Alice Hasters - Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

Es gibt selten Bücher, über die ich sagen würde, man sollte sie unbedingt gelesen haben. Es fühlt sich für mich übergriffig und Geschmack aufdrängend an. Aber hier geht es nicht (nur) um Geschmack. Es geht um eine Problematik, Rassismus, mit der, wie ich finde, sich soweit irgend möglich jede Person (vor allem die, die es nicht betrifft) ausführlich befasst haben sollte. Ich sehe nicht, wie ein anderer Weg das Problem bekämpfen kann, und Bücher oder Blogs aus der Sicht von BIPoC (Black, Indigenous and People/Person of Color) zu lesen/hören, die sich engagieren und teilen, halte ich für einen der besten Wege. Ich las "Was weiße Menschen über Rassismus nicht hören wollen aber wissen sollten", von Alice Hasters (auf hanser-literatur, twitter) und kann es sehr empfehlen.

Vorgedanken

Ich versuche, zu den Menschen zu gehören, denen man sagen kann "Lass das, das Verhalten ist schlecht für mich/andere", und ich lasse Dinge, ohne zu protestieren, ohne direkt viel zu fragen. Als Beispiel, als mir von Cultural Appropriation/kultureller Aneignung erzählt wurde, habe ich es natürlich anfangs nicht sofort verstanden. Aber eben erst einmal akzeptiert. Mit so einem Stichwort lässt sich dann recherchieren und lernen. Und manchmal gibt es solche Stichwörter nicht und dann ist es nicht so einfach. Aber nachfragen ist selbst dann nicht immer ein guter Plan. Zunächst hat Priorität, erst einmal davon auszugehen, dass dein Gegenüber schon nicht irgendwas erfindet oder übertreibt. Das Ernstnehmen. Das nicht zu tun, wäre andernfalls schon recht überheblich. Aber abgesehen davon ist selbst ein ernst gemeintes, interessiertes Nachfragen oft nicht ohne Nachteil für die betreffende Person. Erst einmal sind wir niemandem eine persönliche Geschichte schuldig, um zu begründen, warum etwas nicht okay ist. Dann enthalten Fragen oft internalisierten Rassismus (oder anderes), von dem man selbst nicht so richtig mitbekommt, sodass man durch die Frage selbst verletzen kann. Und schließlich erklärt sich eine Person, die von Diskriminierung betroffen ist, üblicherweise jeden Tag, dauernd, selbst, und es ist so anstrengend und ermüdend.
Ich kann den Wunsch aber auch gut verstehen, die Hintergründe zu kennen. Die Geschichte, die Entwicklungen und ähnliches, warum etwas rassistisch oder anderweitig diskriminierend ist. Es geht mich im Detail nichts an, selbst, wenn es dann gut nachvollziehbar würde, und es ist sicher schwer und viel Arbeit, davon zu erzählen. Danke an dieser Stelle an Alice Hasters für diese unermüdliche Arbeit. Für das Offenlegen der Zusammenhänge, für den Einblick in so persönliche Geschichten, die es möglich machen, einen genaueren Blick zu entwickeln. Im Moment werde ich - eine weiße Person - laufend in meinem Umfeld gefragt, warum denn etwas bestimmtes rassistisch wäre, weil ich mich mit dem Thema auseinander gesetzt habe, und ich habe jedes Mal den Drang, dieses Buch zu empfehlen. Es beantwortet so viele dieser Fragen. Ich tue es auch. Es ist immer noch so, dass ich aus dem Buch nur etwas weitergeben könnte, und nicht plötzlich dadurch von eigenen Erfahrungen erzählen könnte (sollte ich auch nicht). Dieses und andere Bücher erzählen es aus erster Perspektive. Ich werde, obwohl ich an jeder Stelle hier den Drang hätte, das Buch zu zitieren, davon absehen. Es ist nicht meine Geschichte. Credit und Plattform für diese Arbeit gehören Alice Hasters. Ich möchte hier nur darauf verweisen.
Wie kurz erwähnt, es gibt viele andere Werke von BIPoC zum Thema Rassismus, das genannte Werk ist nicht das einzige. "Was weiße Menschen nicht über Rassismus wissen wollen, aber nicht hören sollten" war das erste Buch, das ich über Rassismus las. Wahrscheinlich folgen weitere. Ich fand es in vielerlei Hinsicht sehr gut und empfehlenswert. Im Buch selbst empfielt Alice Hasters weitere.

Was es für mich besonders gemacht hat

Neben der Thematik selbst, die mich derzeit sehr interessiert, mochte ich an dem Buch die Erzählweise und Spannungsbögen sehr. Es ist ein Sachbuch, vielleicht, ich kenne die Definitionen nicht so genau. Aber gleichzeitig ist es auch ein erzählender Roman mit Dramaturgie. Es erzählt von persönlichen Erlebnissen, beginnt zum Beispiel einen Absatz mit einem Moment daraus, dann erklärt es Hintergründe, taucht ab in frühere oder spätere Erlebnisse, aber alles sehr zusammenhängend, und kommt schließlich zur ersten Situation zurück. Es fließt, ist wie Atem, folgt Mustern. Ich weiß, darum geht es vielleicht nicht, aber es machte das Lesen und Konzentrieren für mich sehr leicht.
Viele Strukturen, die in jeder Art Diskriminierung vorkommen, habe ich im Buch gut aufgearbeitet wiedergefunden. Sehr viele der Konzepte sind gut erklärt. Das Buch beschäftigt sich zum Beispiel mit Intersektionalität. Die für ausschließlich oder anders in Rassismus auftretenden Arten der Diskriminierung erschlossen sich mir, aber es steht mir selbstverständlich nicht zu, zu beurteilen, ob ich es wirklich verstanden habe. Zwar habe ich den Eindruck, aber bei Erfahrungen, die man selbst nie macht, komme ich eben höchstens an den Punkt, zu glauben, verstanden zu haben, was der Fall ist. Ganz sicher kann ich mir nie sein. Vielleicht geht sogar aus diesem Review hervor, dass dem nicht so ist. (Ich nehme Kritik gern entgegen, auch so etwas wie, lösch es einfach.)
Ich fand das Buch in seiner Präzision (sofern ich dies beurteilen kann) extrem gut! Es verallgemeinert nicht irgendwo. Es erklärt, warum manche Handlungen nicht per se rassistisch wären, aber rassistisch sind oder zumindest Rassismusproblematiken mit sich bringen dadurch, dass die Handlung in einem Kontext steht. Es trennt sehr explizit zwischen Statistik und verallgemeinernder Sprache. Es wäre natürlich schön, wenn ich über letztere besser hinweglesen könnte, aber es liegt nicht nur an Willen, dass ich nicht kann, sondern auch und vor allem daran, dass ich nicht immer gut trennen kann, was eigentlich gemeint ist, von dem, was semantisch gesagt wird. (Dies liegt vielleicht daran, dass ich autistisch bin.) Also insofern: Ich habe oft Interpretationsschwierigkeiten bei Subtext, dieses Buch war dahingehend aber in einer Sprache verfasst, die ich (abgesehen von einem kurzen Kapitel) trotzdem gut verstehen konnte. Es ist in mehrfacher Hinsicht inklusiv geschrieben, unter anderem in geschlechtsinklusiver Sprache.

Danke an Alice Hasters für das Teilen, und für diese unermüdliche Arbeit. Ich wünschte so sehr, dass dieser Kampf nicht so ermüdend wäre. Dass mehr Menschen zuhören.

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