Wels in der Brandung

Content Notes: Flachwitze, auch potenziell anzügliche, Übergriffigkeit, sowas wie Wasserinsekten, Schwangerschaft/Geburt - erwähnt

Die Geschichte

Disclaimer oder so: Diese Kurzgeschichte sollte besser zwei Sensitivty Readings bekommen, eigentlich. Sie ist aus der Perspektive einer Person mit zwei Marginalisierungen geschrieben, die ich nicht habe. Sie ist aber außerdem vorwiegend dazu gedacht, dass ich zwei Randcharaktere aus der Myrie-Zange-Reihe besser kennen lerne. Vielleicht bekommt sie in Zukunft trotzdem welche. Für das eine wüsste ich immerhin, wen ich fragen mag, für das andere bin ich noch nicht in Kontakt mit einer Person, die den SR-Bereich abdeckt. Im Jetzt-Zustand hat sie noch keine. Ich gebe mir Mühe, nach bestem Wissen und Einfühlungsvermögen daran heranzugehen, aber gehe davon aus, dass ich keine nah-realistische und sensible Darstellung der Repräsentation schreibe. Dieser Disclaimer ist nicht dazu da, zu sagen, dass ich nicht kritisiert werden sollte oder Leute mit mir deshalb Nachsicht haben sollten, sondern soll zur Einordnung dienen, den Hintergrund transparent machen und gegebenenfalls vorwarnen. Kritik ist bei mir immer willkommen, besonders, wenn etwas verletzt oder verletzen könnte.


Etwa 2-4 Jahre vor Myrie Zanges Geburt.


“Trapezierst du?”, begrüßt mich Em.

Auch eine Art der Begrüßung. Ich entspanne faul und ausladend gefläzt auf dem Steg, halb auf einen Stapel Ausrüstung gelehnt, zu oberst indirekt angesprochener Trapezgurt. Ich drehe den Kopf Richtung Wind - und fast Richtung Em. Feinste Wassertröpfchen fliegen mir ins Gesicht. Die Böen drücken meinen Frohawk etwas nach hinten. Ich stelle mir vor, dass Em in meiner Frisur die Windstärke abliest und irgendwie nachempfinden kann, was ich fühle. Em kann in ungefähr allem, was sich im Wind bewegt, Windstärken ablesen. Aber ich kann Ems Gesicht nicht erkennen und habe keinen blassen Schimmer, wo Em mit den Gedanken ist.

“Warum stellst du rhetorische Fragen?”, frage ich amüsiert.

Es ist ein halbes Jahr her, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Das war die bislang längste Zeit, die ich nicht in der Gegend meines Halbgeschwisters verbracht habe.

“Rhethorisch? So faul, wie du in der Ecke röstest?”, stichelt Em.

Ich habe Em schon gehört, bevor Em mich angesprochen hat. Es war nicht geräuscharm, als Em mit den zwei Kindern angelegt hat, während ich hier mit geschlossenen Augen fläzte. Segelgeflatter, Klampengeklapper, das Sirren der Fallen. Dann die zwei Kinder, die sich mit ihren Patschfüßen ihren Weg um mein mittig auf dem Steg platziertes Lager herumgebahnt haben. Wenn Ems Sticheln Kritik ob mangelnder Hilfsbereitschaft ist, ist sie wohl berechtigt. Gespielt ächzend richte ich mich auf und lege die Trapezhose an. Dann die Schwimmweste darüber, die im Stapel für den Touch Gemütlichkeit verantwortlich gewesen ist.

“Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch segeln kann.”, sage ich.

Ein Kern Wahrheit, ein bisschen Furcht, dass ich es verlernt haben könnte, steckt schon darin.

“Ist wie Fahrradfahren.”, sagt Em trocken.

Dann kichern wir beide. Ich kann nicht Fahrradfahren, beziehungsweise habe es tatsächlich verlernt. Das hat mir ohne sehr brauchbaren Sehsinn eher mäßig viel Spaß gemacht. Zwar geht da was mit Autopilot oder Tandem, aber ich lenke mich eigentlich lieber selber, zumindest an Land.

Ich schmeiße den Spi in die Jolle - das letzte der drei Elemente, aus denen mein Stapel bestanden hat, und während Em anfängt, den leichten Segelstoff des Spis in eine dafür vorgesehene Tasche nah am Bug zu stopfen und mit Fallen und Schoten zu verknoten, verfrachte ich mich selbst ins Boot. Es wackelt und ich stolpere absichtlich halb über Ems Fischschwanz, fasse Em dabei an den Schultern an, um mich aufzufangen. Em trägt einen kurzen Rock aus dickem, nassem Stoff mit Taschen, aber kein Hemd unter der Schwimmweste. Die Haut fühlt sich fest und seidig zugleich an.

“Ey!”, beschwert sich Em.

“Wenn du deinen Schwanz einfach so im Weg rumliegen lässt?”, stichele ich.

“Sindra, lass das.”, sagt Em ernst.

Ich lasse sofort los und mache mich auf der Bootsseite klein, wo Em gerade nicht ist, sodass wir uns nicht berühren müssen. Es war ein Spiel, das wir traditionell jedes Mal gespielt haben, wann immer wir nach einer Weile wieder segelten. Aber nun ist etwas anders.

“Früher war das okay und hat Spaß gemacht.”, erklärt Em, “Ich mag das nicht mehr. Ich möchte deine Finger nicht einfach plötzlich halb unter meiner Schwimmweste haben.”

Ich nicke. “Es tut mir leid. Das war übergriffig. Mist.”

“Es war ein Fehlgriff.”, sagt Em schon wieder belustigt, “Aber du kannst ja auch echt nicht ahnen, dass nach einem halben Jahr plötzlich sowas Grundlegendes anders ist. Ich hätte nicht so harsch reagieren sollen.”

“Doch hättest du.”, sage ich fest, “Es ist nach einem halben Jahr ganz sicher an mir, feinfühlig herauszufinden, was immer noch okay ist und was nicht, und wenn ich Grenzen überschreite, dann ist das eine Stresssituation, in der du reagierst, wie das dann geht und wirksam ist. Du solltest dich nicht schlecht fühlen dafür.”

“Du sollst dich auch nicht schlecht fühlen.”, sagt Em eindringlich, “Ich verstehe, was du sagen willst und gebe dir im Normalfall volle Kanne recht. Aber wisse, du bist ausgerechnet die Person, bei der ich nie Angst haben werde, zu sagen, wenn was nicht passt.”

Mich berührt es aus unerfindlichen Gründen tief und ich weiß dazu nichts mehr zu sagen. Die Konversation fängt allerdings auch an, im Hals weh zu tun, weil wir sie gegen die im Wind schlagenden Segel ausführen. Der stabile Stoff gestaltet eine Geräuschkulisse, die es mit einem durch Blech nachgeahmten Gewitter hätte aufnehmen können.

“Wie soll ich mich denn bitte schlecht fühlen, wenn all mein Fühlen gerade davon überrollt wird, wie lieb ich dich hab!”, schreie ich nun doch.

Em schnaubt, aber irgendwas in diesem Schnauben ist liebevoll. “Gut so!”

Das Boot kippelt, weil Em sich wieder zurück auf den Platz neben der Pinne verzieht. Der Spinnaker, meist mit ‘Spi’ abgekürzt, ist verstaut, Spischot und Spifall daran verknotet.

“Hoffentlich habe ich nicht wieder etwas falsch eingefädelt mit diesen Festmachertüddelbändern.” Em gibt sich Mühe, dass das Schreien wie Murmeln klingt und fügt in gleicher Lautstärke, aber als Kommando hinzu: “Klar zum Ablegen?”

“Habe ich da was zu tun?”, frage ich.

“Unauffällig in deiner Ecke sitzen und mich weiter intensiv lieb haben.”, befielt Em.

Ich nicke. “Aye. Klar ist.”

Em legt rückwärts ab. Ja, rückwärts. Mit einem Segelboot. Em trotzt gern, was auf den ersten Blick als ein physikalisches NoGo wirkt. Zum Anlegen hat Em einen Aufschießer in die Box gemacht, das heißt, Em ist mit etwas Fahrt gegen den Wind abgebogen, sodass der Wind das Boot in der Box passend gebremst hat. Nun drückt Em den Baum nach außen, sodass der Wind vom Bug aus ins Segel greift und es wieder aus der Box hinaus schiebt. Em lenkt das Heck in Richtung Hafen, lässt den Baum wieder los, sodass das Segel wieder lautstark flattert, und holt dann die Großschot dicht. Es schlägt ein letztes Mal in Form und mit einem Mal ist der Lärm vorbei. Die Jolle nimmt Fahrt auf und gewinnt dadurch Stabilität. Es ist jedes Mal unbeschreiblich, wie krass verschieden sich Boote anfühlen, wenn sie an Stegen liegen, oder wenn sie sich fortbewegen. Die kreischenden Möwen werden leiser. Alles wird entspannter und ruhiger. Und das, obwohl der Wind zackig ist.

“Du kannst die Fock ausrollen und trapezieren, wenn du willst.”, meint Em.

Ich muss grinsen, weil ich früher Witze mit Rauphasertapetensegeln gemacht habe. Aber die sind alle schon alt und wirken heute gar nicht mehr so witzig. Die Erinnerung erfreut mich allerdings schon.

Die Fockschot ist ein verhältnismäßig dickes Seil, das angenehm in der Hand liegt. Ich krieche vorsichtig ins Boot, um sie zu erreichen, dann ziehe ich mit viel Schwung die Rollfock auf. Sobald auch dieses vordere Segel zieht, krängen wir so sehr, dass Em vorsichtshalber das Groß wieder ein bisschen flattern lässt, bis ich im Trapez hänge. Und ich liebe es, zu trapezen. Direkt neben der Want, einem der seitlichen Stahlseile, die den Mast halten, baumelt ein weiteres Stahlseil mit Öse am Ende auf Bauchnabelhöhe, das von einem Gummizug daran gehindert wird, quer über den Rumpf zu schaukeln. Die Trapezhose hat einen Haken für die Öse, den ich nun einraste, und mich dann gemütlich im Gurt hängend auf den Bootsrand stelle. Ich mag das Gefühl der rutschfesten Beschichtung des Bootsrands in den weichen, robusten Fußsohlen. Stehen ist allerdings vielleicht kein ganz passender Ausdruck. Ich spüre jede Krängung des Bootes und mein Körper reagiert darauf, indem ich das Gewicht permanent entsprechend näher ans Boot oder weiter weg verlagere. Es geht angenehm auf die Beine. Mein Hauptkörpergewicht hängt gemütlich am Mast.

“Fock leicht fieren.”, befielt Em.

Ich löse die Fockschot aus der Klemme, gebe ihr etwas mehr Raum, bis der Druck auf der Schot richtig wirkt und warte, bis mir Em mit einem “Jap” bestätigt, dass die Fock gut steht, bevor ich sie wieder festklemme.

“Klappt doch noch.”, meint Em.

Ich grinse Em an. Dann stampft die Jolle in eine Welle und Salzwasser ergießt sich über mich. Wir lachen beide.

“Du hast da eine schnieke Sonnenbrille mit roten Gläsern. Kannst du damit etwas mehr sehen?”, fragt Em.

“Ich habe in Physik besser aufgepasst, als du, deshalb erkläre ich mal:”, foppe ich, “Wenn Gläser weniger durchsichtig sind, weil sie zum Beispiel gefärbt sind, dann kann eins dadurch weniger sehen, nicht mehr. Zum Beispiel weniger grelles Licht.”

“Ah, ich dachte, sie wäre vielleicht mit irgendeiner fancy Technik versehen.”, reagiert Em grinsend.

“Nein, nur eine Sonnenbrille. Aber rot. Ich habe viel herumprobiert im vergangenen halben Jahr.”, erkläre ich und gebe zu, “Irgendwie sehe ich damit schon besser.”

“Und besser aus.”, fügt Em generös hinzu.


Eine Weile segeln wir, ohne ein Wort zu wechseln, einen Kurs zwischen Am- und Halbem Wind. Auf diesen Kursen eher gegen den Wind ist besonders viel Gewichtstrimm notwendig, um der Krängung entgegenzusteuern, und mit dem durch die Landabdeckung der Insel hackigen Wind ist das ganz schöner Sport. Immer wieder schneidet der Bug so in die Wellen, dass sich kleinere bis größere Ladungen Wasser über mich ergießen. Vorschotende sind davon immer mehr betroffen als Steuernde, aber eigentlich mag ich es. Ich grinse in die Wellen, die mir um den Mund fließen und die Lippen streicheln. Ich mag den Geschmack, der dadurch in Mund und Atemwege dringt. Die Brille lässt längst noch viel weniger Licht durch, weil Salztropfen darauf getrocknet sind.

Als wir an der Insel ein Stück vorbeigefahren sind, wird der Wind gleichmäßiger, etwas stärker, aber wir fallen vorübergehend ab auf einen Kurs zwischen Halbwind und Raum. Der Wind kommt nun zwischen fast von der Seite und schräg von achtern. Das wäre ein Kurs, bei dem der Spi gerade so stehen könnte, flacher gezogen, als auf einem Vor- oder Raumwindkurs, wenn der Wind mehr oder minder fast von achtern kommt, aber Em verzichtet auf veranlassende Kommandos.

“Darf ich noch einmal nachfragen, wie das mit anfassen ist? Gar nicht mehr? Soll ich jedes Mal nachfragen? Oder nur bestimmte Stellen nicht.”, frage ich unsicher.

“Eigentlich ist alles noch beim Alten, nur nicht unter Kleidung.”, erklärt Em.

“Ah Mist, das ergibt sofort Sinn für mich.”, sage ich, “Es tut mir leid.”

“Nein, das ergibt überhaupt keinen Sinn. Muss es auch nicht.”, braust Em vorsichtig auf, “Früher war das total okay und sogar lustig. Du hast das, glaube ich, auch ein bisschen gemacht, um zu fühlen, was ich anhabe.”

“Ja, schon. Auch etwas, was ich nur bei dir gemacht habe.”, gebe ich zu, “Auch heute. Ich war überrascht, dass du oben gar nichts unter der Schwimmweste anhast, und finde, das hat irgendwie Coolness-Faktor.”

“Ja, irgendwie schon.”, sagt Em mit breitem Grinsen in der Stimme.

“Und ich mag die Haptik des Stoffs deines Rocks.”, füge ich hinzu.

“Hose.”, korrigiert Em mich.

“Hose?”, frage ich.

“Es wäre doch ungerecht, wenn Nixen keine Hosen tragen könnten, sondern nur Röcke.”, erklärt Em, “Warum nicht Hosen für Nixen. Aber dann eben nicht mit zwei Hosenbeinen, sondern einem Hosenschwanz.”

Ich breche in ein spontanes Gelächter aus und Em fällt mit ein, erfreut, dass es mich so belustigt. Em ist womöglich die Nixe, die am meisten Schwanz-Witze macht.

“Jedenfalls, wenn dich interessiert, was ich anhabe, verstehe ich das und erzähle es gern.”, kommt Em wieder zur Frage zurück, “Und wenn wir nicht gerade übereinanderpurzeln, weil du dich mit deinen Lobbudfüßen zu ungeschickt verhedderst, weil das einfach ein Gliedmaß zu viel ist, dann können wir auch ausmachen, dass du meine Kleidung befühlen darfst. Klar.”

“Das hilft mir beim Einordnen.”, sage ich.

Ich verkneife mir dazuzusagen, dass ich das nur machen würde, wenn Em sich dabei wohl fühlt. Das würde Em vielleicht sogar nerven, nachdem Em mir so sehr versichert hat, kein Problem damit zu haben, Grenzen bei mir zu setzen. Dass Em eine kommuniziert, ist auch nicht zum ersten Mal vorgekommen.

“Klar zur Wende?”, fragt Em unvermittelt in meine Gedanken.

Ich habe gerade nicht damit gerechnet. Ich lege die Hand an die Öse der Trapezhose, mache mich klar, die Schot aus der Klemme zu lösen und beim Seitenwechsel die Schot von dieser Seite mitzunehmen.

“Klar ist!”, rufe ich.

Mit einem “Re!” kündigt Em an, dass es losgeht und schiebt im selben Moment die Pinne von sich weg. Kurz flattern wieder alle Segel, aber die Wende verläuft schnell und reibungslos. Em fährt dabei mit einem Rollsitz auf die andere Seite. Das Boot ist extra ausgelegt für eine Person mit Fischschwanz und eine mit Beinen. Nun haben wir wieder einen steileren Am-Wind-Kurs. Wahrscheinlich hätte sich den Spi zu hissen einfach nicht gelohnt.

“Sind die Kinners nett?”, frage ich.

Ich meine die Kinder im Segelkurs, zum Beispiel die zwei, mit denen Em angekommen ist. Wenn Em nicht gerade mit Unterricht beschäftigt ist, oder mit Online-Spielen, leitet Em mit unserem Elden eine Segelschule. Elden und Elda nennen wir unsere Eltern, abgeleitet vom Wort ‘Elter’, das wir als Kind aber nicht so gut aussprechen haben können. Eigentlich hatten unsere Eltern geplant, dass wir sie mit ihren Namen referenzieren, aber Kinder machen mit Namen und Bezeichnungen ja nicht immer das Geplante. Sie haben sich allerdings auch nicht gewehrt. Ich frage mich manchmal, ob sie sich gewehrt hätten, wenn wir ‘Alde’ oder ‘Alder’ entwickelt hätten. Auf der anderen Seite ist Elden alt und mag das eigentlich.

“Die zwei heute haben mich gefragt, ob sie ohne Schwimmweste segeln dürfen, wenn sie mit mir segeln. Weil ich als Nixe sie doch sicher in jeder beliebigen Situation retten könne.”, berichtet Em.

Ich bilde mir fast ein, zu hören, wie Em die Augen verdreht. Em oder auch Elden werden regelmäßig von den Kindern gefragt, warum sie als Nixen selbst eine Schwimmweste tragen. Em reagiert darauf meistens geduldig, aber auch ein bisschen ironisch. Em kann, wie fast alle Nixen, zu unsereins unvergleichbar lang die Luft anhalten, sehr schnell schwimmen, wirklich lange Strecken durchhalten. Aber Em hat dafür weniger Auftrieb als die meisten Personen mit Beinen im Kurs, würde im Wasser eher zu Boden sinken. Wenn eine Nixe den Baum gegen den Kopf bekommt und eine Weile nicht schwimmen kann, ist das eben genau so gefährlich, wie bei den fußlastigen Segelkindern. Die Kurse sind gemischt, aber die Mehrheit der Segelkinder hat Füße.

“Hui, das klingt nervig.”, murmele ich laut.

“Ansonsten sind sie interessant, wie immer. Ich mag sie. Kinder erweitern regelmäßig meinen Horizont.”, fügt Em hinzu, was Em jedes Mal hinzufügt, und was wahrscheinlich einfach immer stimmt.


In der Bucht, die wir ansteuern, ist der Wind weniger stark. Daran und an der anderen Dünung erkenne ich, dass wir allmählich da sind. Obwohl ich auch grob das Ufer ausmachen kann. Der helle Strand hebt sich vom Wasser davor und dunklerem Wald dahinter kontrastreich ab. Mitten auf diesem Strand liegt ein Drache, Exec, gemütlich in der Sonne, und wahrscheinlich warten dort auch schon unsere Eltern. Em macht wieder einen Aufschießer am Strand, wo Em mich aussteigen lässt. Em allerdings segelt, - nun wieder nur noch mit Groß -, zu einem Dalben neben einem zweiten, an dem schon das Boot unserer Eltern parkt. Dort vertäut Em das Boot, packt das Groß ein, das dabei wieder laut flattert, und mit einem leisen, nur fast geräuschlosen Platschen verschwindet Em im Wasser. Em braucht ungewöhnlich lange. Vielleicht ist Em nervös. Das war ich letztes Jahr auch, als ich meinen Namentag hatte. Heute hat Em sich entschieden sollte Ems Namentag sein.

Ich warte am Ufer, wo die Wellen auf den Strand rauschen, statt schon zu unseren Eltern vorzugehen. Schließlich taucht Em auf und robbt sich den Strand hinauf, ich gehe lagsam neben Em her.

“Ich habe mich übrigens kurz umgezogen und trage nun einen Ballettrock aus zerschlissenem Tüll. Und die Schwimmweste habe ich im Boot gelassen.”, teilt Em mir mit.

Vermutlich ist der Tüll zerschlissen, weil das nicht unbedingt geeignetes Material ist, um auf Stränden herumzurobben. Aber von solchen Lapalien hat sich Em noch nie aufhalten lassen. Wobei, beim Segeln lässt Em so etwas, weil sich der Stoff in den Klampen, Klemmen und Rollen verhaken könnte, was dann eben nicht nur den Stoff zerschleißt, sondern auch Unfallrisiko erhöht.

“Keine Tüll-Ballett-Hose?”, frage ich.

“Natürlich, du hast recht.”, bestätigt Em grinsend.

Wir kommen an der Decke an, die unsere Eltern ausgebreitet haben. Elda klopft auf den Stoff, wo ich mich hinsetzen kann. Ich lasse mich in einen Schneidersitz nieder. Em robbt herüber und legt den Oberkörper halb auf meinem Schoß ab. Die Silhouetten unserer Eltern sehen so aus, als täte Elden mit Elda dasselbe. Ich glaube, das ist, weil, wenn Nixen nicht unter sich sind, immer Gesichter höher sind als ihre, um das auszugleichen. Ich bin damit groß geworden, dass Elden und Em das quasi immer tun, aber wenn sie allein sind, einfach so nebeneinander im Sand liegen. Ich habe das bislang nie hinterfragt und entsprechend nie gefragt. Nun kommt mir der Gedanke das erste Mal.

Nachdem wir alle unseren Platz gefunden haben, bleibt es eine Weile still, abgesehen vom Wind, der im Wald mit den Blättern, und der Brandung, die am Ufer mit den Steinen raschelt. Sie klimpern fast. Aber besonders mag ich die Haptik und Temperaturspiele des Windes auf der Haut und in ihrer Behaarung. Ich mag, ein Lobbud zu sein. Ein Lobbud mit Schwimmhäuten zwischen Fingern und Zehen, was nicht unwahrscheinlich damit zusammenhängt, dass Elden eine Nixe ist.

“Ja, moin.”, eröffnet Em das Gespräch.

Ich muss grinsen. Für eine Zeremonie ist das eine nur unwesentlich eloquentere Begrüßung als es die Frage, ob ich wieder trapezieren würde, vorhin an mich gewesen war. Ich versuche mir allerdings das Grinsen gleich auch wieder zu verkneifen. Em ist nervös, das bekomme ich mit. Und wie ich Em kenne, wird Em daraus kein Geheimnis machen. Das mag ich sehr an diesem meinem Geschwister.

“Wir haben uns hier alle versammelt und so.”, führt Em weiter aus, “Und ich fühle mich irgendwie nicht so richtig der Situation gewachsen. Ein Teil meines Halbunterbewusstseins möchte nun unbedingt den nächsten Schwanzwitz bringen und drängt sich mir auf, weil Flachwitze nun einmal meine Persönlichkeit vollständig ausmachen. Ich fühle mich deshalb deplatziert und nicht so richtig anwesend. Kennt ihr da gute Tricks gegen?”

“Verschiedene.”, reagiert Elden mit dieser sanften, milden Stimme, die in mir immer sofort ein Zuhause-Gefühl auslöst, “Es ist deine Zeremonie. Die geht um dich. Du darfst dich mit deiner Flapsigkeit akzeptieren und wir können die Feier so anpassen, dass sie genau zu diesem Du passt.”

Em schüttelt den Kopf, der dabei gegen meinen Körper stößt. Em trägt Cornrows stelle ich spätestens dabei fest.

“Du möchtest lieber eine ernstere Zeremonie, schließe ich?”, fragt Elda.

“Sie muss nicht unbedingt so einen Traurigkeits- oder Melancholiecharakter haben, den ernste Zeremonien oft mit sich bringen.”, erklärt Em, “Also, wie es gerade ist, ist mir das vielleicht sogar schon zu ernst. Aber vielleicht einen, zu dem das Erzählen schöner Geschichten passt.”

“Soll dann vielleicht einfach jemand von uns eine schöne Geschichte erzählen?”, fragt Exec.

‘Elden’, konkretisieren meine Gedanken. Elden erzählt wunderschön lebendig.

“Eine reale vielleicht.”, schlägt Em vor, “Oder eine, die hier stattfinden könnte. Ich stelle wahrscheinlich die unmöglichsten Ansprüche. Aber vielleicht hilft es schon, wenn ich sage, was optimal wäre, auch wenn das gar nicht geht.”

“Ich habe Elden hier kennen gelernt. Tut die Geschichte?”, fragt Elda.

“Genau hier?”, fragt Em so überrascht, wie ich mich fühle.

“Das wusste ich auch nicht.”, füge ich hinzu.

Ich würde die Geschichte sehr gern hören, aber spreche es nicht aus. Heute ist Ems Tag. Ich wünsche mir einfach, dass Em sich das aussucht, - und habe vielleicht Glück.

“Das klingt zwar nach einem völlig unwahrscheinlichen Zufall, aber wenn das Universum das will, ist das vielleicht eine gute Idee.”, sagt Em.

“Na, was meint ihr, warum wir uns ausgerechnet hier so oft zu Zeremonien treffen?”, fragt Elden, “Es ist ein besonderer Ort.”

“Das ist er, aber das könnte er auch sein, wenn ihr ihn irgendwann gemeinsam gefunden und lieb gewonnen hättet. Dazu muss es nicht zwangsläufig der Kennenlernort gewesen sein.”, sagt Em, “Habt ihr euch direkt gut verstanden und eine Freundschaft aufgebaut, oder gab es zunächst Streit, bis ihr zusammengefunden habt?”

“Tatsächlich waren wir eine kurze Zeit am Anfang ziemlich glücklich verliebt.”, berichtet Elda, - erneut zu unserer Überraschung. Wir wissen eigentlich, dass unsere Eltern eine aromantische Freundschaftsbeziehung führen, in der sie uns groß ziehen. “Das hat nur drei bis vier Treffen angehalten. Bei mir, weil ich romantische Gefühle nur erwidere, wenn sie auf der anderen Seite da sind, und Salin empfindet nur romantische Gefühle, solange Salin die Person noch nicht so gut kennt.”

Elden heißt Salin. Elda heißt Alwen und kien Pronomen ist kie. Es fühlt sich für mich immer etwas seltsam an, wenn Elden innerhalb der Familie nicht Elden genannt wird, oder Elda nicht Elda. Aber wenn sie gegenseitig voneinander reden, wäre bei unseren Eltern alles andere inzwischen auch seltsam. Vielleicht gewöhne ich mich irgendwann daran.

“Das war mir auch nicht so klar.”, murmelt Em, “Auf Erzählungen über Streit hätte ich vielleicht auch nicht groß Lust gehabt. Aber so: Erzählt.”

“Du meinst, Elden soll erzählen, nehme ich an?”, fragt Elda belustigt.

Em nickt, was ich wieder in meinem Schoß spüren kann.

“Wir wollen ja, dass wenigstens etwas nicht überrascht an diesem Tag.”, erklärt Em schmunzelnd und mit einem spielerisch fiesen Unterton in der Stimme.

Elden gibt ein Summen von sich, um sich zu sammeln. Es klingt schön. Ich hoffe, dass es für Em die Stimmung erzeugt, die sich Em wünscht.

“Wo fange ich an.”, murmelt Elden, “Es war an einem wirklich warmen Nestag Vormittag im Sommer vor sechzehn Jahren. Wir hatten beide unsere jeweils eigenen Challenges. Ich habe damals trainiert, vom Festland hierher zu tauchen, möglichst selten Luft holend. Und dann war da Alwen in kiener Segelkiste. Ihr wisst, diese lütten, viereckigen kantigen Jöllchen, die für kleine Kinder gedacht sind, aber eigentlich nicht für einen ausgewachsenen Lobbud.”

“Ich habe mich darin eben sicher gefühlt.”, wirft Elda ein.

“Und das ist auch vollkommen in Ordnung.”, betont Elden, “Es war auch sicher praktisch, glaube ich. Klar, eine Maerope zum Beispiel wäre für deine Größe und dein Gewicht sicher besser geeignet gewesen. Aber eine Maerope hat nicht so viel Stauraum für Flossen und Schnorchel. Ein Dreineunziger hätte vielleicht den Stauraum, aber allein zwei Segel zu händeln, ist vielleicht stressig. Und Unken hatten wir damals hier noch nicht.”

Mit einem Dreineunziger sind Em und ich hierhergelangt. Die Bootsklasse heißt so, weil sie 3 Meter und 90 Zentimeter lang ist. Es ist ein Boot, das sich Em auch gut allein zu segeln zutraut, das aber angenehmer mit einer weiteren Person zu fahren ist, ausgelegt für Personen in zum Beispiel durchschnittlicher Lobbud-Größe. Es gibt noch einige ähnliche Bootsklassen in Längen für größere Personen, wie den Vierzwölfer, den Viervierundachziger, den Fünfnullfünfer und den Siebenzwanziger. Ich muss jedes Mal grinsen, wenn ich über die kuriosen Zahlen nachdenke.

“Alwen legte an und schob die immerhin robuste Segelkiste etwas den Strand hinauf. Ich war ein bisschen skeptisch damals, muss ich zugeben, ob der Strand der Lackierung so gut bekommt. Aber auf der anderen Seite sind die Dinger schon wirklich robust.”, setzt Elden wieder ein, “Jedenfalls kramte kie dann vorn aus dem Bug unter der Mastbank eingeklemmt recht große Flossen und Taucherbrille hervor. Ich fühlte mich allmählich unbehaglich dabei, weiter zu beobachten, aber dachte, als Schnorchelführung eignete ich mich wohl ganz gut. Also habe ich kie gefragt, ob wir zusammen tauchen wollten, oder kie lieber allein unterwegs wäre. Kie war ganz schön nervös. Warst du doch?”

Alwen grinst, lacht und nickt.

“Aber zugestimmt hat kie doch eindeutig.”, fährt Alwen fort, “Und dann gab es so witzige Unparallelen. Während Alwen kiene Flossen anzog, zog ich meine Flosse aus. Ich hatte damals eine breitere Flosse an meiner Flosse montiert, um mit mehr Widerstand zu trainieren, aber mit der Rennflosse mit einem Lobbud schnorcheln, ergibt nicht so viel Sinn.”

“Ich habe mich ja damals gefragt, warum du das überhaupt machst. Du kanntest ja alles, du hättest sonstwo tauchen können, aber hast mir lieber Orte gezeigt, die du doch längst kennst. Mir! Einer Person mit unpraktischem Körper zum Tauchen und wenig Erfahrung.”, wundert sich Alwen.

Entweder sie haben nie darüber gesprochen, oder für Elda ist es einfach immer noch besonders. Elden summt noch einmal warm, bevor Elden antwortet:

“An dem Tag warst du das Interessanteste für mich. Wie würde eine Person wie du mit Flossen umgehen? Ich kann das gar nicht in Worte fassen: Du warst quasi ein Wasserwesen, das ich nie wieder die Gelegenheit gehabt haben werde, so zu erleben.”, berichtet Elden, “An jedem neueren Tag wärest du erfahrener. Und es war einfach schön, dich zu erleben.”

“Wie mir eine Schwebegarnele ins Ohr schwimmt, zum Beispiel.”, fällt Elda ein.

Beide kichern.

“Nach ein paar Stunden war kie jedenfalls erschöpft. Wir haben uns dann auf diesen Strand gelegt und uns gegenseitig die Fluke beziehungsweise die Füße massiert. Kiene Füße waren ein bisschen geschwollen, weil kie Flossen nicht so sehr gewohnt war.”, kommt Elden zum Schluss, “Oh, my, kann euer Elda gut Fluken massieren, und das wohl ganz ohne Übung. Es war ein schöner Tag und irgendwie ist es dann vielleicht ein bisschen romantisch geworden.”

“Das ist eine schöne Geschichte.”, sagt Exec als erstes, “Ich wüsste gerade nicht, was ich Schönes von hier erzählen kann, obwohl ich hier wohne. Aber bei allen schönsten Geschichten wart ihr dabei.”

“Irgendwie kann ich mir kaum vorstellen, dass auf so eine schöne Insel nur wir immer wieder herkommen.”, murmelt Em.

“Es kommen schon hin und wieder andere her.”, widerspricht Exec, “Aber ihr seid irgendwie mehr Familie für mich. Als Drache ist das immer so eine Sache, sich anderen zu nähern. Entweder sie haben Angst, oder sie sind sehr neugierig. Bei euch bin ich irgendwie ich. Auch wenn ich gar nicht so blutsverwandt bin.”

“Du bist Wahl-Familie.”, sagt Em und grinst dabei breit.

Exec lacht freundlich und spuckt dabei ausversehen ein kleines Flämmchen. Ich merke, wie es kurz heller und wärmer wird. Nichts fängt Feuer, wie immer. Bei den ersten Malen hatte ich tatsächlich noch Angst gehabt, als Exec das passiert war.

“Bei dir weiß eins nie, ob du mich bei so einem Ausspruch nicht für einen Wal hältst.”, neckt Exec.

Em hat tatsächlich eine Wal-Familie. Manche Nixen werden von Grenlanndwalen geboren und wachsen dort ein paar Monate bis zu einem halben Jahr auf. Die Nixen-Eltern verbringen dann die Zeit dort mit ihnen. Es gibt verschiedene Theorien dazu, welchen Einfluss das auf Nixenkinder hat, ob für sie dann die Sprache der Wale und Meereswesen zum Beispiel natürlicher wirkt, oder die Sprache der Nixen, Siren, dadurch eine andere Facette hat. Jedenfalls hatten sich unsere Eltern bei Em entschieden, diese Tradition zu wählen. Elden wollte auch selbst keine Schwangerschaft. Und als Elden mit Em von Grenlannd zurückkehrte, beschlossen sie, ein zweites Kind zu kriegen, mich, das Elda gebären würde.

“Oh, du mein Wels in der Brandung.”, foppt Em zurück.

“Wels?”, fragt Exec, “Ich weiß, dass Welse groß werden können, aber so groß?”

“Wusstest du, dass dein Drachenvolk in Siren Welsdrachen heißt? Also, aus Siren in Kadulan wörtlich übersetzt?”, fragt Em.

“Nein, wusste ich nicht.”, antwortet Exec und schüttelt dabei den Kopf, was tatsächlich hörbar daran ist, dass die Akustik sich ändert, “Ich kannte den Begriff Drachenwels. Aber das sind Fische.”

“Ja, in Kadulan gibt es Drachenwelse aber keine Welsdrachen. Hier heißt ihr Barteldrachen, richtig?”, fragt Em.

Eigentlich wissen wir das genau. Ich vermute, das ist eine Form von Respekt, warum Em das fragt.

“Ja. Wobei gar nicht alle von uns Barteln haben.”, antwortet Exec trotzdem.

Exec allerdings hat Barteln.

“Ich finde das irgendwie schade. Welsdrache klingt gar nicht so überzeugend in Kadulan, wie Drachenwels. Die Rhythmik stimmt nicht.”, sagt Em, “Aber ich glaube, ich springe schon wieder durch zich Themen. Und die Stimmung ist gerade okay. Also fange ich vielleicht damit an, warum wir uns versammelt haben.”

“Dein Namentag, richtig?”, fragt Exec.

Ich spüre Ems Kichern in Ems Schulterbereich, das aber nicht so richtig als Ton nach außen dringt. Em ist immer noch nervös, aber weniger als vorhin, das stimmt wohl.

“Ich habe überlegt, Sindra ist ein schöner Name.”, sagt Em.

Im ersten Moment muss ich grinsen. So heiße ich. Das war genau der Satz, den ich vor einem Jahr genutzt habe, um mich als Sindra vorzustellen. Em will hier wieder Spaß machen. Das zumindest ist mein erster Gedanke. Aber dann lasse ich da Grinsen doch in ein Lächeln übergehen. Es spricht zwar viel dafür, dass es ein Scherz ist, dass Em uns ärgern will, unter anderem, weil sich abgezeichnet hat, dass Em eher nicht Lun ist und Sindra ein Lun-Name ist. Aber einfach nur für den Fall, dass Em es ernst meint, ist es wichtig, dass der Raum dafür da ist, Em auch ernst zu nehmen.

“Ich würde selbstverständlich meinen Namen mit dir teilen.”, sage ich also.

“Dass es ein schöner Name ist, heißt nicht, dass ich ihn auch will.”, sagt Em, nicht unerwartet für mich, “Ich dachte, ich gratuliere dir nur noch einmal, dass ich deinen Namen wirklich schön finde.”

“Danke.”, sage ich, und streichle Em vorsichtig über den Arm.

Was Em definitiv geschafft hat, ist, mich nun endgültig auch sehr nervös zu machen.

“Ich habe mich für Myrie entschieden.”, sagt Em, oder ab nun Myrie.

Em ist ein Neutre-Name und kann wie all jene als Übergangsname vergeben werden. Gar nicht mal wenige Personen behalten ihre Übergangsnamen, wodurch sie zu ihren Namen werden. Myrie und ich nicht.

“Das ist auch ein schöner Name.”, sagt Elden warm.

Elda bestätigt. Irgendwie ist die Stimmung trotzdem sehr angespannt. Wir wissen alle nicht so recht, was sich Myrie nun wünschen würde.

“Was denkst du dazu?”, fragt Myrie mich direkt.

Ich zögere, bevor ich mich traue, wirklich zu sagen, was ich denke. Aber Myrie will es wissen, also soll sie es wissen:

“Dass du dir einen schönen Namen ausgesucht hast, und dass du gern den Kadulan-Sprechenden an ihre Beine pinkeln möchtest. Oder an sonstige Gliedmaßen.”

Myries Körper entspannt sich in meinen Armen. Das erleichtert mich. Myrie gluckst ein wenig.

“Das war nicht primär das Ziel, aber irgendwie spielt das eine Rolle.”, gibt Myrie zu und erklärt, “Ich bin Solstim oder irgendwas zwischen Solstim und Neutre. Es schwankt ein bisschen. Manchmal schwappt es auch fast in Sol-sein. Jedenfalls habe ich mir die Namen angesehen, die traditionell Solstim und Neutre zugleich zugeordnet werden, und hatte mich eigentlich schon vor Jahren in den Namen ‘Myrie’ für mich verliebt. Er passte irgendwie einfach. Aber dann habe ich mitbekommen, dass er eben im Kadulan-Sprachraum häufig eher weiblich gelesen wird. Personen sollen mal bitte aufhören zu lesen. Vor allem aufhören, sirensche Namen falsch zu lesen. Aber irgendwie sagen Sozio-Vorhersagen ja eher, dass wir noch mindestens zwei Jahrzehnte damit leben müssen, dass Personen Namen nach Klang Geschlechter zuordnen.”

“Möchtest du vielleicht auch ein Pronomen haben?”, fragt Elden freundlich.

“Nein, Myrie reicht. Ich erkläre dann allen jeweils, was ‘Solstim’ heißt, schätze ich. Was zwar nervig ist, aber irgendwie eben auch Teil von mir ist, und ich würde gern, dass Leute verstehen.”, antwortet Myrie, “Ich werde mir dafür schon flapsige Erklärungen einfallen lassen im Laufe der Zeit. Und wie du schon sagst, Sindra, Leuten fröhlich ans Bein pinkeln. Zumindest wird es sich so anfühlen.”

“Ich pinkle mit.”, verspreche ich.

Myrie nimmt meine Hand und küsst ihren Handrücken einmal zärtlich.

“Darauf zähle ich.”, sagt Myrie.

Siren sieht sprachlich fünf Geschlechter vor: Sol, Solstim, Neutre, Lun und Rosalun. Bei der Entsprechung zu den klassischen Rollenbildern im Kadulan wäre Sol am ehesten Mann und Lun am ehesten Frau, aber die Übertragung ist nicht so richtig stimmig. Rosalun beinhaltet zum Beispiel eine gewisse Neigung zu Grazilsein, Eleganz, bewusstes nach außen tragen von Geschlecht, das in binären Kulturen zwar oft mit starker Weiblichkeit verknüpft wird, aber eigentlich ein Konzept abdeckt, bei denen die Geschlechtsverteilung in anderen Kulturen, die das auslebt, eher gleich verteilt ist.

Die sirenschen Geschlechter bilden so etwas wie eine Geschlechtsgerade, was innerhalb sirenscher Kultur auch kritisiert wird, aber diese Gerade hat weniger mit einer Mann-Frau-Gerade zu tun, als Leute meist denken.

“Magst du eigentlich Begriffe, wie Schwesterich? Ich würde vermuten, wenn, dann eher Schwesterich als Brüderin?”, frage ich.

“Oh, wie cool ist bitte Schwesterich!”, begeistert sich Myrie, “Nenn mich Schwesterich! Für mehr verwirrende Kadulan-Neologismen!”

“Dann buddeln wir mein Myrie-Schwesterich nun ein?”, frage ich.

Das ist das Ritual am Namentag, das für alle dazugehört, solange sie möchten. Myrie weigert sich nicht, sondern nickt.

Wir platzieren Myrie also zwischen uns auf den Sand, die Decke nimmt Elden dazu weg, und rieseln solange Sand auf Myries Körper bis der Schwesterich unter dem Sand bedeckt ist. Dann lassen wir Wasser darüber laufen. Wir haben den Eimer vergessen, also schwimmt Elden noch einmal zum Boot und holt die Pütz. Und zum Schluss schreiben wir auf die einbettende Sanddecke den Namen Myrie. Myrie buchstabiert ihn dazu und kann sich dabei kaum beherrschen, nicht absichtlich einen Fehler zu machen, einfach aus Albernheit. Aber die eine Sache will Myrie heute richtig machen.