Planet der Frauen

Content Notes: Biologismus, cis-Sexismus, Misgendern, Binarism, Rassismus, Gate Keeping, Trans-/Interfeindlichkeit, Tone Policing

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Inhalt

Die Geschichte geht um das Gate Keeping trans maskuliner Menschen, trans und inter* Männer und nicht-binärer Menschen aus feministischen Projekten/Netzwerken. Es ist eine OwnVoice Fantasy/Science Fiction Kurzgeschichte in einer Parallelwelt mit fortgeschrittener Technologie und mit Völkern wie Orks, Menschen, Lobbuds. Der Hauptcharakter Karian ist nicht-binär und bewirbt sich bei einem Projekt, dem "Planet der Frauen", bei dem eine Welt ohne Männer simuliert werden soll. Die Welt hat Ähnlichkeiten mit der in meinem Hauptwerk "Myrie Zange", aber spielt mindestens ein paar Jahrzehnte vor der Handlung der Romanreihe, bevor die Gesellschaftsutopie ansetzt.

Hintergrund

Ich habe diese Geschichte geschrieben, weil mir dieses Gate Keeping seit über sieben Jahren ständig passiert und sie vieles sehr plastisch und weder geschönt noch dramatisiert darstellt, was ich erlebe. Ich habe die Geschichte an die Queer*Welten eingereicht, weil ich denke, dass diese Problematik ein großes Publikum erreichen und eine Plattform haben sollte, sodass mehr Verständnis dafür entstehen kann, wenn von Transfeindlichkeit und damit zusammenhängendes Gate Keeping geredet wird. Sie wurde dort nicht genommen, mir wurden Gründe dafür genannt. Darum geht es hier nicht, das soll keine Beschwerde darüber sein, dazu fühle ich mich nicht in der Position. Ich veröffentliche die Geschichte nun hier, damit sie ein Publikum finden kann, wenn sie möchte, und nicht in meinen Entwürfen alt wird. Für die Queer*Welten hatte ich eine Zeichenbegrenzung von 20 000. Ich habe sie annähernd ausgeschöpft. Im Fall, dass ich sie nicht gehabt hätte, hätte ich sicher einiges etwas mehr ausgeführt, aber ich stelle die Geschichte in der Art zur Verfügung, wie ich sie eingereicht habe.

Die Geschichte - Planet der Frauen

"Wir leben in patriarchalen Strukturen. Daran wird sich so bald nichts ändern - oder doch? Mit ausgereifter Technik für Virtualitäten und den ersten großen soziologischen KI-Simulationen können wir aufzeigen, wie sich unsere Welt ohne Männer entwickeln würde. Wir zeigen, was das Patriarchat versteckt. Bist du Wissenschaftlerin im Bereich Informatik, Soziologie, Psychologie, Biologie oder Physik oder hältst dich aus anderen Gründen für geeignet, das Projekt zu unterstützen? Dann bewirb dich gern beim 'Planet der Frauen'."
Der Text tat sem nach dem drölften Lesen nicht weniger weh. Jedes Mal, wenn sey ihn las, fand sey noch eine weitere versteckte Stelle, die internalisierte Transfeindlichkeit und binäres Denken widerspiegelte. 'Zeigen, was das Patriarchat versteckt'. Als ob die Stimmen und Geschichten von trans Männern nicht unsichtbar gemacht würden. Sey war genderfluid, schwankte irgendwo zwischen einem nicht auf der männlich-weiblich-Geraden liegenden Geschlecht, das sey maverique nannte, und männlich hin und her. Das Konzept war für die meisten zu kompliziert, daher kürzte sey es meistens mit trans nicht-binär ab. Auch das war für viele immer noch kein Begriff, und das obwohl Misgendern es vor bereits neun Jahren in das geschriebene Gesetz als Bruch des Würdegrundsatzes geschafft hatte. Bei der Festlegung war ausdrücklich auch von nicht-binären Geschlechtsidentitäten und Neopronomina die Rede gewesen. Die Diskussionen waren von KIs aufgearbeitet und in einfacher Sprache zusammengefasst worden und frei zugänglich im Netz. Es ärgerte sem, dass ein feministisches Forschungsteam es nicht auf die Reihe bekam, einen Text inklusiv zu schreiben. An sich war es ein interessantes Projekt, wäre es denn intersektional feministisch. Deshalb hatte sey sich beworben, immerhin hatte sey theoretische Informatik studiert. Sey hatte in der Bewerbung direkt die Hoffnung geäußert, dass es sich dabei um eine Unachtsamkeit und keine Absicht handelte. Wenn es nur unbewusst passiert wäre, wäre sey erfreut, wenn sere Hilfe angenommen würde, das Gate Keeping anzugehen. Es machte sem Hoffnung, dass sey für eine Testwoche nach Fork eingeladen worden war, wo sey vor Ort mit den anderen Forschenden interagieren könnte. Und nun saß sey im Zug in diese Metropole.
Ein kleiner Ork schritt den Gang des Zuges entlang und blieb bei serer Sitzgruppe stehen. Sey blickte in ein freundlich wirkendes Gesicht auf.
"Bist du Karian?", fragte der Ork.
Sey lächelte. So einfach der Name Karian auch erschien, selten sprachen ihn Personen bei den ersten Malen richtig aus. Manche nie. Eigentlich war Falschaussprechen harmlos formuliert.
"Und du bist Mathia?", fragte sey vorsichtig, in der Hoffnung, dass sey den Namen ebenfalls nicht falsch aussprach.
"Ja, bin ich!", sagte Mathia und setzte sich sem gegenüber.
Mathia arbeitete schon eine Weile im Team mit. Sie hatte Karian in der Antwort auf die Bewerbung versichert, auf serer Seite zu stehen, aber dass es vielleicht nicht leicht werden würde. Und auch, dass sie oft Schwierigkeiten hatte, vor anderen zu sprechen und es ihr daher schwer fiel, das Problem selbst im Gespräch anzugehen. Nun sahen sie sich das erste Mal persönlich.

Fork war eine einzige Baustelle. Der Zug fuhr deshalb auf einem anderen Gleis ein, als geplant, erreichte die Metropole aber immerhin pünktlich. Der Innenstadtbereich wurde vorsichtig auseinander und wieder zusammengesetzt, um Technik zu verbauen, die die gesamte Innenstadt mit elektromagnetischen Feldern durchsetzen sollte. Dazu mussten auch stützende Stahlelemente in den Häusern gegen anderes Material ausgetauscht werden. Sinn und Zweck des Ganzen war, ein Mischerlebnis zwischen Virtualität und Realität zu ermöglichen. Es war die gleiche Technik, mit der Virtualitäten fühlbar gemacht wurden. Karian war sich noch nicht sicher, was sey davon hielt. Dass Personen höhere Stockwerke schwebend erreichen konnten, statt Aufzüge zu nutzen, erschien sem diesen Aufwand eher nicht wert.
Zum anderen baute Fork an einer Möglichkeit, die Schwebebahn an die Fernzüge zu koppeln. Das hätte zur Folge, dass am Bahnhof nicht mehr vom einen ins andere Verkehrsmittel umgestiegen werden müsste. Die Schwebebahnkapseln des Nahverkehrs wären bereits Teil der Fernzüge und würden bei Ankunft in Fork an das Nahverkehrssystem andocken. Dazu hatte es über Jahre politische Diskussionen gegeben, weil Fork einen neuen Fernzugtyp erforderlich machte - aber Forks Regierung war überzeugend gewesen und hatte gewonnen. Zurecht, wie Karian fand. Es wäre auch barrierefreier, von außerhalb zu einem bestimmten Ort in Fork zu reisen, wenn ein Umstieg dafür in diesem überfüllten, mehrstöckigen Bahnhof obsolet würde.
Mathia führte sem zielsicher vom Bahnsteig des Fernzugs in einen Aufzug, von diesem durch unübersichtliche Gerüste und Bauschutt in einen anderen Aufzug und von dort auf einen von vielen Bahnsteigen, um mit der Schwebebahn zur Spielhalle zu gelangen, in der innovative Virtualitäten und Simulationen getestet wurden. Der 'Planet der Frauen' wurde im vierten Stock durch das gleichnamige Team simuliert, für das sey sich beworben hatte - mit Dysphorie dabei, weil sey ja gar keine Frau war, und mit der Auflage, dass sey nicht eintreten würde, bevor sich das Team um eine andere Namensgebung gekümmert hätte.
Die Spielhalle war ein hoher, weiter, angenehm dunkler Raum. Im hinteren Teil waren wohl einige in der Virtualität. Sie trugen VR-Brillen und die Anzüge, die mit dem elektromagnetischen Feld zusammen die Virtualität haptisch realisierten. In einer anderen Ecke saßen einige Personen um einen Tisch. Mathia führte sem zu einem kleineren neben dem Eingang.
"Hier kannst du deinen Namen eingeben. Es druckt dir ein Label, das du dir an der Kleidung festheften kannst", erklärte sie.
Karian besah sich den Drucker, der nur ein Eingabefeld hatte und blickte dann auf Mathias Label. 'Mathia (sie/ihr)' stand darauf. Karian tippte 'Karian (sey/sem)' in das Gerät.
Am Tisch bei den anderen musste sey allerdings feststellen, dass nur ein paar Personen Pronomen zu ihren Namen dazugedruckt hatten. Ein bisschen hatte sey das befürchtet, sonst hätte vielleicht am Drucker eine anleitende Notiz dazu gestanden.
"Hi!", grüßte sey. "Ich bin Karian, habe mich kürzlich beworben. Ich bin nicht Wissenschaftlerin, ich bin nicht-binär und hier um zu sehen, ob das trans, inter* und nicht-binäre Personen exkludierende Auftreten durch Unachtsamkeit passiert ist oder ob ihr ein Team aus Frauen bleiben wollt."
"Oh, bei uns sind auch nicht-binäre Personen", widersprach jemand vom Tisch. "Natürlich wollen wir."
Zustimmendes Gemurmel. Karian lächelte erfreut.
"Dann wäre vielleicht ein erster Schritt, eure Label mit Pronomina zu updaten und am Drucker einen Hinweis zu hinterlassen, dass das erwünscht ist", sagte sey.
"Bis jetzt sind hier alle mit 'sie' zufrieden und dass das bei dir anders ist, können wir uns sicher merken", sagte die selbe Person von eben.
"Ehrlich gesagt, ich habe immer Schwierigkeiten mit neuen Pronomina. Das braucht einige Zeit, bis ich das gelernt habe. Bitte versteh das", sagte eine andere Person, blickte genauer auf ser Namensschild. "'Sey' klingt auch noch machbar, da habe ich Schlimmeres erlebt. Ich bin Lara und bin im Vorstand. Ich muss eine etwas neutralere Position einnehmen, aber hoffe, dass du weißt, dass ich trotzdem auf deiner Seite bin."
Das wird ein langer Weg, dachte Karian. "Ich verstehe, dass Gewohnheiten ändern Zeit braucht." Sey verzichtete darauf zu erwähnen, dass sey dieses Argument schon fünfzig-und Male gehört hatte. Auch ließ sey ungesagt, dass es sich mies anfühlte, indirekt gesagt zu bekommen, Neopronomina seien eine Zumutung, sey also die Belastung und nicht die Diskriminierung dieser Welt. Oder dass es bei Pronomina auf Labeln darum ging, dass sey keine Sonderrolle spielen wollte. Oder dass es nicht darum ging, dass Gewohnheiten zu ändern schwierig wäre, ja selbst für sem. Es ging um Einsicht, Akzeptanz, Bemühen, Solidarität.
Sey setzte sich neben Mathia an einen wenig belegten Teil des Tischs.
"Kommst du zurecht?", fragte sie leise.
Karian schüttelte den Kopf.
"Dachte ich mir irgendwie", murmelte Mathia mit einfühlsamen Klang in der Stimme. "Mir fegt sowas immer wieder die Worte weg, aber ich spreche das später nochmal an, wenn ich kann."
Sey blickte sich um. Viele saßen an Faltrechnern und arbeiteten an irgendetwas, manche mit Headset, das sie nach der Begrüßung wieder aufgesetzt hatten. Ein Mensch stand auf, kam zu Karian herum und fragte, ob er sich dazusetzen dürfe. Karian nickte lächelnd.
"Hi, Karina! Willkommen bei uns!", sagte der Mensch mit Namen Elina, wie das Schild verriet.
Ein heißes, unangenehmes Gefühl durchströmte Karian, wie immer, wenn dies passierte. "Karian", korrigierte sey.
"Den Namen kenne ich gar nicht", erwiderte Elina. "Ist das ein traditioneller Lobbud-Name?"
Karian schüttelte den Kopf. Es war ein ausgedachter Name, weil es einfach noch nicht ausreichend Namen ohne Geschlechtsbezug gab.
"Tut mir leid, auf jeden Fall. Ich versuche es zu lernen", sagte Elina. "Kann ich dich als nicht-binäre Person nach deiner Meinung zu meinem Projekt fragen?"
"Klar, gern!", stimmte Karian erfreut zu. Dazu war sey ja schließlich hier.
"Ich bastele an einer Virtualität, wieder an einem Gesellschaftsexperiment. Nicht-binäre Personen wünschen sich ja Repräsentation in der Wissenschaft und Kunst und ich dachte, ich nehme mich dem mal an", leitete Elina ein. "Dabei geht es darum, dass darin neben Orks, Zwergen, Lobbuds, Elben auch ein weiteres Volk existiert, das etwa so stark vertreten ist wie Menschen. Es ist menschenähnlich, aber mit dem Unterschied, dass sie alle kein Geschlecht, ein Geschlecht dazwischen oder beide Geschlechter haben. Ich bin noch nicht sicher, wie ich das biologisch repräsentiere. Wenn alle beidgeschlechtlich wären, wäre es am einfachsten. Was davon klingt für dich als nicht-binäre Person am besten? Und denkst du, Frannling wäre ein guter Name für das Volk? Eine Kreuzung aus Frau und Mann."
Karians Freude war völlig verflogen und sey seufzte schwer. Im Inneren sah sey sich beim Winken und laut Rufen: 'Hallo! Hier bin ich! Ich bin nicht-binär und ein Lobbud, es braucht keine erfundene Art für mich bitte!'
"Das ganze Konzept macht mich unglücklich. Wie ist das mit den realen Völkern? Gibt es unter ihnen nicht-binäre Personen? Oder da nur Männer und Frauen?", fragte Karian.
"Ich hatte zur Vereinfachung an nur Männer und Frauen gedacht. Ich wollte herausfinden, wie sich die Gesellschaft entwickeln würde, wenn es ein anderes Volk gibt", sagte Elina. "Ich dachte, das wäre interessant."
"Es ist prinzipiell interessant. Aber zum einen ist es keine Repräsentation. Zur Repräsentation gehört auch, dass nicht biologistisch gedacht wird. Dass also Geschlecht nicht durch den Körper bestimmt wird, aber auch Körper diverser sind und es Abweichungen von den Normvorstellungen gibt", erklärte Karian. "Zum anderen macht es Personen wie mich sogar noch unsichtbarer, weil du mich aus den existierenden Völkern ausklammerst, während du ein eigenes Volk schaffen musst, das mich repräsentiert. Du sagst damit, ich existiere nicht."
"Es ist doch nur zur Vereinfachung. Aber du hast recht. Repräsentation ist es nicht. Das sollte ich dann nicht so nennen." Elina wirkte einen Moment nachdenklich. "Aber ich möchte das Projekt jetzt nicht aufgeben. Ich arbeite da schon seit einem Jahr dran und irgendwie ist das ohne mein Steuern einfach in meinem Kopf so entstanden. Ich kann da nichts für."
Weil du cis-Sexismus und Biologismus internalisiert hast. Du könntest etwas dagegen tun, dachte Karian. Aber sey hatte keine Kraft einfach gegen alles anzureden. Vielleicht half ja schon, erst einmal an einem Ansatzpunkt etwas zu kritisieren.
"Was hältst du von Frannling, die Frage war noch offen. Es sei denn, du magst darauf keine Antwort geben, weil du das Projekt verdammst." Elina grinste, als wäre es halb gescherzt.
"Die Endung -ling ist ein Diminutiv. Damit stellst du das neue Volk als niedlich dar oder sprachlich als weniger wert oder untergeordnet", meinte sey.
"Meinst du nicht, dass das ein bisschen empfindlich ist?", fragte Elina. "Ich meine, Lobbuds wurden mal Halblinge genannt."
"Was sie aus genau dem selben Grund nicht mehr werden." Sey war inzwischen wütend und stand auf. "Ich suche mir was zu trinken."

Am Nachmittag, nachdem sey mit einigen gesprochen hatte, einige Male 'Karina' zu Karian korrigiert hatte, wurde sey das erste Mal in die Virtualität geführt. Immerhin war auch ein angenehmes Gespräch über Neopronomina dabei gewesen und einige über unkritische Themen, wie technische Umsetzung von Simulationen. Die Einführung leitete Lara, aber es waren außer sem noch einige andere Neue dabei. Mathia begleitete sem.
Sey bekam eine VR-Brille, die ein bisschen leichter war als sere eigene daheim, aber trotzdem noch ein spürbares Gewicht mitbrachte. Allerdings war sie mit einer neuen Technik ausgestattet: Sie scannte die Stärken serer Brille einmal ein und setzte die Messungen in ein für sem scharfes Bild um, sodass sey sere Brille nicht auch noch unter der VR-Brille tragen musste.
Nicht unerwartet zeigte die Virtualität ein relativ klassisches Stadtbild. Trotzdem war direkt ein Unterschied zu sehen. Alles, was gut erreicht werden sollte, war eine Spur niedriger: Schalter, Türklinken, Stufen, Geländer. Immer noch war alles eher auf Menschen ausgelegt, obwohl Menschen in Fork nicht einmal das mehrheitlich vertretene Volk waren, und immer noch wurden Personen mit Behinderung nicht mehr als üblich mitgedacht. Karian hatte Mal eine Virtualität besucht, die den Umbau einer Stadt hinsichtlich Barrierefreiheit simulierte. Aus einer solchen war der Plan zum Umbau des Bahnhofs Forks hervorgegangen. Sey lechzte nach einem Projekt, in dem all die Probleme der Gesellschaft vereint angegangen würden.
"Das Projekt ist als Gegenprojekt zu einer Simulation einer möglichst utopischen Fiktion hervorgegangen, dem 'Planet der Zukunft'. Dabei wollen die Herren mit 'utopisch' tatsächlich meinen, was wäre, wenn sich alles zum Besseren entwickelt, welche Stellschrauben wir dafür drehen müssten", leitete Lara ein. "Allerdings sitzen im Team natürlich wieder nur Männer. Daher haben wir ein Gegenprojekt gestartet, aus dem wir Männer ausschließen, das also nur von Frauen geleitet wird. Die Idee dahinter ist, zu sehen, wie ein Leben ohne Patriarchat wäre. Zu diesem Zweck werden auch keine Männer simuliert. In Simulationen lässt sich glücklicherweise der Fortpflanzungsprozess umgehen. Nachkommen können einfach gespawnt werden."
Eigentlich hatte Karian sich vorgenommen, dieses Mal zunächst nur zuzuhören. Es war kaum aushaltbar. Sey riss sich trotzdem zusammen.
"Wir sind ein Team aus Wissenschaftler_innen der Informatik, Physik, Biologie, Psychologie und Soziologie, sowie ein paar Autorinnen, wie zum Beispiel Mathia. Sie schreibt Berichte über das, was hier passiert, manchmal auch literarisch zu Geschichten oder Theaterstücken ausgearbeitet", fuhr Lara fort. "Wir wollen zeigen, was das Patriarchat unsichtbar macht, also was eine weibliche Welt zu bieten hat."
Karian seufzte tief. Mathia blickte sem an und sie tauschten einen leidenden Blick. Einen Augenblick lenkte Karian die Präzision der in der Virtualität abgebildeten Mimik ab.
"Ich wollte eigentlich nur zuhören", sagte Karian. "Aber es trifft mich doch, dass hier von 'weiblich' als das gesprochen wird, was vom Patriarchat versteckt wird, ohne andere Probleme zu benennen. Das ist zwar vielleicht Teil davon, aber nicht alles. Mich trifft, dass zum Beispiel nicht-binäre Geschlechtsidentitäten in deiner Darstellung völlig ausgeklammert bleiben."
Lara pausierte ihren Monolog und dachte einige Momente nach, blickte Karian freundlich an. "Ich dachte mir schon, dass du das ansprechen würdest", sagte sie. "Es tut mir leid. Ich habe Legasthenie und damit zusammenhängend auch Probleme, Sprechgewohnheiten zu ändern. Ich habe das einfach noch nicht so drauf, jedes Mal den Gap mitzusprechen und von Autor_innen oder Wissenschaftler_innen zu reden."
"Das ist überhaupt nicht der Punkt!", beschwichtigte Karian. "Dass für manche Personen das Ändern von Sprechgewohnheiten langsam geht, ist mir klar. Aber wenn dir das Problem bekannt ist und ich als nicht-binäre Person daneben stehe, warum muss ich das ansprechen?"
"Uns ist das Problem bekannt", sagte Lara in betont entspanntem Ton, der dadurch eigentlich noch weniger entspannt klang, als wäre sie einfach frustriert gewesen. "Wir haben auch schon ein zweites Projekt konzipiert. Es wird 'Dritter Planet' heißen in Anlehnung an das dritte Geschlecht. Es ist der gleiche Ansatz wie 'Planet der Frauen', nur dass darin nur nicht-binäre Personen simuliert werden."
Wieder fielen Karian so viele Elemente ein, die daran falsch waren. 'Drittes Geschlecht' zum Beispiel. Oder der Umstand, dass in 'Erst nur Frauen, dann nur nicht-binäre Personen' das Narrativ steckte, sich erst um das wichtigere Problem zu kümmern.
"Das würde immer noch trans maskuline Personen und inter* oder trans Männer unsichtbar machen", sagte Karian stattdessen.
"Trans Männer simulieren wir ja auch nicht", antwortete Lara.
Sie blickten sich einige Momente verständnislos und wütend an.
"Hier geht es nur um Nicht-Männer", fuhr Lara fort. "Wenn du damit ein Problem hast, dass wir trans Männer ausschließen, dann hast du das Konzept nicht verstanden. Sie sind schließlich auch Männer und daher privilegiert."
Karian schüttelte den Kopf langsam und loderte innerlich.
"Ob ihr euch irgendwann Mal die Zeit genommen habt, die Lebensrealität einer trans maskulinen Person, eines inter* oder trans Mannes anzusehen?", fragte Karian. "Und wie ihr darauf kommt, dass ich nicht trans maskulin wäre, was ich meistens bin!"
"Bist du?", fragte eine bislang unbeteiligte Person, die sich auch beworben hatte. "Aber ich schätze, du bist nicht gemeint. Du bist weiblich gelesen und daher auch vom Patriarchat betroffen."
"Genau! Danke", bestätigte Lara.
"Vom Patriarchat doppelt getroffen zu sein, trifft auf alle trans maskulinen Personen zu!", rief Karian, "Ich jedenfalls trete in diesen Verein nicht ein, wenn ihr nicht auf die Reihe bekommt, Perspektiven entsprechend marginalisierter Personen tatsächlich in Betracht zu ziehen."
"Ich muss zugeben", leitete Lara ein, sanft, aber mit einer Aggressivität, die Karians Wut noch übertrumpfte, "dass ich mit deinem Ton nicht arbeiten kann. Du bist nicht einmal dabei und stellst schon Forderungen. Das ist passiv-aggressiv und fühlt sich für mich an, als würdest du das Team in die Ecke drängen und uns keine Wahl lassen. Wenn wir nicht machen, was du willst, sind wir für dich halt raus."

Matti legte das EM-Buch ins Gras neben sich.
"Mir wird so schlecht, wenn ich das lese", sagte sie.
"Dass Mathia das im Nachhinein wirklich aufschreiben konnte, bewundere ich", merkte Lun an. "Zehn Jahre. Wie haben sie es zehn Jahre nicht auf die Reihe gekriegt, diesen längst mehrfach aufgedröselten, binären, biologistischen, terfigen Müll loszuwerden. Der Text von Fled, den wir davor hatten, der das dekonstruiert, war doch zehn Jahre älter, oder?"
"Ja", murrte Matti, "war er." Sie seufzte und legte sich in die Wiese. Sie fühlte sich wütend, aber auch freier. Sie war nicht-binär und konnte einigermaßen sicher sein, dass ihr kein binäres Geschlecht angedichtet wurde, obwohl sie das Pronomen 'sie' bevorzugte. "Auch finde ich die Frage interessant, wie es nach all der Zeit zu einer Auflösung dieser Probleme und dieses Denkens kam."
Wie kam es dazu? Bitte, liebe Lesenden! Ich möchte das wissen. Von euch!