personen erlaubt, das für sich zu nutzen, wenn es geht. Pronomen dürfen natürlich auch gewählt werden, weil sie Gendereuphorie auslösen, also, weil sie sich für das eigene Geschlecht passend anfühlen und sich dieses Passen gut anfühlt oder Freude auslöst. Aber per se haben Pronomen erst einmal kein Geschlecht. Du darfst dir welche aus beliebigen Gründen auswählen. Zur Dekonstruktion der Zuordnung zwischen Pronomen und Geschlecht beizutragen, indem du dir keines wählst, oder eines, das dir einfach klanglich gefällt, ist ein guter Grund für eine Pronomenwahl. Ein anderer guter Grund für die Wahl eines Pronomens wäre, dass du dich damit wohl fühlst, aber das muss gar nicht zwingend der Fall sein. Du darfst dich auch bewusst dagegen entscheiden.

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